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Susanne Wolff über „Styx“ : Wenn es kein Zurück mehr gibt

Susanne Wolff als Rike in Wolfgang Fischers „Styx“ Bild: Benedict Neuenfels

Im neuen Film von Wolfgang Fischer durchlebt eine Notärztin aus einem Segelboot das moralische Dilemma des Westens, als ein Flüchtlingsschiff auftaucht. Die Schauspielerin Susanne Wolff spricht über ihre Rolle in „Styx“.

          Eine Frau, eine elf Meter lange Yacht, 4970 Kilometer von Gibraltar bis Ascension, der Insel im Südatlantik. Rike ist Notärztin, man sieht sie anfangs kurz im Einsatz, und Einhandseglerin. Sie genießt die Einsamkeit auf dem Ozean. Sie übersteht einen schweren Sturm, um in der Stille danach einen Trawler zu sehen: ein paar hundert Meter entfernt, voller Flüchtlinge, nicht mehr seetüchtig. Die Küstenwache macht kaum Anstalten zur Rettung. Rike holt einen Jungen an Bord, der ins Wasser gesprungen ist. Und durchlebt dann stellvertretend das moralische Dilemma des Westens. Weitersegeln geht nicht, schon gar nicht für eine Ärztin; einem Einzelnen zu helfen, das heißt: allen anderen nicht zu helfen; allen helfen zu wollen, das hieße: mit ihnen unterzugehen. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, der Film tue keine Sekunde lang so, als gäbe es eine Antwort auf dieses Dilemma. Das ist die Stärke von Wolfgang Fischers „Styx“. Und diese Stärke rührt wesentlich aus dem Spiel von Susanne Wolff als Rike. Die 45-Jährige ist als Theaterschauspielerin am Thalia und Deutschen Theater bekannt geworden, sie hat rund 30 Kino- und Fernsehfilme gedreht. Alles andere als eine Filmpreisnominierung für ihr Spiel in „Styx“ wäre eine Unverschämtheit.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Haben Sie jemals so hart gearbeitet wie bei „Styx“?

          Nein, bis zu dem Zeitpunkt nicht. Es war mit Abstand das Projekt, bei dem ich am dichtesten an meine Grenzen herangekommen bin oder vielleicht sogar darüber hinaus; wo man viel über sich erfährt, was Geduld, was Verstehen oder Nicht-Verstehen anbelangt, oder Aushalten und Arbeiten, wenn man seekrank ist. Auch die Herausforderung war neu, einem Regisseur komplett zu folgen, zu vertrauen, wenngleich ich zu dem Zeitpunkt, wo wir gedreht haben, nicht alles verstanden habe.

          Was heißt „verstehen“?

          Was mir bei dem Film sehr deutlich geworden ist: Ich sehe meine Welt, ich nehme etwas wahr, die Flasche dort, das Polster, an das ich mich gerade lehne. Und der Kameramann und der Regisseur sitzen mir direkt gegenüber. Sie haben ein anderes Bild von mir, eine andere Perspektive, eine andere Wahrnehmung. Und dadurch, dass wir auf einem so engen Raum wie der Kajüte eines Bootes gedreht haben, musste man noch präziser arbeiten. Da gab es oft Situationen, in denen ich gedacht habe, dass ich jetzt aus der Vorstellung meiner Figur heraus agiere, aber der Regisseur möchte etwas anderes haben, was er aus seiner Perspektive sieht.

          Eine Frau auf einer Yacht. Vor ihr eine Entscheidung: Rike (Susanne Wolff) in „Styx“

          Was genau meinen Sie mit „dem Regisseur folgen“?

          Das hat mit der Arbeitsweise zu tun, die mir so noch nicht bekannt war. Wolfgang Fischer, der Regisseur, hat mit Ika Künzel das Buch geschrieben, über sieben Jahre. Und es ist ein unglaublicher Gewinn, wenn der Regisseur so viel über das Buch weiß, weil es sein Buch ist und nicht die Adaption eines anderen Autors. Das hat aber dann auch zur Folge, dass man am Set gewissermaßen einer weiteren Figur gegenübersitzt, dem Zwilling von Rike. Es gibt meine Vorstellung von ihr und die sehr genaue Vorstellung des Regisseurs. Und da gab es Situationen, in denen er gesagt hat: „Nein, so würde Rike nicht reagieren.“ Das war neu für mich. Als ich mir das Ergebnis dann anschaute, wurde für mich sichtbar, worauf er so gedrungen hat, diese Strenge, diese absolute Reduziertheit in ihrem Handeln, dass das zu einer großen Energie geführt hat. Das habe ich beim Drehen so nicht wahrgenommen, ich hatte eher den Eindruck, man schneidet mir jetzt ein Gefühl ab. Ich habe doch einen Impuls als Schauspielerin, ich denke als diese Figur. Und da war im Nachhinein mein Denken konventionell im Vergleich zu seiner Vorstellung von der Figur.

          Wie bereitet man sich auf eine solch extreme Rolle vor?

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