05.02.2010 · Einmal im Jahr bittet Robert Redford zu seinem Sundance Filmfestival ins verschneite Park City nach Utah, wo sich der unabhängige amerikanische Film längst durch die Industrie vereinnahmt sieht. Da hlefen auch die wiederholten Aufrufe zur Revolution nicht weiter.
Von Harlan Jacobson, Park City„Ihr Wegweiser zum rebellischen Film“, schreit das Programmheft des Sundance Filmfestivals 2010 in knalligem Rot. Auf der Innenseite geht es dann in pseudorevolutionärem Pathos weiter: „Rebelliert!“ lautet der erste jener Aufrufe, die auch vor jeder Vorführung in großen Lettern auf der Leinwand erscheinen.
„Dies ist die neuerliche Rebellion ...“
„Dies ist der erneute Kampf gegen etablierte Normalität ...“
„Dies ist die Neuauflage der Schlacht um kühne neue Ideen ...“
Alles klar?
„Das ist Sundance“, erklärt das Programmheft.
Drei Seiten weiter werden natürlich die Sponsoren der Rebellion gefeiert: Entertainment Weekly (Time Warner), Hewlett Packard und Honda - ein ziemlicher Abstieg nach den Jahren, als Mercedes eine Flotte von SUVs bereitstellte, in denen magere, schwarzgekleidete Groupies durch die aufgemöbelte einstige Bergarbeiterstadt kutschiert wurden, deren Immobilienblase die amerikanische Wirtschaft hätte ruinieren können und mit ihr die ganze Welt. Und angesichts der kleineren Sponsoren (American Express, Microsoft, YouTube, Sony, Stella Artois und so weiter) musste klar sein, dass die angekündigte Rebellion, wenn sie überhaupt stattfand, sich entweder Marlon Brando zum Vorbild nehmen würde, der in „The Wild One“ auf die Frage, wogegen er rebelliere, die Antwort gibt: „Was ist denn so im Angebot?“ Oder Mel Brooks, der als Ludwig XVI. in „The History of the World“ den Ausruf „Sire, the people are revolting“ mit der Bemerkung quittiert: „You said it! They stink on ice.“
Ein Magnet, ein Wegbereiter
Das diesjährige Sundance war das sechsundzwanzigste unter Leitung unseres guten alten Bob. Diese uramerikanische Veranstaltung - ursprünglich gedacht, mit der Präsentation unabhängiger Filme, deren Drehbücher in Robert Redfords Institut entstanden waren, zugleich Werbung für den Wintersport in den Wasatch-Bergen zu machen, die bei den betuchten Skifahrern von Colorado alles andere als populär waren - ist überhaupt nicht mehr wegzudenken.
Sundance ist ein Magnet, ein Wegbereiter: Tarantino, Soderbergh, Harvey Weinsteins letzte Produktionen, Kevin Smith, Steve Buscemi, Parker Posey, Al Gores Nobelpreis, der oscarprämierte Song „It's Hard Out Here for a Pimp“ (erklären Sie das mal Jerome Kern, der 1938 für „Thanks for the Memory“, oder Irving Berlin, der 1942 für „White Christmas“ einen Oscar erhielt), Todd Solondz, Christopher Nolan, Rebecca Miller, Oliver Stones Techtelmechtel mit Fidel und so fort. Tausend Filme haben seit 1985, dem Annus Redfordianus, ihren Weg gemacht, zweitausend sind abgestürzt und verbrannt. Mittlerweile ist Sundance ein sturmreifer Koloss. Also wurde diesmal, unter John Cooper als neuem Programmdirektor, eine Rebellion gegen sich selbst inszeniert.
Düsternis war das vorherrschende Motiv in diesem Jahr, was hier nicht sonderlich auffiele. Während es in den Jahren zuvor um Gender, Klasse, Rasse, häusliche Gewalt gegangen war, verlor man sich nun in endlosen Abwärtsspiralen, als wären Vorurteile das Problem und nicht Geld. Jetzt also: Filme einer wirtschaftlichen Verdauungsstörung, mittlere Beleidigungen für Kopf oder Bauch, die Sonnenschein und Säureblocker bieten, damit alles rauskommt und schön sediert wird. Die Figuren, ob fiktional oder real, wirkten matt und kraftlos.
Dann ist Krieg Scheiße
Am besten war noch Debra Graniks „Winter's Bone“, die Geschichte einer Siebzehnjährigen (glänzend gespielt von Jennifer Lawrence), deren Vater abgetaucht ist und möglicherweise sein Haus verliert, weil es als Kaution in einem Drogenprozess dient - Crystal Meth statt Whiskey in diesem Genrebild einer heruntergekommenen Familie im ländlichen Missouri. Mit seinem gnadenlosen Blick auf das amerikanische Lumpenproletariat, das in Bildungsferne und tödlichem Misstrauen gefangen ist, passt „Winter's Bone“ perfekt in die Obama-Ära. Er gewann unangefochten in der Kategorie amerikanischer Spielfilm.
Als bester Dokumentarfilm wurde „Restrepo“ von Tim Hetherington und Sebastian Junger ausgezeichnet, die fünfzehn Monate eine amerikanische Kampfeinheit im ostafghanischen Karengal-Tal beobachtet haben. Der Film ist jedoch flach, wirkt wie ein Video-Tagebuch und eignet sich vielleicht für Antirekrutierungskampagnen, wenn er den Krieg als langweilige Routine schildert, bis es bei einem Gefecht jemanden erwischt. Man wird das Gefühl nicht los, dass Kathryn Bigelow recht hat: Für die Jungs ist der Krieg tausendmal besser als der öde Alltag daheim, es sei denn, man krepiert. Dann ist Krieg Scheiße.
Michael Winterbottom kam mit zwei Filmen, einem Neo-Noir und einem Dokumentarfilm, die in ihrer Analyse des toxischen weißen Amerikaners eng verbunden sind. „The Killer Inside Me“ ist eine Adaption des 1952 erschienenen Romans von Jim Thompson (zuletzt 1976 mit Stacy Keach in der Rolle des Killercops verfilmt). Die Story schockiert noch immer. Nach der Aufführung empörte sich eine Frau (vermutlich aus Wyoming oder so) über die widerlichen und frauenfeindlichen Gewaltszenen und verließ unter Gejohle und Beifall den Saal. Winterbottom, verdutzt, ließ den erfahrenen Tom Bowers antworten, dass man die Welt einfach zeige, wie sie sei. Das kam an.
Eine Zumutung
Die Geschichte dreht sich um Lou Ford, Hilfssheriff einer westtexanischen Stadt, über die plötzlich der Ölreichtum und alles andere hereinbricht. Ford ist ein cooler, aber ziemlich abgründiger Typ, was heißt, dass er reichlich sadistischen Sex hat - mit der Prostituierten Joyce Landlake (gespielt von Jessica Alba) und mit seiner braven und sittsamen Freundin (gespielt von Kate Hudson). Ford ist ein eiskalter Psychopath (einmal erinnert er sich, wie er die nackte Mutter auspeitscht), der mit immer mehr Mordfällen konfrontiert wird und gleichzeitig zusehen muss, seiner eigenen Demaskierung immer einen Schritt voraus zu sein.
Casey Affleck spielt Ford als Prototyp jener Serienkiller à la Ted Bundy, die in den siebziger Jahren auftraten - smarte, glatte, emotionslose Soziopathen, die, in Winterbottoms Worten, „töten, was sie lieben“. Casey Affleck, dunkler als sein älterer Bruder Ben, hat faszinierende Augen, und auch seine hohe Stimme - die Stimme von Hoden, die sich vielleicht nie ganz entwickeln werden - passt gut.
Winterbottom präsentierte in Sundance außerdem „The Shock Doctrine“, einen Dokumentarfilm, dem das gleichnamige Buch der Globalisierungskritikerin Naomi Klein zugrunde liegt. Wir sehen sie an verschiedenen Universitäten Vorträge über die amerikanische Außenpolitik der letzten fünfzig Jahre halten. Wie immer man zu ihren Ansichten steht: Dass sie direkt vor der Kamera Werbung für ihr Buch machen kann, ist eine Zumutung. Allein schon bei der Vorstellung, wie Winterbottom im Schneideraum sitzt und seiner Mission nachgeht, für alles Schlechte auf der Welt Amerika verantwortlich zu machen - haufenweise fügt er Bildmaterial von Schurken wie Kissinger, Nixon, Thatcher, Cheney und Rumsfeld zusammen, dazwischen Klein, ihr studentisches Publikum agitierend -, möchte man schreiend davonlaufen und um Gnade bitten.
Die Story, das Buch, die Figuren ... gähn
„The Shock Doctrine“ will eine Beziehung herstellen zwischen der amerikanischen Unterstützung für Militärregimes etwa in Chile und Argentinien und dem Wirtschaftsliberalismus der Chicagoer Schule um Milton Friedman, der ein entschiedener Gegner von staatlichen Interventionen war. Laut Klein waren es ebenjene Markttheorien, die den Militärs die Legitimation lieferten, ihre Länder brutal zu „befreien“. Was sehr gut in Winterbottoms Amerika-Bild passt. Er stellt uns außerdem noch drei britische Pakistaner vor, die nach dem 11. September nach Afghanistan gingen, ein paar Jahre in Guantánamo saßen, bis sich zeigte, dass sie wirr im Kopf, aber keine Ideologen waren - eine Geschichte, die er in „The Road to Guantanamo“ (2006) ausführlicher erzählt.
Im Grunde hat Winterbottom zwei Filme gemacht, die das gleiche Bild von den Vereinigten Staaten als einem geopolitischen Soziopathen entwerfen - der Text des Dokumentarfilms über Naomi Klein wird zum Subtext des Thrillers.
Als Winterbottom, nach dem Abgang der Irren von Wyoming, zu dem Verhältnis zwischen diesen beiden Filmen befragt wurde, sonderte er nur Floskeln ab - die Story, das Buch, die Figuren ... gähn. Die Chance, bei Filmfestivals aus Künstlermund etwas Vernünftiges zu hören, wird stark überschätzt. Josephine Baker soll im Paris der zwanziger Jahre einem Mann, der sich weit vorbeugte, um besser sehen zu können, zugerufen haben: „Lehn dich zurück, Schätzchen, hüte deine Illusionen!“