12.11.2007 · Die Drehbuchautoren in Hollywood streiken gegen die Studios, die sie für ihren Feind halten. Doch der Kuchen, von dem sie ein Stück wollen, ist längst aufgegessen - von den Superstars.
Von Verena LuekenDer Streik der Drehbuchautoren in Hollywood geht in die zweite Woche, und eine Rückkehr der Tarifparteien zu Verhandlungen scheint im Augenblick nicht wahrscheinlich. Die Auswirkungen aufs amerikanische Fernsehprogramm sind bereits deutlich spürbar. Aber auch innerhalb der Filmindustrie sind die Spannungen noch einmal gestiegen, seit Entlassungen etwa von Schauspielern drohen, in deren Vertrag dies abgesichert ist im Falle „höherer Gewalt“, zu der ein Streik offenbar gezählt wird. Und in einer Stadt wie Los Angeles, in der alles von guten Beziehungen abhängt, könnte die Vergiftung des Klimas innerhalb der Unterhaltungsindustrie folgenreicher sein als heute abzusehen.
Einstimmigkeit herrschte bisher immerhin darüber, worum es geht und wer hier gegen wen angetreten ist: Streikgrund ist die Weigerung der Studios, die Tantiemen der Autoren an der Verwertung ihrer Arbeit in den neuen digitalen Medien zu erhöhen. Streikgegner der Autoren sind also die Studios, die den Gewinn einstecken, seit sie 1985 den Autorenanteil an Erlösen an der Videoauswertung auf 0,3 Prozent festgelegt und ihn seitdem für DVD und Internet nicht erhöht hatten.
Die Fronten verschieben
Jetzt macht die „International Herald Tribune“ - gestützt auf eine Finanzanalyse der Filmindustrie von Global Media Intelligence und Merrill Lynch mit dem schönen Titel „Do Movies Make Money?“ - den Vorschlag, die Fronten zu verschieben. Die Autoren, so regt die Zeitung an, sollten vor den Häusern der Superstars unter den Schauspielern, Regisseuren und Produzenten, Steven Spielberg vielleicht oder Will Smith, ihre Streikposten beziehen. Denn das Geld, um das sie kämpfen, sei längst auf deren Konten geflossen. Und zwar aufgrund hochschießender Beteiligungen am Umsatz eines Films, die inzwischen, auf die gesamte Industrie gerechnet, auf etwa 25 Prozent angestiegen seien - des Umsatzes wohlgemerkt, nicht etwa des Gewinns.
Auf diese Weise verdienten Stars vom Kaliber eines Tom Hanks, Tom Cruise oder Jim Carrey, deren Filme ihren Studios gut und gern 600 Millionen aus den verschiedenen Verwertungszweigen zusammenbaggern, neben ihrer Gage von 20 Millionen noch mal 50 bis 70 Millionen Dollar. Mindestens drei Milliarden Dollar kamen allein im vergangenen Jahr insgesamt an Beteiligungen zusammen, wie die Analysten errechnet haben. Hochgerechnet, muss man ehrlicherweise sagen, denn Vertragseinzelheiten werden selten öffentlich gemacht. Ein Studio allerdings, Disney nämlich, veröffentlicht in seinen jährlichen Finanzreports auch die Zahlen für Beteiligungen und Tantiemen, und die sind in den letzten fünf Jahren um 37,5 Prozent auf 554 Millionen Dollar angestiegen.
Einstmals ein sicherer Weg
Es gab einmal eine Zeit, da schien die Beteiligung der kreativen Kräfte - des Regisseurs, manchmal des Autors und auch der Schauspieler - am Einspielergebnis eines Films ein sicherer Weg für die Studios, Geld zu sparen. Für Lieblingsprojekte gaben die Künstler ihre Gagen dran, und wenn der Film dann in die Kinos kam und wider alle Erwartungen ein Erfolg wurde, hatten die Buchhalter der Studios immer neue Ideen parat, den Gewinn mit steigenden Kosten abzugleichen und damit die Anteile derer, die vorher auf Honorare verzichtet hatten, niedrig zu halten oder, was oft genug geschah, völlig auf null zu rechnen.
Neue Konzepte müssen her
Der krasseste Fall, bei dem diese Rechnung eines Studios nicht aufging, ist bis heute wahrscheinlich „Bonnie and Clyde“. Warren Beatty, der die Rechte am Buch hatte und den Film, in dem er selbst Hauptdarsteller war, auch produzieren wollte, bekam von Warner Brothers damals 200.000 Dollar und eine Umsatzbeteiligung von 40 Prozent. Nicht ganz so viel bekam Arthur Penn, der Regisseur; er erzählt, dass er noch heute von seinem Anteil leben kann. Bei Warner blieb kaum etwas hängen.
Der Anfang der Entwicklung aber, die heute die Stars so reich (und ihre Agenten so mächtig) macht und die Studiogewinne, die es zu verteilen gibt, zusammenschnurren lässt, liegt im Jahr 1950. Damals vermittelte Lew Wasserman, der mächtigste Agent in Hollywood, seinen Klienten James Stewart an Universal für 50 Prozent Gewinnbeteiligung unter Verzicht auf jegliche Gage, die damals für Stewart etwa 250.000 Dollar betrug. Der Film, um den es ging, war „Winchester 73“. Er hatte ein langes Leben auf den Leinwänden der Welt und im Fernsehen, und die vielen Millionen, die im Lauf der Jahre auf Stewarts Konto flossen, machten seinen ursprünglichen Gagenverzicht um ein Vielfaches wett.
Wasserman hat damals die Machtverhältnisse in Hollywood zugunsten der Stars und zu Lasten der Studios umgeschichtet, und dabei ist es mehr oder weniger geblieben. Angesichts dessen können sich die Studios 0,6 Prozent Gewinnbeteiligung für die Autoren vielleicht wirklich nicht mehr leisten. In so aussichtsloser Lage müssen neue Konzepte her: Wenn die Studios mit den großen Stars kein Geld mehr verdienen, könnten sie es vielleicht mal ohne sie probieren. Was auch den Filmen guttäte.