01.11.2007 · Nach dem Scheitern der Tarifverhandlungen für die amerikanischen Drehbuchautoren rückt ein Streik näher. Hollywood wird dadurch allerdings kaum erschüttert werden. Nur im Fernsehen wird der Streik schnell durchschlagen. Von Jordan Mejias.
Von Jordan Mejias, New YorkLokführer, die mehr Geld verdienen wollen, und Flugbegleiter und Bühnenarbeiter, die sich gegen Abstriche an ihrer Altersversorgung wehren, haben es in der Hand, den Alltag ihrer Landsleute kräftig durcheinanderzubringen. Drehbuchautoren hingegen, die ihren Schreibtisch meiden, greifen in die Phantasiewelt ihrer Nation ein. Um das zu verstehen, braucht niemand dreimal die Woche ins Kino zu gehen. Dort wird die bevorstehende Arbeitsniederlegung der Schreiber, über die nach einer Mitgliederversammlung der Autorengewerkschaft endgültig entschieden wird, zunächst einmal gar nicht zu spüren sein.
Im Filmgeschäft sind die Drehbuchautoren nach wie vor auf den niederen, eher schlecht bezahlten Rängen zu finden. Haben sie ein Drehbuch abgeliefert, werden ihre Dienste nur selten noch benötigt. Filmproduzenten hatten also ausgiebig Gelegenheit, in den letzten Monaten, als der Streik sich immer deutlicher abzeichnete, einen Vorrat anzulegen, von dem sie bis weit ins nächste Jahr hinein zehren können. Und die Reserve an schon abgedrehten Filmen dürfte Amerika und dem Rest der Welt noch länger ein ungestörtes Kinoprogramm garantieren.
Letterman in Gefahr
Hollywood aber beliefert auch die Mattscheibe, und die würde ohne Drehbuchautoren sehr schnell noch sehr viel matter. Denn anders als beim Film sind zahlreiche Schreiber im Fernsehen bis in die entscheidenden Machtpositionen vorgedrungen, wo viele von ihnen zugleich in die Rolle des Produzenten schlüpfen. Bei diesen hyphenates, wie sich die Bindestrichkreativen der Autoren-Produzenten auch nennen, ist nicht mehr klar zu trennen, wo und wann sie als Produzent oder Schreiber aktiv sind. Dementsprechend kompliziert ist die Lage, in der sie sich bald befinden könnten. Als Schreiber wären sie im Streik, als Produzenten müssten sie daran interessiert sein, dass ihre Projekte zügig verwirklicht werden. Wie sie sich verhalten, wenn es ernst wird, ist völlig ungewiss.
Der andere Schwachpunkt, der sich im Falle eines Streiks beim Fernsehen rasch und schmerzhaft bemerkbar machen dürfte, sind seine Serien, die auch der Aktualität wegen ohne viel Vorlauf produziert werden. Mehr als ein halbes Dutzend neuer Episoden wird kaum ein Sender auf Lager haben. Talkshows wie David Lettermans „Late Show“ und satirische Nachrichtenprogramme wie der „Colbert Report“ und die „Daily Show“, die Jon Stewart so virtuos moderiert, stünden bei einem Streik praktisch vor dem Aus. Vor fast zwanzig Jahren, als die Schreiber zum letzten Mal streikten, bestritt Letterman eine Sendung damit, sich rasieren zu lassen. Seriöse oder auch nur vermeintlich seriöse Nachrichten sind dagegen nicht betroffen, sie werden von Mitgliedern einer anderen, bisher friedlichen Gewerkschaft verfasst.
Digitale Medien als Nutznießer
Die fernsehende Nation hätte folglich mit einem Wust von Wiederholungen zu rechnen und dazu mit noch mehr Reality-TV, das sich weitgehend selbst schreibt. Ein fatales Ergebnis des Streiks von 1988, den die Autoren fünf Monate lang durchhielten, war ja schon der Siegeszug von Programmen, die ohne Wortarbeiter auskamen. Jetzt, da sie ihre Errungenschaften insbesondere auch gegen die neuen Medien verteidigen wollen, werden sie auf eine noch härtere Probe gestellt.
Es geht ihnen bei dem Arbeitskampf in erster Linie darum, weiterhin Tantiemen zu erhalten, also zusätzlich für jede Wiederholung ihrer Sendungen bezahlt zu werden. Aber auch von der digitalen Weiterverwertung ihrer Arbeit auf DVD, Handy und im Internet wollen die zwölftausend Mitglieder der Writers Guild of America angemessen profitieren. Zwischen ihren Vorstellungen und dem Angebot der in der Alliance of Motion Picture and Television zusammengeschlossenen Film- und Fernsehstudios tut sich deshalb ein großes finanzielles Loch auf.
Und solche Löcher sind derzeit überall in der amerikanischen Kultur- und Unterhaltungsszene zu finden. Am Broadway bereiten sich schon seit Monaten die Bühnenarbeiter auf einen Streik vor, während Hollywood fürs nächste Jahr schwierige Verhandlungen mit Schauspielern und Regisseuren bevorstehen. Die alten Unterhaltungstransporteure, ob Theater, Film oder Fernsehen, laufen dabei immer Gefahr, dass ihre Kundschaft nach einer solch forcierten Entziehungs- und Entwöhnungskur nicht mehr zurückkehrt. Der Streik, den auch die digitalen Medien hervorgerufen haben, könnte vor allem ihnen zugutekommen.