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Stipe Erceg Das wahre Gefühl kennt kein Geheimnis

31.07.2006 ·  Der deutsch-kroatische Schauspieler Stipe Erceg („Die fetten Jahre sind vorbei“) ist ein Einzelgänger, dessen sensible Rollenporträts durch ihre Eindringlichkeit und Unnahbarkeit beeindrucken. Ein Gespräch über Schauspielerei, Ruhm und das Leben zu Hause.

Von Karen Krüger
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Es gibt Schauspieler, deren Gesichter sind so leer, daß man jede Rolle auf sie projizieren kann. Auf der Leinwand füllen sie sich mit Grimassen der Liebe, des Schmerzes und der Trauer. Dreht man ihnen den Rücken zu, werden sie zu Gespenstern, an die jede Erinnerung verblaßt. Der Schauspieler Stipe Erceg ist anders: Peter, der Freizeit-Revolutionär. Lino, der Hotelangestellte, der eine Auftragskillerin liebt. Und Fabo, ein vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien gezeichneter, selbstzerstörerischer junger Mann, der nachts durch Frankfurts Straßen treibt. All sie machte Stipe Erceg unvergeßlich.

An dem Gesicht des Schauspielers, den dunklen Augen und hohen Wangenknochen, umrahmt von schwarzem Haar, bleibt die Erinnerung hängen. Doch nicht das ist das Geheimnis seiner Kunst: Der Schauspieler mimt die Gefühle seiner Figuren nicht nur, er verkörpert sie.

„Ich mag die stille Art“

„Filmszenen, in denen ich nur mit meiner Mimik arbeiten kann, fallen mir schwer“, sagt Stipe Erceg. Der Kroate sitzt in einem Cafe in Prenzlauer Berg, seine 1,87 Meter Körpergröße passen kaum hinter den kleinen Tisch. Als Fabo in „Der Typ“ rempelt er, strauchelt und fällt. Der Film erzählt die Geschichte einer Nacht: Allein streift Fabo durch die Stadt, säuft, provoziert und prügelt. Wiegenden, schlendernden Schrittes, die Brust offen, die Hände tief in die Taschen seiner Jeans vergraben, übersetzt der Schauspieler Fabos Suche nach Konfrontation. Nur ganz leise ist zu spüren, daß sich hinter der männlich-harten Fassade eine wunde Seele verbirgt. Was sie erlebt hat, sagt Fabo nicht. In stillen Momenten, wenn die Kamera auf seinem Gesicht ruht, erzählen einzig seine Augen davon. Klein sieht der große Mann in diesen Momenten aus. Verletzlich. Als sich aus der Begegnung mit einer Krankenschwester das Band der Verliebtheit zu spinnen beginnt, weicht er zurück. Statt Nähe sucht Fabo Betäubung. Bevor es Morgen wird, liegt er halb tot auf der Straße.

„Fabo ist die Figur, in der ich mich am meisten wiederfinde“, sagt der Schauspieler und zupft behutsam an einer selbstgedrehten Zigarette. „Ich mag die stille Art, wie Fabo seine Gefühle zeigt. Oft sieht man in einem Film einen Menschen, der weint, weil er leidet. Aber so ist das Leben nicht. Wir können uns nicht erlauben, Gefühle zu zeigen. Wir wollen sagen: Ich liebe dich, wir sagen aber: Ich liebe dich nicht. Wir wollen nach rechts gehen, wenden uns aber nach links.“ Die Hände des Schauspielers zerschneiden in schnellen Bewegungen die Luft. „Ich finde es viel schmerzhafter, im Film jemanden zu sehen, der immer kurz davor ist, zu weinen, aber so gefangen ist in sich selbst, daß er sich nicht dazu überwinden kann. Es ist spannend, wenn ein Film nur indirekt die Gefühle seiner Figuren preisgibt. Wenn der Zuschauer merkt, daß die Figuren das eine sagen, aber das andere meinen. Kommt das wahre Gefühl der Figuren zum Vorschein, dann gibt es kein Geheimnis mehr.“ Er schweigt, und auch seine Hände ruhen. Stipe Erceg ist ein physischer Mann. Wenn er spricht, sprechen seine Hände mit. „Jemanden zu spielen, der rein gar nichts mit mir zu tun hat, funktioniert nicht“, sagt er. „Vor allem nicht, wenn es um die Körpersprache der Figur geht.“

Von Kroatien über Tübingen nach New York

Stipe Erceg ist ein Wanderer zwischen den Welten. Als er fünf Jahre alt ist, verläßt seine Familie das kleine Dorf in Kroatien, in dem die Ercegs lebten. Tübingen heißt das neue Zuhause, und seine Eltern heißen von nun an „Gastarbeiter“. Der Vater arbeitet als Lastwagenfahrer, die Mutter ist Krankenschwester. Stipe Erceg lernt im Kindergarten Schwäbisch, besucht später das örtliche Gymnasium, mag deutsche Autos und spielt leidenschaftlich gern Fußball. Deutscher als jeder Deutsche wollte er damals sein. Ernsthaftigkeit und Freundlichkeit heißen die Tugenden, die er damit verbindet. Schiller und Goethe sind die Autoren, die er in der Schule liest. „Erst später habe ich gemerkt, daß es in mir etwas anderes gibt, was so viel stärker ist“, sagt er.

Den Krieg in Jugoslawien erlebte er vor dem Fernseher. Kaum hat er das Abitur in der Tasche, ist ihm die kleine Universitätsstadt zu eng. Weg möchte er, Schauspieler werden und zieht nach New York. Sechs Monate hält er sich dort mit kleinen Jobs über Wasser. Doch die Karriere will nicht ins Rollen kommen. Ernüchtert kehrt er nach Deutschland zurück. Um seine Eltern zu beruhigen, schreibt er sich in Berlin am Europäischen Theaterinstitut ein. Anstatt regelmäßig zum Unterricht zu gehen, streift er lieber durch die Stadt und feiert ihre Nächte: Berlin brodelt und ist gerade aus seinem eisernen Dornröschenschlaf erwacht. Erst als der Regisseur und Schauspiellehrer Valeri Blitschenko das Talent des Kroaten erkennt und fördert, wird aus der Schauspielerei wieder Ernst. Ermutigt durch seinen Lehrer, beginnt Stipe Erceg, sich seiner Herkunft zu stellen.

Der Geruch nach Pinien und Thymian

„Valeri sagte: ,Du bist kein Deutscher. Versuch statt dessen zu verstehen, woher du stammst und worin deine eigentliche Energie und dein schöpferisches Können wurzeln. Versuch, das wieder zum Leben zu erwecken'“, erzählt er. „Valeri hatte recht, aber das war kein einfacher Weg für mich. Wenn man ein Leben probiert hat und es hat einem geschmeckt, dann kann man nicht so tun, als würde es einem auf einmal nicht mehr schmecken.“ Erst spielt Stipe Erceg Theater, im Jahr 2000 bekommt er seine erste Rolle im Film.

Deutschland schätzt er, doch Kroatien empfindet er als seine Heimat. „Ich liebe die Mentalität der Menschen, den Geruch nach Pinien und Thymian und die Natur.“ Jeden Sommer fahre er nach Kroatien und besuche seine Verwandten, erzählt er, und seine Hände tanzen dabei durch die Luft. Während im ehemaligen Jugoslawien immer wieder Feindseligkeiten zwischen den Bevölkerungsgruppen aufflammen, schlüpft Stipe Erceg in dem Film „Kiki und Tiger“ in die Rolle eines albanischen Kriegsflüchtlings, ist als serbischer Kriegsverbrecher in dem Film „Yugotrip“ zu sehen und mimt in „Jagd nach Gerechtigkeit“ den bosnischen Übersetzer von Louise Arbour, der Chefanklägerin des Den Haager Gerichtshofs für Menschenrechte. „Nur einen Kroaten habe ich bisher nicht gespielt“, lacht er. „Natürlich würde meine Familie sich freuen, mich in der Rolle eines Kroaten zu sehen. Einen, der für sein Land kämpft und die kroatischen Werte vertritt. Sie haben das nie so gesagt, aber ich fühle es.“

Die wilden Nächte sind vorbei

Eine junge Frau tritt an den Tisch. Sie habe Stipe gestern in „Die fetten Jahre sind vorbei“ gesehen, sagt sie und macht ihm ein Kompliment. Stipe Erceg lächelt, die beiden kennen sich. „Vom Spielplatz um die Ecke“, erklärt er. „Ich sitze da oft mit meinem kleinen Sohn im Sandkasten.“ Der Schauspieler ist verheiratet und Vater. Die wilden Berliner Nächte von einst sind vorbei. Er vermißt sie nicht. „Ich bin gerne zu Hause, schaue zum Fenster hinaus oder gehe abends, wenn meine Kinder schlafen, spazieren. Alles andere kostet mich zuviel Kraft. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch. Wenn ich mich selber beobachte, dann nehme ich mich als expressiv wahr. Aber das ist nicht meine Natur. Ich bin nicht gerne ständig in Gesellschaft. Immer soll man humorvoll sein, intelligent und witzig. Aber das bringt mich als Mensch nicht weiter. Gleichzeitig ist es manchmal genauso schwer auszuhalten, wenn andere mich langweilig finden. Da bleibe ich lieber zu Hause.“

Das Filmfest München ehrte den Schauspieler 2004 für die Rolle des Peter in Hans Weingartners Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ mit dem Förderpreis. Für seine Rolle in „Yugotrip“ gewann er den Max-Ophüls-Nachwuchsdarstellerpreis. Der Film „Der Typ“, mit dem Regisseur Patrick Tauss sein Studium an der Ludwigsburger Filmakademie abschloß, wurde mit dem „First Steps Award“ belohnt. An den Ruhm mußte sich der zurückhaltende Stipe Erceg erst gewöhnen. „Jeder zweite hier in Prenzlauer Berg hat mich nach ,Die fetten Jahre sind vorbei' erkannt“, erinnert er sich. „Das war mir sehr unangenehm.“

Die Welt hält er auf Abstand

Er, der Tänzer und Fußballspieler, der den Charakter seiner Figuren wie kaum ein anderer mit seinem Körper einzufangen vermag, zog sich damals zurück. „Ich wußte nicht, wie ich auf der Straße laufen soll. Soll ich auf den Boden schauen? Nein, das sieht nach Angst aus. Soll ich mit offener Brust laufen? Nein, dann wirke ich arrogant. Es war pervers: Aus lauter Unsicherheit machte ich mir Gedanken darüber, wie ich diese Straße entlanglaufen soll. Dann habe ich mich entschieden, lieber zu Hause zu bleiben. Inzwischen kann ich mit der Aufmerksamkeit meiner Person gegenüber besser umgehen“, sagt er. „Natürlich, solche Reaktionen sind auch stark stimmungsabhängig. Wenn man sich schwach fühlt, dann kann einen die Aufmerksamkeit noch schwächer machen. Fühlt man sich stark, dann prallt alles an einem ab. Es liegt immer nur an einem selbst.“ Seine Beine kämpfen mit der Enge unter dem Tisch. „Es gefällt mir, die Welt in mich aufzunehmen und sie in mir zu lassen. Das ist meine Art als Mensch, so bin ich in der Beziehung zu meiner Frau und meinen Freunden. Gefühle trage ich mit mir selbst aus.“

Stipe Erceg hält die Welt auf Abstand. Er nutzt ihren Raum, doch ihre Grenzen bestimmt allein er. So auch auf der Leinwand: Seine Figuren scheinen extrovertiert und hungrig nach Leben. Immer haben sie viel erlebt und nicht selten zuviel. Streckt man die Hand nach ihnen aus, weichen sie zurück: Sie sind Einzelgänger und wollen es auch bleiben. Eben noch ist ihr Gesicht freundlich und offen, dann verändert sich ihr Blick. Die Welt prallt an ihren Augen ab. Wie eine große Katze wirkt der Schauspieler in solchen Momenten; bereit zum Sprung. Sein Spiel ist ein Tanz zwischen Distanz und Nähe. Er ist nicht Peter, nicht Fabo, nicht Lino. Und ein bißchen ist er es doch. „Ein Mensch hat so viele Seiten an sich, die er sein Leben lang nicht ausspielen kann. Warum also woanders suchen, wenn ich eine Facette der Figur auch in mir selbst finden kann?“

2006 ist Stipe Erceg in dem Film „Kahlschlag“ zu sehen, der die Figur des Fabo wiederaufnimmt. Die Dreharbeiten unter der Regie von Patrick Tauss und Michael Proehl in Zusammenarbeit mit Teamworx und SWR sind abgeschlossen. Der Film sei keine Fortsetzung von „Der Typ“, sondern eine Weiterentwicklung der Figur, meint Stipe Erceg. „Vorher war Fabo ein Typ. Jetzt ist er ein Supertyp.“ Vergessen werden wir ihn nicht. Dafür ist er zu echt.

Quelle: F.A.Z., 31.07.2006, Nr. 175 / Seite 34
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