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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Im Gespräch: Steven Soderbergh Wie erklärt sich ein Kinoflop, Mr Soderbergh?

 ·  Am Spätnachmittag in einem Berliner Luxushotel strahlt Steven Soderbergh die gleiche professionelle Ruhe aus wie alle seine Filme seit seinem Debüt „Sex, Lügen und Video“. Aber das täuscht. Steven Soderbergh über seine Tops und Flops in Hollywood.

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© Burkhard Neie Steven Soderbergh: „Ich bin allerdings frustriert, wenn ich Filme von Leuten sehe, die überhaupt nichts wissen und gesehen haben“

Wir haben uns ganz am Anfang Ihrer Karriere schon einmal zu einem Gespräch getroffen...

Das Vier-Stunden-Interview? Das war lustig.

Damals wollten Sie so etwas wie der Jean-Luc Godard von Hollywood werden. Mittlerweile sind Sie eher das, was Howard Hawks in den vierziger und fünfziger Jahren war: ein Hollywood-Routinier.

Ich glaube nicht, dass mich die Leute in Hollywood so sehen. Sie sehen mich als eine Art Godard. Und das ist das Problem.

Von Deutschland aus betrachtet, wirken Sie wie ein Insider der Filmindustrie, einer, der genau weiß, wie man mit den Möglichkeiten des Systems spielt.

Natürlich muss man dieses Spiel beherrschen, wenn man sich eine gewisse Freiheit bewahren will. Aber es gibt immer noch Leute, die ich nervös mache. Andauernd sagen Leute „nein“ zu mir. Bei „Moneyball“ wurde ich gefeuert, bei meinem nächsten Projekt „The Man from U.N.C.L.E.“ freundlich zur Seite gedrängt. Scheinbar ging es um eine Frage des Budgets, aber ich glaube, was die Studioleute an mir nervös macht, ist, dass mich Geld nicht interessiert. Sie geben lieber Unsummen aus, um dich kontrollieren zu können.

Wenn man sich den kommerziellen Erfolg Ihrer drei „Ocean“-Filme anschaut, müssten Sie doch für die Studios eine sichere Bank sein?

„Contagion“ hat sechzig Millionen Dollar gekostet, in Amerika 75 und international 65 Millionen Dollar eingespielt. Das sind 140 Millionen, davon bekommt das Studio siebzig. Aber es hat fünfzig Millionen für die Werbekampagne ausgegeben. Das macht vierzig Millionen Verlust. Es gab eine Zeit, vor zehn Jahren ungefähr, als man das mit DVD- und Fernsehverkäufen ausgleichen konnte. Heute nicht mehr. Immerhin wirft mir niemand vor, dass „Contagion“ in den Miesen ist, schließlich war es kein Flop. Ganz im Gegensatz zu „Haywire“, dem Film, wegen dessen wir hier sitzen.

„Haywire“ war in Amerika ein Misserfolg?

Ein Flop. Die Reaktionen der Zuschauer kann man letztlich so zusammenfassen: Was immer ihr da gemacht habt, Leute, mögen wir nicht. Wir mögen etwas anderes. Das ist die Botschaft. Und dann fängst du wirklich an, dich zu fragen: Liege ich vielleicht völlig daneben mit dem, was ich mache? Wollen die Leute etwas ganz anderes sehen? Ich denke, in Europa wird der Film besser laufen, in England hat er schon ganz gute Zahlen gehabt.

Betrachten Sie sich immer noch als ein Bollwerk des unabhängigen Kinos in Hollywood?

Das kommt darauf an, wie man „unabhängig“ definiert. Steven Spielberg ist seit 1975 unabhängiger Filmemacher. Es geht um Kontrolle, nicht darum, woher das Geld stammt.

Geht es nicht auch um Geschmack und Intelligenz?

Na ja, wenn ich mir ansehe, was gerade so gedreht wird, sage ich mir nicht: Das will ich auch machen. Ich frage mich: Wenn ich das machen würde, was würde ich ändern? Bei „Haywire“ wollte ich das übliche Rezept für Spionage-Actionfilme ein bisschen variieren. In Amerika hat das nicht funktioniert. Bei den Zuschauerbefragungen kriegte der Film ein „D“, die schlechteste Note. Dafür bekam ich ein paar der besten Kritiken meiner Karriere. Das bedeutet, dass Leute, die sich mit Kino auskennen, den Stil und den Ton des Films mochten und die anderen ihn hassten.

Es gibt zwei ungewöhnliche Kampfszenen in „Haywire“, besonders das Duell kurz vor Schluss, das am Strand bei einbrechender Flut spielt. Da ist eine Zärtlichkeit in der Gewalt, die man selten sieht.

Mallory, die Heldin, will das ja nicht tun, sie will nicht töten. Das mag ich an der Szene. Andererseits ist es großartig, ihr dabei zuzuschauen, wie sie sich bewegt und zuschlägt. Wie ein Mann! Ich könnte ihr den ganzen Tag dabei zusehen, wie sie alle verprügelt (lacht). Deshalb kann ich mir auch so schwer vorstellen, dass sich jemand den Film anschaut und anschließend zu einem Freund sagt: Den kannst du vergessen, der lohnt sich nicht. Ich weiß einfach nicht, was ich damit anfangen soll.

Sie haben letztes Jahr angekündigt, sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen zu wollen.

Ich habe es nicht angekündigt, ich hatte bloß Matt Damon davon erzählt, und der hat es in einem Interview ausgeplaudert. Ich hatte schon längere Zeit geplant, für eine Weile auszusteigen. Ich stelle mir mein Leben gern in Fünfjahreszyklen vor, und vor fünf Jahren, als ich „Che“ drehte, nahm ich mir vor, Ende 2012 eine Pause einzulegen.

Sie haben erklärt, dass Sie dann malen wollten. In welchem Stil malen Sie denn, realistisch oder abstrakt?

Sowohl als auch. Ich bin von Farben fasziniert, von Stimmungen, Komposition. Meine Bilder sind sehr durchkomponiert, auch wenn keine Leute darin vorkommen. Gleichzeitig interessiere ich mich auch sehr für Porträts. Vielleicht finde ich am Ende eine Form, in der beides zusammenkommt.

Gibt es unter den heutigen amerikanischen Regisseuren jemanden, dem Sie sich besonders nah fühlen?

David Fincher kenne ich gut. Wir sind Büronachbarn in Los Angeles, und sein Haus liegt auf der anderen Seite der Straße, in der ich wohne. Wir reden viel, und wir zeigen uns Arbeitsversionen unserer Filme. Ich bewundere sein Können. David ist in einer etwas anderen Situation als ich: Er hat sehr ehrgeizige Ideen, er arbeitet gern im großen Stil und mit großen Budgets, und er ist gut darin. Ich mag das nur manchmal, dann drehe ich lieber wieder etwas Kleines und Billiges. Aber unser Geschmack ist sehr ähnlich. Wir wollen beide im Kino zu dem gleichen Resultat kommen, nur auf ganz unterschiedliche Weise. Er ist der Perfektionist, und ich bin das Gegenteil davon.

Sie lassen die Dinge auf sich zukommen?

Ich bin manchmal hinter anderen Dingen her als nur einem Bild. Ich suche eine Stimmung, eine Schwingung. Dafür bin ich bereit, einiges zu opfern.

Haben Sie eine besondere Nähe zu Ihren Schauspielern?

Wir haben eine gute Zeit miteinander. Wenn wir nicht drehen, machen wir Witze. Für die Schauspieler ist das eine große Entspannung. Sie haben Zeit und Raum für sich selbst und sind geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit. Wenn Sie Julia Roberts nach „Erin Brockovich“ fragen, wird sie vermutlich sagen, dass es ein großer Spaß war.

Der Set als sicherer Hafen für die Filmstars?

Es ist eine Art Oase. Sonst können sie keinen Schritt tun, ohne dass irgendjemand sein Handy auf sie richtet. Sie können nicht in den Supermarkt gehen, ohne gejagt zu werden. Es ist ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern. Ich habe das aus nächster Nähe miterlebt, ich stand neben George Clooney, Brad Pitt und Matt Damon, als die Situation außer Kontrolle geriet. So ein Leben würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen.

Im Grunde stellt man sich ganz Hollywood als einen Schutzraum für die Stars und die Regisseure vor.

Ich habe in den achtziger Jahren mal ein Interview mit George Miller gelesen, zu der Zeit, als er „Die Hexen von Eastwick“ drehte. Darin sagte er: „Es gibt nicht ein Hollywood, es gibt ganz viele Arten von Hollywood. Und jeder muss selbst herausfinden, in welchem Hollywood er leben will.“ Das stimmt immer noch. Leider ist es so, dass jede neue Generation von Studioangestellten noch weniger vom Kino versteht als die vorige.

Dafür ist Ihre Generation von Filmregisseuren besonders cinephil.

Nicht mehr als die Leute, mit deren Filmen ich aufgewachsen bin: Scorsese, Spielberg, Lucas. Ich werde nie so viel über Filme wissen wie Martin Scorsese. Ich bin allerdings frustriert, wenn ich Filme von Leuten sehe, die überhaupt nichts wissen und gesehen haben. Sie glauben, sie haben etwas ganz Neues erfunden, dabei ist es nur die schlechtere Variante von etwas, das es schon gibt.

Aber es gibt ja noch Tarantino.

Quentins Filme handeln vor allem von anderen Filmen. Er ist ein Synthetiker. Und ein sehr guter. Das Problem ist nicht Quentin, das Problem sind die Leute, die wie er sein wollen. Quentin ist einzigartig, aber was er macht, sieht so cool aus, dass jeder junge Regisseur es nachmachen will. Als ich damals „Pulp Fiction“ sah, dachte ich: O Gott, jetzt kommen zehn Jahre lang „Pulp Fiction“-Imitate!

Ein Problem dieser reinen filmischen Virtuosität liegt auch darin, dass sie sich auf nichts mehr bezieht. Ihre Filme sind dagegen immer mit der Wirklichkeit verbunden.

Ich glaube an die Gesetze der Schwerkraft und die Idee der historischen Wahrheit. Das ist mein Geschmack, das bin ich. Was immer man über „Che“ sagen mag, zwei Dinge kann niemand bestreiten: Erstens sieht man nichts in dem Film, was nicht tatsächlich passiert ist. Und zweitens ist alles auf Spanisch. Die Frage ist doch: Wozu gehen die Leute ins Kino? Ich gehe da nicht hin, um Fantasy zu sehen. Selbst „Der weiße Hai“ war für mich kein Fantasyfilm. Ich habe mal mit einem Freund darüber gestritten, wann die große Zeit des amerikanischen Films zu Ende ging. Er meinte, dass „Rocky“ der Wendepunkt war. Und das stimmt. Es gibt einfach kein Universum, in dem dieser Typ gegen den schwarzen Champion im Schwergewicht in den Ring steigt und nicht die Haut von den Knochen gezogen bekommt. Als die Studios merkten, dass sie den Zuschauern diesen Humbug verkaufen konnten, brachen alle Dämme.

Wird es schwerer, zwischen dem Arthouse-Kino und den großen Hollywood-Produktionen eine mittlere Position zu halten?

Es ist dasselbe Phänomen wie in der Gesellschaft insgesamt: die Erosion der Mittelschicht. Ein Wunder, dass Warner ein Projekt wie „Contagion“ überhaupt angenommen hat - ein Film für Erwachsene, in dem sechzig Millionen Leute draufgehen. Alles daran schreit: Lasst die Finger davon! Aber sie haben es dennoch gemacht.

Und Sie ließen Gwyneth Paltrow in den ersten Minuten der Handlung sterben.

Das hat Spaß gemacht (lacht). Aber die ökonomische Bilanz ist negativ.

Haben Sie keine Lust, einen Film über Hollywood zu drehen, wie ihn George Clooney mit „Die Iden des März“ über das politische System Amerikas gemacht hat?

Billy Wilder hat den besten Film über Hollywood gedreht - vor sechzig Jahren. Niemand wird je einen besseren Film über Hollywood machen als „Sunset Boulevard“. Weil es nicht nur ein Film über Hollywood ist, sondern auch über Ehrgeiz, Moral, Integrität. Er hat einfach den perfekten Ort gefunden, um diese Geschichte zu erzählen. Ich könnte das nicht wiederholen. Außer wenn es eine Komödie wäre. Man kann dieses Geschäft einfach nicht mehr ernst nehmen. Wenn ich mich weiterentwickeln will, muss ich alle Brücken dorthin hinter mir abbrechen. Ich muss alles auslöschen, was ich bisher gemacht habe, und mich neu erfinden.

Das wollen Sie tun?

Das muss ich tun. Ich komme nicht zurück, bevor das passiert ist. Oder mir das Geld ausgeht. Ich werde weiter arbeiten, aber nichts von dem, was ich mache, wird mehr im Kino laufen. Vor zwei Jahren habe ich in Sydney ein Theaterstück inszeniert, kein klassisches Sprechtheater, eher eine Art Happening, eine szenische Collage - eine großartige Erfahrung. Ich will eine Sensibilität auf die Bühne bringen, die nicht durch traditionelle Vorlagen eingeengt ist. Im Theater bekommt man seine ganze Arbeit in einem Durchgang zu sehen, bevor man sie jemand anderem zeigen muss. Es ist, als sähe man den fertigen Film, bevor man ihn gedreht hat. Das ist toll.

Zur Person

Steven Soderbergh wird am 14. Januar 1963 in Atlanta als Sohn eines Erziehungswissenschaftlers und einer Psychologin geboren. Die Eltern lassen sich scheiden, als er sechzehn ist. In der Schulzeit dreht Soderbergh bereits Super-8-Kurzfilme. -Erste Erfahrungen als Regisseur sammelt Soderbergh mit Musikfilmen. Sein Spielfilmdebüt „Sex, Lügen und Video“ gewinnt 1989 bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. Als kommerziell erfolgreicher Regisseur erweist sich Soderbergh 1998 mit „Out of Sight“ und vor allem der „Ocean“-Filmtrilogie, die mit riesigem Staraufgebot von 2001 bis 2007 entsteht. Sein jüngster Spielfilm, „Haywire“ läuft in der kommenden Woche in den deutschen Kinos an. -Soderbergh ist verheiratet und hat eine Tochter.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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