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Stephen Chboskys Film „Wunder“ : Wer sieht schon aus wie ein Star?

  • -Aktualisiert am

Isabel Pullman (Julia Roberts) schenkt ihrem Sohn August (Jacob Tremblay) auf dem Schulhof ein aufmunterndes Lächeln. Bild: Studiocanal GmbH / Dale Robinette

Mit Eltern wie Julia Roberts und Owen Wilson lässt sich alles ertragen: Stephen Chboskys Film „Wunder“ zeigt das Leben eines stigmatisierten Kindes jenseits aller Oberflächlichkeiten.

          Eine Reise zum Mars könnte kaum dramatischer sein als dieser Gang, dem der zehn Jahre alte August Pullman, genannt Auggie, eines Morgens nicht mehr ausweichen kann. Er muss zum ersten Mal zur Schule. Zur Vorsicht trägt er einen Astronautenhelm. Andere Kinder haben schon vier Jahre gemeinsamen Unterricht hinter sich. Auggie hingegen hat bisher daheim gelernt, seine Mutter war seine Lehrerin. Für den nicht immer einfachen sozialen Raum einer Schulklasse war es noch zu früh.

          Denn Auggie trägt ein Stigma, und zwar das allerdeutlichste, das man sich für einen Menschen vorstellen kann: Sein Gesicht ist entstellt, er kam mit einem Gendefekt zur Welt, in vielen Operationen haben die Ärzte getan, was getan werden konnte. Aber es ist immer noch schwierig, ihn unbefangen anzusehen. Vor allem für andere Kinder. Deswegen der Helm, der Auggie vor den Blicken der Menschen beschützt hat und den er nun abnimmt.

          Zum Glück hochbegabt

          In Stephen Chboskys Film „Wunder“ geht es um die Lernprozesse, die ein Außenseiter auslöst, den viele früher einfach als „freak“ abgetan hätten. Auggie muss selbst am meisten lernen, zum Glück ist er hochbegabt und muss sich mit schulischen Aufgaben nicht allzu sehr abmühen – was ihm aber wiederum das Image eines Strebers einträgt, auch das ein Stigma.

          Auggie kommt aus einem besonders geschützten Raum in die Schule: Seine Familie ist geradezu mustergültig, beide Eltern sind warmherzig und intelligent, beide sind äußerst kompetent, wenn es darum geht, spielerisch mit den Aufgaben des Lebens umzugehen. Dazu kommt noch Auggies ältere Schwester Via, die schon genau weiß, wie es da draußen zugeht, und die passenderweise gerade einen wichtigen Schritt zu größerer Eigenständigkeit macht: Sie lässt sich von einem hübschen, afroamerikanischen Jungen dazu verleiten, sich für die Theatergruppe zu melden.

          Das Leben als große Chance

          Man könnte beinahe von einer amerikanischen Idealgesellschaft sprechen, in die Auggie kommt. Er selbst stammt aus einer weißen Ostküstenfamilie par excellence, mustergültig verkörpert von Julia Roberts und Owen Wilson. Der in vielen Komödien erprobte Wilson bringt genau das richtige Maß an Schrägheit mit, damit Julia Roberts sich als Inbegriff von „common sense“ zeigen kann – dass sie eine Frau spielt, die nebenbei ihr Dissertationsprojekt wiederaufnimmt (gerettet von einer alten Diskette!), ist einer von vielen Aspekten, mit denen „Wunder“ das Leben in jeder Hinsicht und für alle vor allem als große Chance sieht.

          Die Pullmans halten nahezu mustergültig zusammen.

          Über dem ganzen Geschehen wacht schließlich die wohl denkwürdigste Figur des Films: Principal Tushman (Mandy Patinkin, bekannt aus „Homeland“) trägt auch ein Stigma (sein Name lädt zu allen möglichen, auch obszönen Verballhornungen ein), aber er zeigt sich als gesegnet mit Weisheit und Langmut (nicht zuletzt gegenüber Strebereltern, die erst lernen müssen, dass in einer Schulklasse ein Gleichheitsgrundsatz herrschen muss, der nur durch pädagogische Intuition aufgehoben werden darf). Wenn es jemals ein Inbild natürlicher Autorität gab, dann wäre Principal Tushman ein Kandidat – beinahe wünschte man sich eine neue Konjunktur von Bibelschinken herbei, um Mandy Patinkin als Menschheitslehrer groß herauszubringen.

          Der Bestseller „Wunder“ von R.aquel J. Palacio bildet die Vorlage für den Film, der natürlich stark an Gefühle appelliert, der aber im Detail eine Menge Intelligenz zeigt und den Fallen der allzu unmittelbaren Sentimentalität geschickt ausweicht. Die vielleicht wichtigste Idee besteht darin, dass Auggie (Jacob Tremblay in einer zweiten großen Rolle nach „Room“) zwar im Mittelpunkt steht, dass wir aber immer wieder auf die Perspektive anderer Figuren verwiesen werden.

          Mosaik von Deformationen

          Die Pullmans sind eben nur eine von vielen Familien in „Wunder“. Jedes Kind bringt eine Geschichte in die Schule mit, und so setzt sich allmählich ein Mosaik von Deformationen zusammen, von denen die von Auggie nur eine besonders sichtbare (und noch dazu eine rein biologisch verursachte) ist.

          Isabel (Julia Roberts) und Auggie Pullman (Jacob Tremblay)

          Das utopische Motiv auf dem Grund des Films löst Stephen Chbosky ohne großes Aufheben ein: von anderen Menschheitslehrern als Principal Tushman wissen wir, dass es immer einen Anspruch enthält, wenn wir jemand in die Augen sehen, wenn wir einer Person von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Das Kino ist ein Medium, das diesen Anspruch meistens durch Wohlgefallen vergessen macht – der Anspruch von attraktiven Stars ist eher, dass man sich nicht verrückt machen lässt, weil man nicht aussieht wie Julia Roberts oder Owen Wilson (der mit seiner schiefen Nase übrigens eine dezente Anspielung auf Auggies Schicksal aufweist).

          Auggie muss also gewissermaßen dasselbe lernen wie das Publikum im Kino; seine Klasse aber hat die anspruchsvollere Aufgabe, über das Offensichtliche hinweg auf das Ganze zu sehen. Auch das ist eine Übung, die man vor allem im Kino machen kann, und dass „Wunder“ dazu auf eine nicht allzu stark verklärte, sondern im Kern einfache und kluge Weise Gelegenheit gibt, ist für ein typisch amerikanisches Rührstück schon eine ganze Menge.

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