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„Star Wars“ : Sieg der Sterne

Ich bin dein Opa: Ein Darth-Vader-Klon in Kiew Bild: Reuters

Warum fasziniert „Star Wars“ Alte wie Junge auf der ganzen Welt? Die Filmsaga schafft etwas, das heute wohl nur noch der Science Fiction gelingen kann.

          Wenn der Komponist und Bühnendichter Richard Wagner im 19. Jahrhundert vom „Gesamtkunstwerk“ sprach, meinte er damit eine effektive Wirkungsvermischung der Künste Schauspiel, Gesang, Musik und Kulisse, für die ihm der Gattungsname „Oper“ wohl zu klein vorkam. Wenn man das Phänomen „Star Wars“ heute ein Gesamtkunstwerk nennt, spricht man von einer ähnlichen Wirkungsvermischung - Filme, Computerspiele, Comics, Action-Figuren und Romane sind beteiligt. Auch das Wort „Oper“ wird in diesem Zusammenhang genannt, allerdings abgewandelt zu „Weltraumoper“, ursprünglich „Space Opera“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Wort erfand der Schriftsteller Wilson Tucker im Jahr 1941, um sich damit über einige Exzesse der Science-Fiction-Literatur seiner Zeit lustig zu machen. Typisch für jenes neue Unterhaltungsgenre waren Werke wie Edmond Hamiltons „Crashing Suns“ von 1928. Hamilton war der Vater des Helden „Captain Future“ und erste König der Weltraumoper; die Königin der Sparte war seine Frau Leigh Brackett, die auch die „Star Wars“-Mythologie durch ihre Mitarbeit am Film „Das Imperium schlägt zurück“ aus dem Jahr 1980 noch mitprägte. Die „krachenden Sonnen“, über die Hamilton, Brackett und ihresgleichen schrieben, waren leicht zu entschlüsselnde Bilder für moderne Zivilisationserfahrungen, für Hoffnungen und Ängste zwischen Schwerindustrie und Weltkriegsfront - technisch erzeugt wie in technischer Sprache vermittelt, aber erstmals ins All verlegt und ins Gigantische aufgeblasen.

          Noch mehr Wunder

          Bald fand derlei auch ins Kino, wo die gattungsbestimmenden Talente vorgingen wie heute Ingenieure und Designer, die ein neues Auto oder Smartphone entwerfen. George Lucas zum Beispiel, der Urheber von „Star Wars“, hat die Abenteuer seiner interstellaren Prinzessinnen, niedlichen Roboterbegleiter, aufrecht gehenden Affenhunde und zen-buddhistischen Kobolde unter offenem Rückgriff auf die noch jungen Archive der Science-Fiction ausgestaltet und sich dabei auch von mythenwissenschaftlicher Fachliteratur anleiten lassen.

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          Unter Inspiration verstand schon Richard Wagner etwas anderes als den zündenden Zufall im Kopf, wenn er beim Studium germanischer Epen-Stoffe oder mystischer Überlieferung aus dem Mittelalter auf Ideenfischzug ging. Der unbestreitbare Welterfolg, der George Lucas mit „Star Wars“ seit dem ersten Film aus dem Jahr 1977 beschieden war, rührt nicht zuletzt daher, dass er sich mit der stofflichen Selbstbedienung bei Vorangegangenem nicht bescheiden wollte. Er hat die Wunder, von denen seine Märchen erzählen, selbst vermehrt: Seine Firma für Spezialeffekte, Industrial Light and Magic, schuf Ressourcen, die bald selbst die Konkurrenz von „Star Trek“ oder der Kollege Steven Spielberg in Anspruch nehmen mussten, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben.

          Roboter und Ritter bevölkern denselben Erzählraum

          Lucas’ Unternehmen trägt dabei die industrielle Effizienz ebenso selbstverständlich im Namen wie das schwer definierbare, deutlich vormoderne Wort „Magie“. Diese Koexistenz des Alten mit dem Neuen ist die Kernformel der „Star Wars“-Ästhetik: Neues und erst Kommendes wird fasslicher und stiftet Genuss, indem man es auf Altes, Vertrautes, nostalgisch Empfundenes zurückbezieht - Roboter und Ritter bevölkern denselben Erzählraum.

          Verglichen mit den Räumen für Krimis oder Western, muss dieser Raum sehr groß sein, damit die Gegenstände und Figuren aus unterschiedlichen Zeiten nicht aneinanderstoßen. Genau so ein vergrößerter Raum aber ist für das weltweite „Star Wars“-Publikum in den bald vierzig Jahren, die diese Massenkulturerscheinung jetzt besteht, unmittelbare soziale Realität geworden: Der explodierende Welthandel, das Ende der Systemkonkurrenz zwischen zwei feindlichen Gesellschaftssystemen und die globale Informationsvernetzung haben den Menschen vielerorts das Allerneuste einer- und die reichsten Archive andererseits in beispiellosem Umfang zugänglich gemacht.

          Ein grenzenloser Schauplatz

          Das blieb auch für die technisch inspirierte Phantasie nicht ohne Folgen. Wer 1977 Science-Fiction-Literatur las, kannte die Namen zahlreicher amerikanischer und englischer Autoren, vielleicht noch ein paar Russen. Heute ist das ganz anders: Der populärste Literaturpreis der Gattung, der Hugo Award, ging in der Kategorie „bester Roman“ 2015 an den Chinesen Cixin Liu.

          Sein Publikum ist von New York bis Peking, von Helsinki bis Kapstadt eines, das auch die Werke des Finnen Hannu Rajaniemi, der Südafrikanerin Lauren Beukes oder der Russin Ekaterina Sedia zu schätzen weiß - und jetzt oder demnächst den neuen „Star Wars“-Film sehen kann. Die technisch vermittelten neuen Sagen von der allseitig technisch vollbrachten Weltumwälzung handeln für dieses Publikum nicht von irgendeinem universalen Einheitsbrei namens berechenbarer Fortschritt, sondern von zahllosen Unterschieden und Ungleichzeitigkeiten der Entwicklung. „Star Wars“ ist ihr ästhetischer Schauplatz schlechthin - ein grenzenloser Ort, wo Sonnen krachen, Märkte beben, Kriege wüten, Staaten scheitern oder gegründet werden und Menschen darum kämpfen, Geschichte anders zu machen und anders zu schreiben, als alle alten Archive sie darstellen.

          Quelle: F.A.Z.

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