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„Star Trek“ im Kino Die ganz große Sause im weiten, schwarzen All

Wie das Raumschiff Enterprise wurde, was es ist: Regisseur J.J. Abrams setzt auf Verjüngung der Besatzung und feiert eine Art Kindergeburtstag mit gigantischem Joystick. „Star Trek“ ist eine riesengroße Schießbude.

Es war eine repräsentative Weltgesellschaft, die sich 1966 auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise versammelte, um in die endlosen Weiten des Alls aufzubrechen und in Diensten einer Föderation der guten Planeten immer neue Grenzen gegen den barbarischen Rest da draußen zu ziehen. Ein irisch-cholerischer Kapitän, ein schottisch-cholerischer Techniker, ein Arzt vom Mississippi, ein Japaner und ein Russe am Steuerpult, dazu eine attraktive Afrikanerin für den Funkverkehr und, als Krone der Schöpfung des 23. Jahrhunderts, ein Mann, der zur Hälfte von dem Planeten Vulkan stammte und zur anderen Hälfte von der Erde.

Dieser Mr. Spock, ein radikaler Rationalist mit einer Schwäche für seinen emotionalen Kapitän Kirk, war der eigentliche Clou der Serie „Star Trek“, die sich anschickte, den Weltraum noch viel gründlicher zu durchmessen als Perry Rhodan, dem nie so richtig der Sprung vom Druckwerk in die nächste Dimension von Film und Fernsehen gelang.

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Eine paradoxe Intervention von nachgerade kosmischer Dimension

Das „Raumschiff Enterprise“ mit all seinen Nachfolgeschiffen, -generationen, -universen ist seit über vierzig Jahren das weltweit verbindliche Szenario der kosmischen Expansion der Menschheit. Längst standen andere Schiffe („Voyager“) und Raumstationen („Deep Space Nine“) im Zentrum, aber die erste Besatzung der Enterprise blieb das Maß aller Dinge. Nun wagt sich der Regisseur und Produzent J.J. Abrams an die letzte Lücke, die in diesem Kosmos, der zugleich auf Unendlichkeit und auf Geschlossenheit tendiert, noch offen ist: Er erzählt in „Star Trek“, dem elften Kinofilm im Umfeld der Fernsehserie, die Vorgeschichte dieser legendären Crew. Er erzählt den Werdegang von James T. Kirk, die Rekrutierung von Lieutenant Uhura für die Kommunikationskonsole, die Loseisung des begnadeten Ingenieurs Scotty von einem kalten Außenposten der Föderation und die Ausbildung von Dr. McCoy an der Academy für künftige Weltraumfahrer.

Vor allem aber erzählt Abrams den Werdegang von Spock, der dem Film gerade deswegen so plausibel ein emotionales Zentrum geben kann, weil er als Vulkanier seinen Gefühlen eigentlich nicht trauen darf. Diese Zerrissenheit lässt sich nur durch eine paradoxe Intervention von nachgerade kosmischer Dimension therapieren, und das ist im Grunde der ganze Plot von „Star Trek 11“. Ein Unruhestifter namens Nero (Eric Bana) vagabundiert mit einem Schiff voll wilder Gestalten durch das Weltall und bohrt planvoll die Planeten an, mit deren Bewohnern er ein Hühnchen zu rupfen hat. Zuerst bringt er auf diese Weise den Planeten Vulkan zur Implosion, danach macht er sich auf den Weg zur Erde.

Wie soll dieser Kirk jemals in institutionellen Zusammenhängen funktionieren?

Die nachmaligen Helden der Enterprise befinden sich zu diesem Zeitpunkt alle noch in der Ausbildung, und James Tiberius Kirk ist ein vollends ungebärdiges Talent, von dem noch gar nicht klar ist, wie es jemals in institutionellen Zusammenhängen funktionieren können soll. Es wird der Konfrontation mit seinem Schatten Mr. Spock bedürfen, um die perfekte Balance und Hierarchie auf der Brücke der Enterprise herzustellen, die sich dann als für die Serie tauglich erweisen kann, die es schon lange gibt.

„Star Trek 11“ kommt zu einem Zeitpunkt, da William Shatner, der ursprüngliche Darsteller des Captain Kirk, ein Alter erreicht hat, in dem sich eine neuerliche Ausfahrt endgültig verbietet. Er hat, wie auch die anderen Veteranen der Serie, so lange wie möglich mitgemacht, und dabei unverdrossen den Verlust der jugendlichen Heldenfigur ignoriert. J.J. Abrams vollzieht hier einen Schnitt und besetzt James T. Kirk mit einem neuen Gesicht: Chris Pine garantiert den Brückenschlag zu einem Publikum, das bei Science-Fiction eher an Michael Bays „Transformers“ (siehe auch: Video-Filmkritik: „Transformers“) und vielleicht gerade noch an Paul Verhoevens „Starship Troopers“ denkt.

Vor vierzig Jahren wäre diese Romanze noch anstößig gewesen

In vielerlei Hinsicht ist „Star Trek 11“ eine riesengroße Schießbude, ein Kindergeburtstag mit gigantischem Joystick. Warp-Antrieb, die Beam-Technologie und Zeitschleifen tragen gleichermaßen dazu bei, dass J.J. Abrams zwischen den narrativen Blöcken, aus denen der Film gebaut ist wie ein riesiges Mobile, umstandslos hin und her springen kann. Der Höhepunkt der Willkür ist dort erreicht, wo der junge Spock (Zachary Quinto) sich selbst in Gestalt des vormaligen Darstellers Leonard Nimoy gegenübersteht - aber derlei Hokuspokus gehörte immer schon zu den Bestandteilen von „Raumschiff Enterprise“, und „Star Trek 11“ hält hier nur das Niveau klassischer Abstrusitäten.

Spezifisch interessant ist allenfalls der Zeitsprung zwischen der Weltgesellschaft von 1966 und der von 2009. Abrams kommt dabei um die alten Hierarchien nicht umhin: Das weiße, auf emotionale Intelligenz gepolte Alpha-Individuum Kirk bleibt auch hier das Maß aller Attraktionen. In der zweiten Reihe aber gönnt sich „Star Trek 11“ dann doch ein hübsches Manöver, denn zwischen Mr. Spock und Lieutenant Uhura blieb aus der Serie eine Menge uneingelöst, das nun zur Entfaltung kommen kann.

Die politisch korrekte Diversifizierung und Differenzierung, die in den Nachfolgeserien von „Star Trek“ ausführlich vollzogen wurde, konzentriert sich hier beim Grundpersonal auf die beiden Figuren, die schon vor vierzig Jahren am deutlichsten auf eine multipolare Welt vorausgewiesen hatten. In einem Film, der sich in erster Linie als große Sause versteht, ist es schon fast ein subversives Manöver, dass der Erste Offizier ein gutes Stück seiner psychischen Energie vom Kapitän abzieht und auf eine Uhura richtet, die ihm als ebenbürtige Partnerin erscheinen muss. Vor vierzig Jahren wäre diese Romanze noch anstößig gewesen, und zumindest diesen kleinen Fortschritt kann J.J. Abrams einem Spektakel hinzufügen, das darüber hinaus nur technologisch dazugelernt hat.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.05.2009, 10:35 Uhr

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