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Sportzeitschriften Aus dem Bauch heraus

18.08.2005 ·  Sport ist mehr als nur Sport. Nämlich: Philosophie und Kulturgut. Das behauptet jedenfalls eine Flut neuer Sportzeitschriften. Die neuesten Exemplare heißen „Champ“ und „Sportsfrau“.

Von Thomas Thiel
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Mit der Bemerkung, daß eine Zigarre manchmal nur eine Zigarre sei, wies Sigmund Freund alle hermeneutischen Überschüsse seiner Sexualtheorie zurück. Daß Sport immer mehr als nur Sport, nämlich Philosophie und Kulturgut sei, wird eine Flut neuer Sportzeitschriften hingegen nicht müde zu berichten. Die Vorfreude auf die WM 2006 schwemmt jetzt zwei neue Magazine in die Medienlandschaft: "Sportsfrau", das Magazin für Bewegung, Fitness und Gesundheit, und "Champ", das Fußball, Formel 1 und mehr verspricht.

Muß man sich die Sportberichterstattung als eine Männerdomäne vorstellen, die sich auch nach dreißig Jahren noch an Carmen Thomas' legendärem "Sportstudio"- Versprecher ("Schalke 05") belustigt und in ihm ihr Vorurteil bestätigt sieht, daß Frauen, wenn sie schon Sport treiben, so doch nie und nimmer ein genuines Interesse daran haben und eine reflexive Distanz zu den Ereignissen einnehmen können? In der in keiner Weise distanziertere Erzchauvis wie Waldemar Hartmann eine bierige Stammtischatmosphäre herbeizitieren, in der sich männerbündlerisch über den harten Konkurrenzkampf im Mittelfeld der Bayern reden läßt? In der man sich Volleyballerinnen gern langbeinig und leichtbekleidet wünscht? Man muß.

Sportberichterstattung als Männerdomäne

Denn wenn sich schon keine Schieflage zwischen den Geschlechtern bei der faktischen Ausübung des Sports ergibt, so doch in der Berichterstattung darüber. Um öffentlich über Sport reden zu dürfen, müssen Frauen gut aussehen (Monica Lierhaus), mit einem burschikosen Auftreten Nähe zum Gegenstandsfeld vermitteln (Claudia Neumann) oder selbst erfolgreich gewesen sein (Franziska Schenk). Insofern ist es ein lohnender Versuch, das Unternehmen Sport monoperspektivisch aus der Sicht der Frau anzugehen. Im Fall der "Sportsfrau" fällt er jedoch einigermaßen zäh aus.

Es läge wohl im Sinn einer Sportfrauenzeitschrift, mit einer gewissen Normalität an ihren Gegenstand heranzugehen. Daß Frauen Sport treiben, daß sie Hindernislaufen, Boxen und bald Zehnkampf machen, daß sie dabei einen ähnlichen Ehrgeiz entwickeln können wie ihre männlichen Kollegen und daß sie gerade in Ausdauerdisziplinen deren Leistungsniveau immer näher kommen, gehört, sollte man meinen, zum gesicherten Erkenntnisbestand. Als erstes Magazin seiner Art glaubt sich "Sportsfrau" jedoch verpflichtet, Pionierarbeit zu leisten, und erweckt dabei den Eindruck, als habe es soeben erst entdeckt, daß auch Frauen bei körperlicher Ertüchtigung gesichtet wurden. Das jähe Glück dieser Erkenntnis teilt das Editorial mit.

Die ganze Last der Emanzipationsbewegung

Auch in den übrigen Artikeln nimmt das optisch unscheinbare Magazin die ganze Last der Emanzipationsbewegung auf seine Schultern und verwendet viel Ehrgeiz darauf, das spezifisch andere des Frauensports herauszustreichen: "Was ist nun anders am Frauensport im Gegensatz zum Sport der Männer?", stellt man die Frage und beantwortet sie dahingehend, daß Frauensport "spontan und originell, traditionell, überraschend, nachahmenswert und anspornend" sei. Das ist Männersport auch.

Abseits dieser Rhetorik, die ihre Eigenheit immer schon im voraus meint benennen zu müssen, bietet der Rest des Heftes einen über die reine Ereignisberichterstattung erweiterten kulturellen Fokus mit wechselhafter Qualität: An einen schlüssigen Überblick über die sportliche Emanzipationsgeschichte der Frau und einen subtilen Beitrag über Frauensport im Kino schließt sich ein sprachklischeestapelnder Text über eine mögliche Renaissance des Frauenschwimmens an. Ein Porträt über Jane Fonda verliert den Sport, Texte über Sporternährung und das Muskelaufbauprogramm "Pilates" (die Energie kommt aus dem "Powerhouse" Bauch heraus) die Frau aus den Augen.

Nicht auf den verschlungenen Seitenpfaden

Anders als die "Sportsfrau" muß das geschlechtlich indifferente Magazin "Champ" für das Interesse an seinem Gegenstand nicht eigens werben, wohl aber begründen, warum "Rund", "11 Freunde" und "Sport-Bild" nicht ausreichend über die Gesamtheit des Sports nebst seiner kulturellen Seitenaspekte informieren. Anders als die beiden Erstgenannten will sich "Champ" dem Sport nicht auf den verschlungenen Seitenpfaden nähern. Schon sein Titel solidarisiert sich mit den Arrivierten des Genres, und auch inhaltlich positioniert sich das Magazin in die Mitte der medialen Sportwelt, aus der es die Hauptgegenstände des allgemeinen Interesses und die präsentabelsten Physiognomien von Fernando Alonso bis Flavio Briatore rosinengleich herauspickt.

"Champ" will seinen Helden offensichtlich ein Laufsteg sein, auf dem Milan-Stars in Dolce&Gabbana-Klamotten defilieren und Edelkicker von Oliver Kahn (Ferrari) bis Thierry Henry (Aston Martin) ihre Nobelkarossen spazierenfahren dürfen. Den Eindruck einer starken Anfälligkeit für die Reize der Oberfläche verstärkt die Tatsache, daß als eine der wenigen Nicht-Fußballer unter den Porträtierten die schwedische Siebenkämpferin Carolina Klüft auftaucht, die, ganz nebenbei bemerkt, auch optisch etwas hermacht.

Durchgängig hohe Textqualität

Trotzdem bietet "Champ" mehr als eine makellose Oberfläche: Eine durchgängig hohe Textqualität verbürgen die Beiträge profilierter Journalisten aus der Tagespresse von Frank Heike bis Katrin Weber-Klüver, der die fußballinteressierte Öffentlichkeit noch heute für die Wortschöpfung "Rumpelfüßler" zu Dank verpflichtet ist. Das ästhetische Surplus liefert der englische Schriftsteller und Hellas-Verona-Fan Tim Parks, der über die Nähe des Fußballs zur Gewalt räsoniert.

In gewählten Worten und treffenden Formulierungen wird von diesen kompetenten Leuten jedoch nichts dargelegt, was man als Tageszeitungsleser nicht schon wüßte: daß Rafael van der Vaart zum international unbedeutenden HSV floh, weil er und seine glamouröse Frau sich von der holländischen Presse belästigt fühlten, daß Herthas Spiel mit der Tagesform des kapriziösen Marcelinho steht und fällt und daß Werder Bremens nordische Zurückhaltung dem schüchternen Naturell eines Torsten Frings besser liegt als die bayerische Großspurigkeit. Michael Ballack darf sagen, daß er am liebsten alle vier Titel gewinnen möchte, Lukas Podolski, daß ihm Fußball Spaß macht.

Eindimensional

Insofern bietet sich das Magazin nicht als Erweiterung, sondern als vor allem stilistisch und optisch überzeugende Alternative zur übrigen Sportpresse an. Es macht gemeinsame Sache mit seinen Stars, die es gerne als "Alphatiere" beschreibt. In einer Zeit, in der die Laufbahnen aus den großen Stadien gerissen werden und die immer gleichen Fußballer wöchentlich erklären dürfen (oder müssen), daß sie sich auf das kommende Spiel freuen, ihr Bestes zu geben bereit seien und man natürlich gewinnen wolle, fördert es jedoch auch die Eindimensionalisierung der Sportberichterstattung. Es gibt dem, der schon hat.

Quelle: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191 / Seite 36
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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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