17.10.2005 · Die „Sportschau“ macht mehr Werbung, als sie zugibt. Selbst bei großzügiger Berechnung beschränken sich die bewegten Bilder von den aktuellen Spielen der Bundesliga auf lediglich zwei Drittel der Sendezeit.
Von Jürgen KaubeDie „Sportschau“ fühlt sich ungerecht behandelt. So viel Werbung und andere, der Berichterstattung über die Bundesliga ganz äußerliche Sendeminuten, wie vielfach behauptet, sende sie gar nicht. Eine eigene Presseerklärung hat sie herausgegeben, in der steht, daß die Berichterstattung „rund achtzig Prozent“ der Sendung einnehme.
Wir hatten anläßlich des ersten Spieltags der Bundesliga behauptet, von jedem Spiel bekomme der Zuschauer nicht viel mehr als sechs Minuten zu sehen. Und weil am ersten Bundesliga-Samstag nur sechs Spiele stattfanden, waren es damals - wir hatten die Sekunden nicht gestoppt - unserer Schätzung nach etwa 36 Minuten Fußball, die wir in einer Sendung sahen, die länger als neunzig Minuten dauerte.
Wir fanden das befremdlich und fanden auch, der Fußball habe verdient, nicht als Sättigungsbeilage zwischen Dutzenden von Vorankündigungen, Werbeblöcken, Trailern, Gewinnspielen, Interviews zu erscheinen. Denn der Fußball als solcher ist sehenswert, ganz gleich, ob das einzelne Spiel sensationell verlief - das tun die wenigsten - oder nicht.
Eigenwerbung von besonderem Scharfsinn
Die „Sportschau“ und der Intendant des WDR, Fritz Pleitgen, kommen uns mit Zahlen. Zahlen, die sie selber ausgerechnet haben. Über den achten Spieltag der Fußball-Bundesliga habe Monica Lierhaus in einem Umfang von netto mehr als sechzig Prozent Spielberichten aus den Stadien informiert. Nur gut zwölf von neunzig Minuten seien Werbung gewesen. Rückfragen bitte an „Kristina Bausch: Tel. 02 21-2 20-46 07“.
Wir haben einen anderen Weg gewählt, den Weg der empirischen Sozialforschung auf eigene Faust. So schwer ist das ja nicht, man zeichnet die Sendung auf, stoppt, wie lange die einzelnen Elemente dauern und verbringt eine Nacht damit, nachzurechnen. Es sind schönere Wochenendaktivitäten denkbar, aber sei's drum, der WDR hat immerhin behauptet, alles sei ganz anders.
Es ist nicht ganz anders. Auch an diesem Samstag bestand die „Sportschau“ nicht wesentlich und schon gar nicht zu „rund achtzig Prozent“ aus Sport. Auch an diesem Samstag begann sie, nachdem ihr Signet erschien, mit zwölf Werbespots, Länge 4:30 Minuten. Ihnen folgte eine Eigenwerbung von besonderem Scharfsinn, die Fußball als „Religion“ bezeichnete und Stadien mit Kirchen verglich. Weil es in Gelsenkirchen aber offenbar kein prominentes Gotteshaus gibt, dessen Name sich hätte als Witz zum Stadion einblenden lassen (“Münchner Frauenkirche“ zum Bild der Allianz-Arena), einfach mit „Die Schalker Kultstätte“ schloß (1:11 Minuten).
Sieben Minuten pro Spiel
Dann kamen eine Versicherung (32 Sekunden), ein weiterer Vorspann (11 Sekunden), die Milch und die Telefonfirma (etwa 13 Sekunden), dann ein Trailer mit der Ankündigung des Spieltags (1:08). Es folgte eine Anmoderation, die behauptete, die Bundesliga sei ein Exportschlager, weil ihre Spieler in der WM-Qualifikation Tore gemacht hatten, woraus man auch schließen könnte, sie sei eine Importfirma (1:12).
Dann kam das „Tor des Monats“, also eine Autowerbung (1:53), dann die zweite Moderation (0:29), und um 18.16 Uhr und paar Sekunden, also acht Minuten nachdem die „Sportschau“ sich angekündigt hatte, sahen wir erstmals den Rasen eines Bundesligastadions am Samstag.
Die „reine Spielberichterstattung“, von der der WDR spricht, betrug nach unserer Uhr: Mainz - Leverkusen 6:47; Stuttgart - Gladbach 5:45; Bielefeld - Berlin 7:08; Kaiserslautern - Dortmund 6:59; Bremen - Nürnberg 7:12; Wolfsburg - Hamburg 7:13; Schalke - München 9:23. Das ergibt, wenn wir uns nicht sehr verrechnet haben, etwa 50 Minuten, was ein bißchen mehr als sieben Minuten pro Spiel ausmacht.
Mehr als 21 Minuten Reklame
Dazu kommen die Anmoderationen und die Interviews als spielbezogene Sendeelemente, auch wenn man nicht verstehen muß, was Kevin Keegans Sangeskünste mit Rafael van der Vaart zu tun haben, warum Herr Beckmann sich für Werder Bremen ausgerechnet um die Zukunft des Stürmers den Kopf zerbricht, der am wenigsten zum Einsatz kommt (“mit jedem Tor, das er schießt, wird seine Situation eine andere“ - bislang blieb sie die gleiche, weil die anderen beiden noch viel mehr Tore schießen), oder welchen analytischen Wert es hat, noch mal die Wechselbereitschaft von Hamil Altintop weg von Kaiserslautern zu dokumentieren.
Daß es auch Anmoderationen ohne jeden Spielbezug gibt, weil auf sie gar kein Spiel folgt, sondern Werbung oder das Gewinnspiel, die also gar nicht die Funktion des Anmoderierens haben, sondern nur daran erinnern, daß man sich nicht in einer Dauerwerbesendung befindet, sei nur angemerkt. Insgesamt kommen wir so auf 19:24 Minuten für dieses Genre, worin auch fast fünf Minuten für ein Interview mit Bundestrainer Klinsmann stecken.
Rechnet man vom ersten Erscheinen des Logos „Sportschau“, so gegen 18.08 Uhr, bis zum letzten um 19.46 Uhr, dann kommt man einschließlich des Tors des Monats (3:10) und anderer Sonderwerbeformen auf etwas mehr als 21 Minuten Reklame.
Weniger als zwei Drittel Bundesliga
Der letzte Werbeblock läuft zwar, wenn Beckmann schon „Tschüs“ gesagt hat, und der erste, noch bevor er „Guten Abend“ gesagt hat, aber wir sind sicher, auch diese Werbung rechnet die „Sportschau“ in der internen Einnahmeabrechnung sich zu. Zudem sagt Beckmann ja sowieso erst nach etwa sieben Minuten „Guten Abend“, um gleich zum Gewinnspiel überzuleiten.
Den Rest vom Fest machen die Schrumpf-Nachrichten in der Mitte der Sendung (1:16) und die Trailer aus, die Aufzählung der Spiele, der blödsinnig durch Schalke hinkende Religionsvergleich oder jene raunende Frauenstimme, die uns Ungeheuerliches ankündigt - „die Arena stürmen oder untergehen“ -, obwohl jeder weiß, daß Schalke gegen Bayern das letzte Mal ein Betonkick war. Wir kamen für diese Zeitschinderei ohne Informationswert auf etwas mehr als drei Minuten.
In Prozent ausgedrückt, besteht die „Sportschau“ also keineswegs aus „rund achtzig Prozent“ Information, wenn unter Information nicht auch Produktinformation verstanden wird. Wir sind auf eine Sendelänge von ungefähr 95 Minuten gekommen, davon entfielen auf Informationen über die Bundesliga etwas mehr als 67 Minuten, was siebzig Prozent entspricht - zählt man das Interview mit Klinsmann separat, dann waren es sogar weniger als zwei Drittel Bundesliga, wobei hierin alle Mätzchen (Keegan, Altintop) eingerechnet sind. Das reine Spielgeschehen macht etwas mehr als die Hälfte der Sendung aus.
Der analytische Blick fehlt
So weit die Quantitäten. Der eine oder andere Stoppfehler mag uns unterlaufen sein, manches Sendeelement geht auch gleitend ins nächste über. Im ganzen haben wir diesmal fünfzig Sendeelemente gezählt, eine Zahl, die von den „Sportschau“-Machern bislang nicht kommentiert worden ist, obwohl ebendieses ständige Unterbrechen der Sportberichterstattung durch Reklame-Filmchen viele Zuschauer mindestens so entnervt wie deren Gesamtlänge.
Ein eigenes Kapitel wären noch die Qualitäten einer Sendung, deren Mitarbeiter in der Lage sind, Sätze wie „erst der Blick, dann der Trick, dann der Kick“ hervorzubringen, was sie vermutlich für ebenso witzig halten, wie Sport-Chef Steffen Simon seine Bemerkung zu einem Tritt in den Unterleib des Spielers Ballack: „eine Attacke gegen die Familienplanung“.
Aber für dieses Thema und für das andere, wieso in der „Sportschau“ und überhaupt im öffentlich-rechtlichen Sportfernsehen jeglicher analytische Blick auf den Fußball fehlt und nur die Phrasen der Woche - Wer wechselt vielleicht wohin? Warum wohnt Klinsmann nicht in Stuttgart? - hergebetet werden, fehlt uns nach all der Zeitmessung die Zeit. Dazu ein andermal.