03.07.2005 · Steven Spielberg mischt Amerikas Gründungslegende neu auf: Die Serie "Into the West" zeigt die Besiedelung Amerikas mit schönen Bildern und viel Abenteuerromantik.
Von Nina RehfeldIm Westen nichts Neues:
In der von Steven Spielberg hochklassig produzierten, zwölfstündigen TNT-Serie "Into the West" streifen riesige Büffelherden durch epische Landschaften, werden würdevolle Indianer von beunruhigenden Visionen geplagt, fühlen sich rastlose Anglo-Siedler an der Ostküste von den Mythen des Westens magisch angezogen und formt sich schließlich nicht unter dem Siegel von Austausch und Verständigung, sondern in einem bitteren, brutalen Unterwerfungskampf eine junge Nation.
Einen neuen, überraschenden oder auch nur frischen Zugang kann Spielberg dem vielfach totgesagten Western-Genre zumindest in den ersten Folgen zwar nicht abtrotzen. Aber sein sechsteiliges Epos ist doch das bislang umfassendste, atemraubend gefilmte Bilderbuchpanorama der amerikanischen Gründerzeit.
Besiedelung des Westens aus zwei Perspektiven
Weniger - oder mehr - will es offenbar auch gar nicht sein. Amerikanische Kritiker rühmten die Reihe als Rückkehr zu den großen Fernseh-Epen der Siebziger wie "Roots" oder "Dornenvögel".
Tatsächlich hat Dreamworks mit dem Budget von mehr als fünfzig Millionen Dollar, über sechs Monaten Drehzeit, 15000 Komparsen und einer Besetzungsliste, die Beau Bridges, Gary Busey, Rachael Leigh Cook, Tom Berenger und Keith Carradine einschließt, weder Kosten noch Mühen gescheut, den Gründungsmythos der amerikanischen Gesellschaft in Szene zu setzen: die rastlose Verschiebung der Zivilisationsgrenze.
"Into the West" erzählt die 65 Jahre zwischen 1825, als der Pelzhändler und Trapper Jedediah Smith die erste Expedition nach Kalifornien leitet, und 1892, da die mythische "Frontier" als geschlossen und der Westen als besiedelt erklärt ist, aus der Perspektive beiderseits jener Grenze: aus Sicht der angelsächsischen Siedlerfamilie Wheeler und aus dem Blickfeld einer kleinen Lakota-Sippe auf den Prärien des Mittleren Westens.
Man kann nicht daran vorbeizappen
Während der junge Jacob Wheeler (Matthew Settle) 1825 aus dem brav puritanischen Arbeitsalltag einer Radmacher-Familie in Virginia ausbricht, um sich dem legendären Trapper Jedediah Smith (Josh Brolin) anzuschließen, überlebt auf der anderen Seite des Kontinents der Lakota-Junge Loved by the Buffalo (George Leach) bei der Büffeljagd seines Stammes eine Herdenpanik.
Zum Medizinmann berufen, muß er verstörenden Visionen über den Niedergang seiner Kultur folgen. Als Jacob Wheeler auf dem Weg nach Westen Thunderheart Woman (Tonantzin Carmelo), die verschleppte Schwester von Loved by the Buffalo, vor der Versklavung rettet und mit ihr eine Familie gründet, verflechten sich die Geschichten der beiden Familien.
Sechs Wochen lang tapeziert TNT rund um den amerikanischen Unabhängigkeitstag sein Programm mit "Into the West", von Freitag bis Sonntag werden die zweistündigen Episoden jeweils doppelt ausgestrahlt. Man kann sich an "Into the West" also kaum vorbeizappen, und prompt konnte TNT bei der Premiere der Reihe eine beachtliche Zuschauerbilanz von 9,6 Millionen aufweisen.
Selbstgefälliger Abenteuerroman
Doch ein wichtiges Ziel seiner aggressiven Marketingkampagne verfehlte der Sender aus der Medienfamilie von Ted Turner: ein junges Publikum. Drei Viertel der Zuschauer sind über fünfzig, und das ist dem optisch opulenten und politisch penibel korrekten Werk durchaus angemessen.
In einem Unterhaltungszeitalter, in dem Kevin Costners "Der mit dem Wolf tanzt" den Indianern lange eine eigene Perspektive eingeräumt und in dem Clint Eastwoods "Erbarmungslos" mit den ehernen Helden- und Feindbildern des Westens längst aufgeräumt hat, in dem HBOs "Deadwood" den Western als dreckiges Shakespeare-Drama und den mythischen Westen als schmuddeliges Schlammloch voller Gestrauchelter wiederentdeckte, hat die Rückkehr zum großen Abenteuerroman einen schalen Beigeschmack von Selbstgefälligkeit.
Doch man muß der Reihe anrechnen, daß sie die Western-Klischees so glanzvoll inszeniert, daß man darüber bisweilen ihre bloße Wiederaufwärmung vergißt.
Nicht alles ist Gold in Spielbergs Western
Jacob Wheeler bleibt in der Schablone des unerschütterlichen Pioniers gefangen, der entschlossen alle Härten auf sich nimmt, um sich und seiner Familie den Traum von einem besseren Leben im fernen Kalifornien zu verwirklichen.
Wheelers Inspiration ist mit Jedediah Smith eine historische Figur, die hier als Prototyp der Frontiertugenden auftritt - ein tatendurstiges, aber gottesfürchtiges Rauhbein, das, während seine Mannen mit den Mojave-Indianern saufen und huren, Philosophisches kontempliert: "Der liebe Gott hat uns ein wenig über den Tieren und ein wenig unter den Engeln erschaffen. Aber er hat uns die Wahl gegeben. Und das ist wunderbar."
Oder auch nicht. Denn es ist nicht alles Gold in Spielbergs Wildem Westen. Noch bevor sie den Pazifikblick so recht genießen können, erfahren die Kalifornien-Fahrer den Rauswurf aus dem mexikanischen Territorium, und die indianischen Saufkumpanan haben sich nach einer Wilderer-Attacke in bittere Feinde verwandelt.
An Härten wird nicht gespart
Der Dramatik kann nicht genug sein, und in zu vielen Szenen werden, eine Spielbergsche Lieblingsunsitte, Zwischentöne von dramatisch orchestrierter Musik ertränkt. Der Treck gen Westen, den Jacob Wheeler später erneut, gefolgt von seiner Familie, unternimmt, läßt an Härten kaum zu wünschen übrig:
Gefährliche Flußüberquerungen im Planwagen, entsetzliche Prärieunwetter, mit Maden infizierte Wunden, Indianerangriffe und ein Choleraausbruch relativieren die Romantik entscheidend. Und wo die rauhe Natur schließlich bezwungen ist, da sorgt menschliche Großmannssucht gegenüber den "Wilden", in den Goldsuchergebieten oder zwischen Sklaverei-Befürwortern und -Gegnern für schreckliche Verwüstungen.
Auch die Lakota werden von Aufsplitterung heimgesucht. Während Loved by the Buffalo auszieht, um seiner Vision zu folgen, trennt sich sein Volk bei der Suche nach einem praktischen Umgang mit den Neuen auf der Prärie in zwei - die, die den Anschluß an die Wege des Weißen zum Überleben suchen, und die, die es für besser halten, wenn sich deren Wege mit den eigenen niemals kreuzen.
Freilich sind beide Strategien zum Scheitern verurteilt, und mit der Aufnahme von Feuerwaffen in das Handelskontingent zwischen Weißen und Ureinwohnern gewinnen auch die Machtkämpfe unter den Indianerstämmen eine neue Dimension.
Verliebt in historische Details
Neben beinahe pedantischer politischer correctness - wer Lakota-Blut in den Adern hat, zählt zu den Guten, wer den Westen einem Wort von Jedediah Smith zufolge als Lebensstil statt als Ort auf der Karte wahrnimmt, zu den Bösen - herrscht hier eine so ausgeprägte historische Detailverliebtheit, daß man bisweilen einer Geschichtsbuch-Verfilmung zu folgen meint.
Die Ersetzung des Pony-Express durch den Telegraphenmast, die Beschleunigung durch die Eisenbahn, der Goldrausch, der Indianervertrag von Fort Laramie und die Goldfunde in den heiligen Black Hills, die Schlacht vom Little Bighorn und der Bürgerkrieg ziehen als Lebensabschnitte der Wheelers, der Lakota und ihrer Kinder über den Schirm. Das ist eine schöne Idee, die aber oft von ihrem eigenen Anspruch erschlagen wird.
Das Rad, das hier symbolisch steht für den Lebenskreislauf der Lakota ,und die Räder, die bald ganze Völker überrollen, begräbt auch die Zuschauer unter sich. In Steven Spielbergs großem Panorama der Eroberung des Westens fehlen die Details zwar nicht. Doch sie ziehen nur vorüber wie die schönen Bilder.