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Im Kino „Frau Müller muss weg“ : Abgerechnet wird zum Schluss

Helikoptermutter und Lehrerinnenschreck: Anke Engelke in einer Szene des Films von Sönke Wortmanns Bild: Constantin Filmverleih

Plakativ, aber aus gutem Grund: Sönke Wortmann adaptiert Lutz Hübners Schul-Drama-Komödie „Frau Müller muss weg“ fürs Kino und stutzt Helikoptereltern die Flügel.

          Natürlich eskaliert auch dieses Kammerspiel, denn das tun Kammerspiele ja meistens. Man weiß das von einem sehr großen, nämlich Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, bei dem sich Liz Taylor und Richard Burton fast zerfleischen. Man könnte ein Kammerspiel daher auch gleich eine Zimmerschlacht nennen, wie Martin Walser das einmal getan hat.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Lutz Hübners Kammerspiel „Frau Müller muss weg“ verlegt die Schlacht ins Klassenzimmer. Die Handlung eskaliert schon ziemlich früh, nämlich als fünf Elternvertreter, die samstags zu einer dringenden Unterredung mit der besagten Frau Müller in die Grundschule gekommen sind, der Klassenlehrerin ihrer Kinder eröffnen, dass sie sie absägen wollen. Es sei Unruhe in der Klasse und keine gute Lernatmosphäre, Frau Müller sei überfordert. Die Unterschriften aller anderen Eltern haben sie bereits gesammelt. Als die Lehrerin sich verteidigt, greifen die Eltern zu fiesen Tricks: Sie wüssten ja, dass Frau Müller in Therapie sei, das habe ein Kind zuhause erzählt.

          Da platzt Frau Müller der Kragen, denn es handelt sich dabei um eine Physiotherapie. „Man wird ja wohl noch Rückenschmerzen haben dürfen!“, ruft sie wütend. Und dann geht es rund: Der ach so liebe Schüler Lukas sei nämlich in Wirklichkeit „ein klarer Fall von ADS“, und die gute Laura fälsche dauernd für Entschuldigungen die Unterschrift ihrer Mutter, in der vierten Klasse. Die Eltern sollten sich mal an die eigene Nase fassen! Frau Müller braust ab. Aber das ist noch nicht der Gipfel. Nun beginnen sich die Eltern untereinander zu zerfleischen. Am Ende gehen eine Vitrine und eine Ehe zu Bruch, zwei Väter liegen balgend und blutend am Boden.

          Typenkomödie mit guten Schauspielern

          Sönke Wortmann, der Regisseur des „Sommermärchens“ und des „Wunders von Bern“, hat Hübners Stück bereits in Berlin ins Theater gebracht und jetzt fürs Kino adaptiert. Er hat den Film gut besetzt, mit Anke Engelke, die hier ihren Comedyquatsch vergessen lässt, als knallhart determinierter Helikopter-Mom (nach einer jüngst diesbezüglich eingeführten Unterscheidung wäre sie wohl ein Kampfhubschrauber), die dem Vorteil ihres Kindes alles unterordnet. Mit Justus von Dohnányi als windelweichem Verliererpapi, der seiner Tochter Unmögliches abverlangt und sie auf Matheolympiaden hetzt.

          Mit Ken Duken als machistischem Brötchenverdiener, für den nur der Schulabschluss zählt, und Mina Tander als seinem Biowohlfühlweibchen, das sich als „Wessi“ in Dresden, wo das Ganze spielt, noch nicht angekommen fühlt, obwohl sie doch Lese- und sogar schon Baumpatin ist. Mit Alwara Höfels als nur scheinbar meinungsloser Opportunistin, die es aber letztlich faustdick hinter den Ohren hat - und vor allem mit Gabriela Maria Schmeide als Frau Müller, die für die Rolle dieser gnubbelig-verletzlichen, aber schließlich doch lutherisch-unverrückbaren Lehrerin wie geschaffen ist.

          Ein wenig zu viel Slapstick

          Was den diversen Inszenierungen dieses Stücks schon vorgeworfen wurde, ist auch im Film sonnenklar: Ja, das ist eine Typenkomödie, alle Charaktere sind hoffnungslos überzeichnet und der Plot zudem unnötig überfrachtet mit einem Ost-West-Konflikt. Man kann noch mehr kritisieren: etwa das teilweise fast bauerntheaterhafte Schielen auf Knalleffekte und Pointen. Die letzte, bevor der Vorhang fällt, ist arg konstruiert. An die als Elternkampfstück offenbar einflussreiche Verfilmung von Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ mit Christoph Waltz und Jodie Foster kommt Wortmann nicht heran, auch weil er mitunter unnötigen Slapstick bemüht.

          Aber trotz allem bleibt eine dramatische Dringlichkeit auch in seinem Film spürbar. Von der wahrlich langen Tradition dümmlicher deutscher Schulkomödien setzt sich der Film doch merklich ab. Das liegt zum einen an den guten Schauspielern. Aber es liegt noch mehr an der moralischen Katharsis, die dieses filmische Kammerspiel bereithält. Es stellt sich nämlich heraus, dass nur anderthalb der fünf Erwachsenen wirklich um ihr Kind besorgt sind. Den anderen geht es einzig und allein darum, dass ihr Spross aufs Gymnasium kommt, und für dieses Ziel bedrängen und terrorisieren sie die Lehrerin. Dafür zeigt diese ihnen am Ende, wo der Hammer hängt - sie steht als prinzipienfeste Siegerin über die Eltern und deren Motive da.

          Die Realität, um die es geht

          Es gibt eine gesellschaftliche Realität, die mit sich bringt, dass Lehrer vielleicht genau diese Katharsis einmal nötig haben. Es gibt eine Realität, in der Eltern glauben, Lehrer zu jeder Zeit belästigen und sie für alles verantwortlich machen zu können, und in der Lehrer tatsächlich nur Erfüllungsgehilfen für fehlgeleitete Vorstellungen von ihren Kindern sein sollen. Nicht selten haben die Eltern damit Erfolg, weil sie Druck ausüben. Um dieses immer größer werdende Problem zu thematisieren, ist auch das Mittel der Überzeichnung recht. Mit anderen Worten: Es ist Payback-Zeit im Klassenzimmer. Es ist Zeit, dass der Respekt vor den Lehrern wiederhergestellt wird, und zwar jener der Eltern. Auch wenn hier nicht Mel Gibson mit der Schrotflinte die Dinge geraderückt, sondern Gabriela Maria Schmeide, die auf einer gelben Simson über den Schulhof knattert, sieht man ihr gern dabei zu, wie sie den Helikoptereltern ordentlich die Flügel stutzt.

          Payback ist diese Fabel auch kinogeschichtlich: etwa für die Zumutungen des sehr guten, aber kaum erträglichen Films „Der Wald vor lauter Bäumen“, in dem eine junge Lehrerin elend zugrunde geht. Hier geht die Lehrerin beschwingt aus der Klasse. Deswegen ist „Frau Müller muss weg“ am Ende doch ein wichtiger Film. Noch wichtiger wäre, dass jene Eltern, die ihn anschauen und sich darin - in wie auch immer verzerrter Weise - gespiegelt sehen, sich tatsächlich einmal an die eigene Nase fassen.

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