22.05.2008 · Da ging ein Herzensprojekt gründlich schief: Steven Soderberghs Kinobiographie „Che" langweilt - und das viereinhalb Stunden lang. Unmengen Text, starre Chronologie und wenig Spannung entschädigen den Zuschauer fürs Durchhalten nicht.
Von Verena Lueken, CannesNach acht Tagen Festival und, je nach Kondition, dreißig bis vierzig Filmen läuft einem mit Sicherheit jemand über den Weg, der fragt: Was ist der Trend? Das bestimmende Thema? Es wurde bereits die Saison des Gefängnisfilms ausgerufen, weil einige Filme hinter Gittern spielen und andere die Figuren wenigstens im Innern mit Mauern umgeben.
Man könnte auch sagen, es ist das Jahr des Euros, weil da, wo es ums Geld geht in den Filmen, auffallend häufig Euronoten gezählt werden oder den Besitzer wechseln, in Matteo Garrones „Gomorra“ etwa, der Verfilmung des Mafia-Bestsellers von Roberto Saviano, oder in „Lornas Schweigen“ der Brüder Dardenne. Wenn man von Trends nicht so viel hält und dennoch nach etwas Gemeinsamen in all den Filmen sucht, kann man sagen: So viel aktuelle Wirklichkeit im Kino wie in diesem Jahr gab es selten. Kaum Genre, kaum formale Spielereien um ihrer selbst willen, kein Zitatekino - außer bei Spielberg, das sagt ja auch schon was.
Ein Teil reicht noch lange nicht
Drei Filmemacher im Wettbewerb schauen noch einmal zurück ins zwanzigste Jahrhundert, Ari Folman auf den ersten Libanon-Krieg in den frühen achtziger Jahren in „Waltz With Bashir“, Clint Eastwood mit „Changeling“ und Steven Soderbergh mit seinem viereinhalb Stunden langen Zweiteiler „Che“. Soderbergh ist seit seiner Goldenen Palme 1989 für „Sex, Lies, and Videotape“ regelmäßig in Cannes; im vergangenen Jahr sorgte er mit „Ocean's Thirteen“ für den Starauftrieb am Wochenende. Es stand lange nicht fest, ob „Che“ überhaupt fertig werden würde, das Festival hatte einen Platz für ihn frei gehalten, und als dann klar war, dass der Film kommt, waren die Erwartungen hoch.
Soderbergh hat seit annähernd zehn Jahren an dem Vorhaben gearbeitet. Es heißt, sein Hauptdarsteller Benicio Del Toro habe allein sieben Jahre recherchiert. Das Drehbuch ging durch einige Fassungen, in denen der Drehbuchautor, Peter Buchman, zu der Überzeugung kam, ein Eindampfen der Geschichte des argentinischen Freiheitskämpfers, der mit Fidel Castro die kubanische Revolution anführte, in den Kongo und dann nach Bolivien ging und dort schließlich erschossen wurde, auf einigermaßen übliche Kinolänge werde der Figur nicht gerecht. Mit dem Leben Alexanders des Großen für Oliver Stones „Alexander“ hatte Buchman das noch geschafft.
Das ging gründlich schief
Herzensprojekte dieser Art gehen oft schief, und leider ist das mit „Che“ auch passiert. Selbst in normaler Länge wäre der Film ein Langweiler, mit viereinhalb Stunden Dauer ist er dazu noch anstrengend, ohne dem Zuschauer für sein Durchhalten irgendetwas zurückzugeben außer dem Eindruck, dass Revolution zu machen ein ziemlich hartes Geschäft ist, das vor allem daraus besteht, im Dschungel hin und her zu ziehen, Verpflegung zu besorgen, Latrinen zu bauen und (für die, die es noch nicht können) Lesen und Rechnen zu lernen.
Soderbergh hat sich bemüht, alle Spannung aus seiner Geschichte herauszunehmen, und alle Konventionen vermieden, denen Porträts großer Figuren im Kino meistens erliegen. Im ersten Teil wechselt er zwischen Mexiko, wo Fidel Castro und Ernesto Guevara sich kennenlernen, Kuba, wo sie gemeinsam kämpfen, und New York, wo Che vor den Vereinten Nationen spricht, baut noch ein Interview mit dem amerikanischen Fernsehen ein, springt zwischen diesen Orten und Situationen hin und her, von denen die einen schwarzweiß und körnig, die anderen farbig sind, und unterlegt das auch noch mit Passagen aus Che Guevaras Tagebuch, in dem wir ihn allerdings nie schreiben sehen.
Wer will das sehen?
So wird eine Unmenge gesprochener (für alle, die kein Spanisch sprechen: in den Untertiteln zu lesender) Text in eine Unmenge von Film gepackt - mit dem Ergebnis, dass uns Che Guevara am Ende so fern ist wie am Anfang. Das gilt auch für den zweiten Teil, in dem Che die Revolution nach Bolivien bringen will. Das wird chronologisch erzählt, wieder mit fast ununterbrochenem Voice-over, mit Einblendungen der Tage und Orte, bis wir schließlich bei Tag 394 angekommen sind, dem Tag des letzten Gefechts. Erst hier, nach mehr als vier Stunden, setzt Soderbergh ein wenig auf Spannung, nimmt die Kamera in die Hand und inszeniert einen Guerrillakampf, von dem wir allerdings schon wissen, wie er ausgeht.
Welche Haltung hat Soderbergh zu seinem Sujet? Hat er überhaupt eine? Benicio Del Toro spielt Che mit schiefer Kopfhaltung (und, wie ein Experte behauptet, falschem Akzent) als einen überwiegend sanften, mit natürlicher Autorität handelnden Mann der kleinen Leute, der seine Kämpfer ziehen lässt, wenn sie genug haben von der Revolution. Der niemanden unter sechzehn rekrutiert.
Der zwar schon zu Lebzeiten ein Popstar ist, das aber kaum wahrnimmt. Es gibt keine Widersprüche in dieser Figur, keine Fragen, die der Film an sie hätte, keine privaten Sehnsüchte und auch kein Leiden, obwohl Asthmaanfälle den Helden immer wieder dem Erstickungstod nahe bringen. Es gibt nur die Hingabe an die Revolution und ununterbrochen die Sprüche dazu. Warum Che die legendäre Figur wurde, die er bis heute ist, erfahren wir nicht aus diesen langen Szenen aus dem Leben eines Revolutionärs.
Wer wird sich diesen Film anschauen? Er ist in zahlreiche Länder verkauft worden, noch bevor er gezeigt wurde. Die deutschen Verleiher allerdings haben bisher abgewinkt.