24.04.2010 · Die Kanzlerin lächelte milde, Barbara Schöneberger schillerte, Sibel Kekilli konnte es nicht fassen, Bernd Eichinger war ungewohnt gerührt, und Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ wurde mit zehn Lolas überschüttet.
Von Peter KörteBeruhigend blau war der Himmel über der Friedrichstraße, und im alten Rom hätte einem vermutlich ein Augurenkollegium erklärt, dass die Wolken weiße Bänder bildeten und dass das ein Omen sei. Im Berlin des Jahres 2010 hatte die deutsche Filmakademie die Himmelsschau besorgt, indem sie Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ in 13 von 14 möglichen Kategorien nominierte. Doch bevor der Abend des Österreichers begann, standen da breitschultrige Männer mit Knöpfen im Ohr und leichten Ausbeulungen unter den Achseln, weil die Kanzlerin in ihrer zweiten Amtszeit zum ersten Mal zum Deutschen Filmpreis kam, in den Friedrichstadtpalast.
Die Anwesenheit der Kanzlerin wiederum ersparte einem die alljährliche Rede des Kulturstaatsministers Neumann, den sie in Hollywood wohl „Boring Bernd“ nennen würden und der es ohne jegliche Ironie fertigbrachte zu sagen: „Jetzt wird's spannend“, als er den Umschlag für die Goldene Lola öffnete - und dann auch gleich noch den absehbaren Sieger verlas, was wohl eher Angela Merkels Job gewesen wäre, die das mit mildem Lächeln trug, nachdem sie anfangs mit hängenden Mundwinkeln im Auditorium gesessen hatte, als sei sie in einer griechischen Bittstellerrunde gelandet.
Dreizehn Nominierung waren viel, aber nicht zuviel
Zumindest hatte sie es über den roten Teppich geschafft, der um die eine oder andere Ecke gelegt werden musste, weil der direkte Zugang von der Friedrichstraße fürs große Defilee zu kurz gewesen wäre. Es war nicht das einzige Problem, das die Galadirektoren am neuen Schauplatz lösen mussten, weil das Budget der Akademie für die Veranstaltung ziemlich schmal ist und die Spezialeffekte, welche das Haus zu bieten gehabt hätte, zu teuer gewesen wären. Keine Eisfläche also, kein Bad im ausfahrbaren Wasserbecken, es reichte allein dafür, dass Barbara Schöneberger auf einer Mondsichel einschwebte. Die Pailletten an ihrem nachtblauen Kleid schillerten, und phasenweise schillerte auch sie. Beim sogenannten Warm-up vor Beginn der Fernsehaufzeichnung war sie von einer Lockerheit und Schnoddrigkeit, die eine Agentin später vom „Hormonrausch“ reden ließen, welcher die hochschwangere Moderatorin beflügelt habe.
Doch keine Komik, keine Dramaturgie, keine Choreographie der Welt können etwas ausrichten, wenn, wie ein Mantra, immer wieder nach Öffnung der Umschläge dieselben drei Worte „das weiße Band“ fallen und die Chance auf einen Überraschungseffekt mit jeder Kategorie schrumpft. Man kann ja noch nicht mal behaupten, dass die 13 Nominierungen für „Das weiße Band“ maßlos übertrieben waren, selbst wenn man für den Purismus, die selbstverordnete Klassizität und das Parabelhafte des Films nicht allzu viel übrighat. Wenn man das übrige Feld anschaute, spielte Haneke in einer anderen Liga, nicht bloß wegen Goldener Palme, Europäischem Filmpreis und Oscar-Nominierung.
Nicht über das gehobene Fernsehspiel hinaus
Und man kann auch nicht einwenden, dass die Akademie allzu viel übersehen hätte. Auf einen Film wie „Wüstenblume“ hätte man natürlich verzichten können und stattdessen lieber Jessica Hausners „Lourdes“ und, vor allem, Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ nominieren sollen. Fatih Akin hat schon größer aufgespielt als in „Soul Kitchen“, und bei Feo Aladags „Die Fremde“ verhält sich die Brisanz des Ehrenmordthemas mal wieder umgekehrt proportional zu Dramaturgie und Ästhetik, welche übers gehobene Fernsehspiel nie hinausreichen. Dass der Film dennoch Bronze gewann, dass Sibel Kekilli, zum zweiten Mal nach „Gegen die Wand“, als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, darüber könnte man sich nur dann beschweren, wenn man von Juryvoten Gerechtigkeit erwartete.
Schon eher erinnerte einen die Prämierung der „Fremden“ beim 60. Deutschen Filmpreises daran, dass früher nicht nur Leuchter, Schalen und Dosen verliehen wurden, sondern auch Preise für den „besten Problemfilm“ oder den Film mit dem „größten staatsbürgerlichen Gehalt“ (mit welchem technischen Verfahren auch immer der gemessen wurde). Offenbar ist die Mehrheit der mittlerweile 1200 Akademiemitglieder einfach nur dankbar für ein bisschen dramatisch aufbereitete Gesellschaftspolitik.
Der Ehrenpreis als verdeckter Apell
Blieben Maren Ades „Alle anderen“ und Hans-Christian Schmids „Sturm“, die beide das Pech hatten, einem übermächtigen Konkurrenten zu begegnen; wenn man sich vage an den Vorjahressieger erinnerte, mochte man fast damit hadern - aber auch nur fast, denn es war ja auch nicht so, dass 2009 nicht bessere Filme als der fade „John Rabe“ im Rennen waren. So nahm Schmids politischer Thriller über die Arbeit des Haager Kriegsverbrechertribunals immerhin drei Lolas mit; und Maren Ade ging leer aus, obwohl Birgit Minichmayr jede Darstellerinnen-Lola verdient gehabt hätte.
Überrascht war deshalb niemand, erregt schon gar nicht, wie es überhaupt im Vorfeld der Gala recht ruhig gewesen war. Es hatte nur ein wenig geraschelt, wegen eines offenen Briefs des Münchener Filmemachers Eckhart Schmidt, der die Regularien bei der Lola-Abstimmung attackiert und die Auszeichnung für Bernd Eichinger grotesk genannt hatte, womit er nicht ganz falsch lag. Denn nachdem Eichinger in drei Anläufen als Produzent - mit „Der Untergang“, „Das Parfum“ und „Der Baader-Meinhof-Komplex“ - leer ausgegangen war, könnte man den Ehrenpreis für den 61-Jährigen auch als verdeckten Appell deuten, es bei diesen Versuchen zu belassen - gerade weil die Laudatoren Senta Berger und Günter Rohrbach diese Deutung so ausdrücklich zurückwiesen.
Bernd Eichinger, diesmal ohne Turnschuhe
In seiner Dankesrede zeigte Eichinger jedoch nicht nur, dass er die Turnschuhe diesmal zu Haus gelassen hatte; er zeigte auch ein Maß an Rührung, das man von ihm nicht unbedingt erwartet hätte. Verhungern musste in diesem Jahr auch niemand, nachdem im Vorjahr nur Currywurst auf Puppenstubengeschirr gereicht worden war. Acht Catering-Firmen, die schon manches Filmteam durchgefüttert haben, sorgten dafür, dass es nicht so asketisch zuging wie im „Weißen Band“ und dass man hinterher im Foyer, mit der Gabel gefährlich im Gedränge fuchtelnd, mit fast jedem darüber Einigkeit erzielen konnte, dass auch weniger als zehn Lolas für Haneke genug gewesen wären. Was, da unter den Gesprächspartnern auch viele Akademiemitglieder waren, bloß das logische Problem aufwarf, woher all die Stimmen denn dann gekommen sind.
Es war, als sei die Akademie von dem Sog, den sie durch die Nominierungswelle selbst ausgelöst hatte, fortgerissen worden; und als sei ihr auch die Doppelbedeutung jenes weißen Bandes nicht ganz klar geworden, welches im Film ja sowohl eine Auszeichnung für Reinheit als auch eine Fessel ist, die Pubertierende von rückenmarkserweichenden Handlungen abhalten soll.
Der Sieger bleibt gelassen und äußerlich ungerührt
Michael Haneke nahm den Preisregen mit sonorer Gelassenheit und ohne sichtbare Rührung. Und er verzog auch keine Miene, als Barbara Schöneberger die neue Regel einführte, der Sieger müsse die künstlerische Leitung der Filmpreisgala im nächsten Jahr übernehmen - 2010 war „John Rabe“-Regisseur Florian Gallenberger zusammen mit seinem Produzenten Benjamin Herrmann dran. Dafür hatte die Partygesellschaft dann immerhin Spaß daran, sich die Drohung auszumalen, die darin steckte. Man sah sich, während man im Friedrichstadtpalast schwitzte, schon in zugigen Fabrikhallen stehen, ohne Steinpilzrisotto und Maultaschen, in einer Inszenierung von Bressonscher Kargheit. Aber so grausam wird der deutsche Film mit sich wohl nicht sein.
das weisse band ist zerrissen...
Manfred Sauer (Manni1000)
- 25.04.2010, 09:08 Uhr
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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