24.05.2009 · Große Namen und gleichmäßige Geschäfte, gequälte Frauen und kein Leerlauf auf der Leinwand. Wird das diesjährige Festival in Cannes als Krisenfestival in Erinnerung bleiben?
Von Verena LuekenJe nachdem, was einen nach Cannes führte, waren die Erwartungen in diesem Jahr sehr hoch - das galt für die Kritiker - oder ganz niedrig für den, der hier kaufen und verkaufen wollte. Würde das diesjährige Festival als Krisenfestival in Erinnerung bleiben? Mussten die Geschäfte bei etwa dreißig Prozent weniger Marktteilnehmern notwendig einbrechen? Würden die Filme das stimmungsmäßig ausbalancieren? Und die in diesem Jahr deutlich kleinere Zahl der Besucher der Côte d'Azur, die in der Nähe des Festivalpalasts herumstanden, um den einen oder anderen Star zu sehen - würden sie auf ihre Kosten kommen?
Der rote Teppich
Der Eröffnungsanimationsfilm gab naturgemäß keine Stars her, die an der Palasttreppe hätten aufmarschieren können. Dafür war die Jury ungewöhnlich glamourös, und der erste Auftritt auf dem roten Teppich gehörte ganz und gar Isabelle Huppert, Robin Wright und Asia Argento, die anderen Juroren fielen neben ihnen kaum auf. Dass Ballettmädchen in weißen Tutus die Treppe rahmten, war eine neue, nicht so gute Idee.
Obwohl in den folgenden Tagen Johnny Hallyday kam, der sich in Johnnie Tos "Vengeance" mühelos in die Gruppe cooler Hongkong-Auftragskiller einreiht, obwohl der einstige französische Fußballstar Cantona zur Premiere von Ken Loachs Film "Looking for Eric" einlief und Penélope Cruz mit Pedro Almodóvar die Stufen hinaufschritt, beklagte sich die örtliche Presse etwas deutlicher noch als sowieso immer darüber, dass die Stars ausblieben.
Das änderte sich am Abend der Premiere von "Inglourious Basterds". Erstens legte Quentin Tarantino mit Mélanie Laurent einen ausgelassenen Rock 'n' Roll hin, bei dem die beiden so viel Spaß hatten, dass auch ins Publikum Bewegung kam. Zweitens hatte Tarantino Brad Pitt und Angelina Jolie dabei. Neben dem Regisseur ganz in Schwarz und der zarten Französin, die statt im Abendkleid im weißen Anzug gekommen war, wirkten die beiden sehr gesetzt, wie sie da in klassischem Smoking und großer Robe den Fotografen ihr gefrorenes Lächeln schenkten. Zu Quentin Tarantino kam außerdem auch Sharon Stone.
Die Partys
Einige fielen aus, bei manchen gab es nichts zu essen, und zur deutschen Party am "Carlton Beach" fiel dem "Hollywood Reporter", der Partys bewertet wie andere Filme, Folgendes ein: "Eine lange, pseudo-patriotische Eröffnungsrede des Kulturstaatsministers Bernd Neumann rief Erinnerungen an eine DDR-Party wach." Die Wertung lag mit zwei von fünf möglichen Martinis unter dem Durchschnitt.
Wäre Leonardo DiCaprio dabei gewesen, der von einem hell angestrahlten "Shattered Island"-Banner auf die Gäste herabschaute, wäre das anders gewesen. Aber es kam nur Daniel Brühl. Was ein Star ist, zeigte Susanne Lothar bei der Strandparty für Michael Hanekes Wettbewerbsfilm "Das weiße Band". Sie spielt in dem Film eine verhärmte, graue Haushälterin in hündischer Liebe zu ihrem Arbeitgeber, der sie entsetzlich demütigt.
Im Anschluss an die Galavorstellung erschien sie dann weit nach Mitternacht strahlend schön in einem blutroten, lang gerafften Tüllkleid, das über der Brust zum Rücken hin gebunden war, ein Stück Haut sehen ließ und sich dann zum Boden bauschte.
Die Pressekonferenzen
Weil sie vollständig im Internet abrufbar waren, hatten die Ordner vor dem Saal wenig zu tun. Tumult gab es nur bei Lars von Trier, der sich selbst zum besten Filmemacher der Welt erklärte. Am lustigsten war's bei Tarantino, der in seiner aufgeregten Art derart liebenswürdig von seinen Darstellern sprach, dass er Luftküsse von der einen Seite bekam, richtige von der anderen. Daniel Brühl stand dafür eigens auf.
Und Eli Roth, der als einer der "Inglourious Basterds" mit seiner Rolle eine lang gehegte jüdische Rachephantasie befriedigte, rief ein neues Genre aus: "Kosher Porn".
Frauen
Immerhin drei Frauen - Andrea Arnold, Jane Campion und Isabel Coixet - konnten ihre Filme im Wettbewerb zeigen, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass es eine von ihnen schafft, als zweite in der Geschichte des Festivals mit einer Goldenen Palme nach Hause zu gehen. Die erste war Jane Campion, und das ist 16 Jahre her. Von halbwegs mächtigen Männern wurde Andrea Arnolds "Fish Tank" als "Mädchenfilm", Jane Campions "Bright Star" über die romantische Liebe zwischen John Keats und Fanny Brawne bereits als "Frauenfilm" tituliert. Isabel Coixet brachte leider einen kunstgewerblichen Langweiler mit.
Der Markt
Die Branchenblätter schlugen nicht Alarm. Sie zitierten nur immer wieder die Grundhaltung der Einkäufer, nämlich Filme zu kaufen, die erwartbar Geld einspielen würden. Das heißt, es wurde risikoscheu gehandelt, aber ein Desaster, wie es einige Beobachter vorhergesehen hatten, blieb aus. "Variety" nannte das Marktgeschehen "gleichmäßig, aber unspektakulär".
Dennoch wurden für einzelne Filme aus dem Programm Spitzenpreise gezahlt. Lars von Triers "Antichrist" soll in Großbritannien einen der höchsten Abschlüsse seit Jahren erzielt haben. Weil der Film an einigen Stellen hart pornographisch und extrem gewalttätig ist, konnten die internationalen Verleiher zwischen der hier gezeigten und einer um vier Szenen gekürzten Version wählen. Am heißesten umworben aber soll Jacques Audiards Gefängnisthriller "Un Prophète" gewesen sein.
Post mortem
"A film by Heath Ledger and his friends", mit diesem Schlusstitel endet Terry Gilliams "Imaginarium of Doctor Parnassus", der Film, an dem Heath Ledger arbeitete, als er starb. Hier hängt er anfangs erdrosselt unter einer Brücke. Zu sehen, wie er von den Toten aufersteht, einfach indem er eine verschluckte Flöte ausspuckt, war komisch und rührend und sehr traurig.
Die Filme
Gewalt war das beherrschende Thema des Festivals, und zwar in jeder Form. In der Familie. Zwischen den Geschlechtern. Unter Banden. Ausgelöst von übersinnlichen Mächten. Oder von der Polizei. Körperliche Versehrung, sexuelle Gewalt, psychische Grausamkeit, Selbstzerstörung, Krieg. Es herrschte ein solches Gemetzel, dass es zum Beispiel der eigentlich zauberhafte "Les Herbes Folles" von Alain Resnais schwer hatte, weil er in der Gesellschaft etwa von Audiards "Prophète" harmlos wirkte und ein wenig langweilig, statt in seiner phantastischen Leichtigkeit befreiend.
Audiards Film, eine éducation brutale, war ein früher Favorit zumindest der Kritiker, der seinen Platz bis zum Ende behauptete. Die Zustände in den Gefängnissen sind ein großes Thema in Frankreich, damit hat der Film eine politische Brisanz. Und Audiard schenkt jedem Detail seine Aufmerksamkeit, sein unbekannter Hauptdarsteller trägt den ganzen Film, das blaustichige Licht konturiert jede Narbe, und der fast dokumentarische Gestus weist übers Genre hinaus, in dem Audiard mit beiden Beinen steht.
Das war schon außergewöhnlich und blieb präsent, auch noch nach Tagen voller anderer Filme, fast jeder auf seine Weise fordernd. Es gab keinen Leerlauf bei diesem Festival und kaum einen Film, der uninteressant gewesen wäre. Die härtesten waren skandalös.
Den Anfang macht der Philippine Brillante Mendoza mit "Kinatay". Bei keinem anderen Film verließen ähnliche viele Zuschauer das Kino, weil sie die unsagbare Grausamkeit des Geschehens in einer Nacht in Manila, in der eine Frau ermordet wird, nicht aushielten. "Antichrist" wollte provozieren, was ihm mit seiner Fabel vom Bösen, das in der Frau, und vom Sadismus, der dem therapeutischen Diskurs innewohnt, spielend gelang.
Der brutalste Film des Festivals aber war in seiner verspannten Art "Das weiße Band" von Michael Haneke, auch wenn kein Blut floss. "Du ekelst mich an", sagt da der Dorfarzt zu seiner Haushälterin, die er ab und zu kurz besteigt, "ich hätte die letzten Jahre genauso gut eine Kuh bespringen können, ausgeleiert, wie du bist. Hässlich bist du, schau dich doch an, ungepflegt, und du riechst aus dem Mund. Deine Haut ist schlaff. Du bist mir lästig."
Verallgemeinerungen sind immer heikel, aber als das Festival am Donnerstagabend diesen Punkt erreicht hatte, drängte sich der Verdacht auf, dass in all der Gewalt, die wir gesehen hatten, eine untergründige Aggression gegen Frauen ihr Ventil fand. Sie wurden geschlagen, abgestochen, erwürgt, zerstückelt, gedemütigt, verjagt, missbraucht, schamlos ausgestellt. Heute Abend werden wir erfahren, was die frauendominierte Jury davon hält.