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„Sin City“ : Sechs Richtige mit Zusatzfarbe

Blonde Sünde: Jessica Alba in „Sin City” Bild: Buena Vista

Die Comic-Verfilmung „Sin City“ ist sehr laut, blutig und gewalttätig. Und dennoch: Robert Rodriguez' Film ist virtuos, ein prototypisches Werk für all das, was man „Pulp Cinema“ nennen kann.

          Für Risiken und Nebenwirkungen dieses Films lesen Sie bitte den ersten Absatz. Denn es wird abseits der nur von Spezialanbietern auf DVDs und in Videokabinen befriedigten Lust an extremen Gewaltszenen in diesem Jahr keinen anderen Film in den regulären deutschen Kinos geben, der in der Drastik der Darstellung weiter geht als „Sin City“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In ihm werden Menschen auf eine Weise malträtiert, die über die üblichen Erwartungen an einen Actionfilm weit hinausgehen. Es werden Glieder amputiert und Köpfe abgesäbelt, es wird gehauen, gestochen und geschossen, als gebe es kein Morgen und als müßten deshalb alle Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle zugleich von den Ketten gelassen werden. Die Akteure, unter ihnen ein rundes Dutzend denkbar prominenter, spielen Rollen mit der moralischen und interpretativen Tiefe von Abziehbildern. Und das Ganze ist überdies laut. Sehr laut sogar.

          Es beginnt ganz leise

          Dabei beginnt es ganz leise. Auf die Dachterrasse eines Wolkenkratzers hinaus tritt eine Schönheit. Ihr Kleid funkelt rot - wie ihre Lippen. Und das ist die einzige Farbe, die in der weiten schwarzweißen Szenerie von Basin City zu sehen ist. Der optische Effekt ist unglaublich, die junge Frau scheint durch die Kulisse zu schweben. Ein junger Mann im Smoking tritt zu ihr, macht Komplimente, und als er ihre Augen preist, nehmen diese in schwarzweißer Großaufnahme des Gesichts einen grünen Farbton an. Sie umarmen sich, allein in der regnerischen Nachtstille hoch über Basin City, wohin nur die leichte Jazzmusik einer Party dringt. Und dazu kippt das Bild ins Negativ, stellt die weiße Silhouette des sich küssenden Paares vor der schwarzen Skyline aus, und über das Bild jagen weiße Regenschauer. Dann fällt ein Schuß, und der Mann läßt die tödlich getroffene Frau zärtlich zu Boden gleiten. Er ist der „Vertreter“, sie eine „Kundin“, und am Morgen wird er den Scheck einlösen, mit dem man ihn für den Mord bezahlt hat. So beginnt „Sin City“.

          Brittany Murphy als Shellie

          Um diese ersten Minuten wird jeder Regisseur dieser Welt Robert Rodriguez beneiden. Es ist Kino in Vollendung, was er hier zeigt, und vielleicht ist auch der - in Ab- wie Vorspann als Regisseur unausgewiesene - Quentin Tarantino für diese Sequenz verantwortlich gewesen. Tatsache jedenfalls ist, daß das Duo Rodriguez-Tarantino, das schon mit „From Dusk Till Dawn“ vor neun Jahren einen sensationellen, wenn auch bereits an die Grenzen des guten Geschmacks gehenden Film gemacht hat, mit „Sin City“ ein prototypisches Werk für all das geschaffen hat, was man „Pulp Cinema“ nennen kann. Dieses Kino nimmt seine Stoffe aus den Groschenheften, den B-Movies, den Comics, aus allen populären Quellen, die man sich denken kann, und es erzählt diese Geschichten auf eine so ausgefuchste Weise, daß nur ignorante oder bösartige Betrachter die Virtuosität der Regisseure übersehen können oder wollen.

          Dunkle Rächer

          Vorlage war diesmal die Comicserie „Sin City“ des achtundvierzigjährigen Amerikaners Frank Miller, der in den achtziger Jahren parallel zu seinem britischen Kollegen Alan Moore im Handstreich das Superhelden-Genre erneuert hat, indem er Daredevil, Batman oder seine eigene Schöpfung Elektra wieder zu jenen ursprünglichen dunklen Rächern stilisierte, die dieses Genre groß gemacht haben. Eine jahrzehntelange Sozialisierung des Superhelden ging damit zu Ende, und Miller brachte eine Brutalität in die Geschichten zurück, die in Zeiten von Prüfsiegeln für und freiwilliger Selbstkontrolle durch die Comicverlage undenkbar gewesen wäre.

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