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„Sin City“ Sechs Richtige mit Zusatzfarbe

10.08.2005 ·  Die Comic-Verfilmung „Sin City“ ist sehr laut, blutig und gewalttätig. Und dennoch: Robert Rodriguez' Film ist virtuos, ein prototypisches Werk für all das, was man „Pulp Cinema“ nennen kann.

Von Andreas Platthaus
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Für Risiken und Nebenwirkungen dieses Films lesen Sie bitte den ersten Absatz. Denn es wird abseits der nur von Spezialanbietern auf DVDs und in Videokabinen befriedigten Lust an extremen Gewaltszenen in diesem Jahr keinen anderen Film in den regulären deutschen Kinos geben, der in der Drastik der Darstellung weiter geht als „Sin City“.

In ihm werden Menschen auf eine Weise malträtiert, die über die üblichen Erwartungen an einen Actionfilm weit hinausgehen. Es werden Glieder amputiert und Köpfe abgesäbelt, es wird gehauen, gestochen und geschossen, als gebe es kein Morgen und als müßten deshalb alle Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle zugleich von den Ketten gelassen werden. Die Akteure, unter ihnen ein rundes Dutzend denkbar prominenter, spielen Rollen mit der moralischen und interpretativen Tiefe von Abziehbildern. Und das Ganze ist überdies laut. Sehr laut sogar.

Es beginnt ganz leise

Dabei beginnt es ganz leise. Auf die Dachterrasse eines Wolkenkratzers hinaus tritt eine Schönheit. Ihr Kleid funkelt rot - wie ihre Lippen. Und das ist die einzige Farbe, die in der weiten schwarzweißen Szenerie von Basin City zu sehen ist. Der optische Effekt ist unglaublich, die junge Frau scheint durch die Kulisse zu schweben. Ein junger Mann im Smoking tritt zu ihr, macht Komplimente, und als er ihre Augen preist, nehmen diese in schwarzweißer Großaufnahme des Gesichts einen grünen Farbton an. Sie umarmen sich, allein in der regnerischen Nachtstille hoch über Basin City, wohin nur die leichte Jazzmusik einer Party dringt. Und dazu kippt das Bild ins Negativ, stellt die weiße Silhouette des sich küssenden Paares vor der schwarzen Skyline aus, und über das Bild jagen weiße Regenschauer. Dann fällt ein Schuß, und der Mann läßt die tödlich getroffene Frau zärtlich zu Boden gleiten. Er ist der „Vertreter“, sie eine „Kundin“, und am Morgen wird er den Scheck einlösen, mit dem man ihn für den Mord bezahlt hat. So beginnt „Sin City“.

Um diese ersten Minuten wird jeder Regisseur dieser Welt Robert Rodriguez beneiden. Es ist Kino in Vollendung, was er hier zeigt, und vielleicht ist auch der - in Ab- wie Vorspann als Regisseur unausgewiesene - Quentin Tarantino für diese Sequenz verantwortlich gewesen. Tatsache jedenfalls ist, daß das Duo Rodriguez-Tarantino, das schon mit „From Dusk Till Dawn“ vor neun Jahren einen sensationellen, wenn auch bereits an die Grenzen des guten Geschmacks gehenden Film gemacht hat, mit „Sin City“ ein prototypisches Werk für all das geschaffen hat, was man „Pulp Cinema“ nennen kann. Dieses Kino nimmt seine Stoffe aus den Groschenheften, den B-Movies, den Comics, aus allen populären Quellen, die man sich denken kann, und es erzählt diese Geschichten auf eine so ausgefuchste Weise, daß nur ignorante oder bösartige Betrachter die Virtuosität der Regisseure übersehen können oder wollen.

Dunkle Rächer

Vorlage war diesmal die Comicserie „Sin City“ des achtundvierzigjährigen Amerikaners Frank Miller, der in den achtziger Jahren parallel zu seinem britischen Kollegen Alan Moore im Handstreich das Superhelden-Genre erneuert hat, indem er Daredevil, Batman oder seine eigene Schöpfung Elektra wieder zu jenen ursprünglichen dunklen Rächern stilisierte, die dieses Genre groß gemacht haben. Eine jahrzehntelange Sozialisierung des Superhelden ging damit zu Ende, und Miller brachte eine Brutalität in die Geschichten zurück, die in Zeiten von Prüfsiegeln für und freiwilliger Selbstkontrolle durch die Comicverlage undenkbar gewesen wäre.

Das alles aber steigerte er noch durch seine 1991 begonnene Serie „Sin City“, in der er nun auch alles andere zuvor Undenkbare ins Bild setzte (was die Verfilmung dieser Comics denn doch noch einen Hauch zurückhaltender bebildert): nackte Frauen und Männer, sadomasochistische Rituale, durchlöcherte Köpfe, gebrochene und zerquetschte Gliedmaßen, Figuren im Monumentalstil eines Josef Thorak. Diese Serie gehörte Miller ganz allein, er mußte keine Kompromisse mit einem Verlag eingehen, der Verkauf war von vorneherein auf ältere Leser beschränkt, um keinen moralischen Grenzen unterworfen zu sein. Der Erfolg war durchschlagend, und zwar nicht nur kommerziell, sondern auch ästhetisch.

Die beste Comicserie des letzten Jahrzehnts

Man kann über den Erzähler Miller sagen, was man will - sein „Sin City“ ist die konsequenteste und damit beste Comicserie des letzten Jahrzehnts. Sie ist Fleisch vom Fleisch ihres Schöpfers, und das spürt man in jedem einzelnen Bild. Der Wechsel von Großformaten zu winzigen Vignetten, von Naheinstellungen zu Totalen, von Unter- zu Übersicht mutet auf den ersten Blick filmisch an, doch erst wenn diese Mittel wirklich auf die Leinwand kommen, merkt man, wie innovativ sie dort wirken. Um die Filmrechte für dieses absehbare Spektakel hatten sich dementsprechend alle großen Studios bemüht, doch erst als Buena Vista Miller zusicherte, selbst Regie führen zu dürfen, war er sicher, die Spezifika seines graphischen Konzepts wahren zu können.

So wird er nun neben Rodriguez als gleichberechtigter Regisseur genannt und spielt auch noch in einem Kurzauftritt einen Priester. (Es spricht für Millers Selbstironie, daß auch seine Figur die Konfrontation mit einem der für „Sin City“ typischen Rächer nicht überlebt.) Manche Szenen sind quasi eins zu eins aus den Heften übernommen, bis hin zur Mimik. Wo Miller auf Hintergründe verzichtet, tut es auch der Film, was seine Helden sprechen, sagen nun die Schauspieler, und der aus dem film noir entlehnte Off-Kommentar durch die Protagonisten paßt dabei perfekt. Es wird nichts, aber auch keine Linie hinzuerfunden in „Sin City“, und dennoch wirkt der Film wie aus einem Guß. Besser kann man Comics nicht verfilmen.

Sensationeller Effekt

Nur eine Freiheit hat Miller zugelassen: Das markanteste Merkmal der Comicserie ist ihre Beschränkung auf harte Schwarzweißkontraste mit jeweils nur einer Zusatzfarbe. Damit geht der Film weniger puristisch um: Bei einer Autofahrt werden die Gesichter der Insassen je nach draußen wechselnder Leuchtreklame in unterschiedlichsten, aber immer monochrom eingesetzten Farben viragiert. Und der sensationelle Effekt der weißen Silhouette ist zwar eine Miller-Erfindung, aber im Film wirkt sie noch stärker als auf Papier, weil hier die Umkehrung vom Positiv ins Negativ eine dem Medium vollkommen adäquate Lösung hervorbringt.

Die Rollen der kompromißlosen Kämpfer für das von ihnen als gut Empfundene sind in den drei Episoden, aus denen „Sin City“ besteht, mit Bruce Willis, Mickey Rourke und Clive Owen besetzt. Die Frauen, für die sie durch die Hölle gehen, werden von Jessica Alba, Jaime King, Carla Gugino, Rosario Dawson, Brittany Murphy und Devon Aoki gespielt, und die Schurken, denen sie die Hölle bereiten, von Michael Madsen, Nick Stahl, Powers Boothe, Elijah Wood, Rutger Hauer und Benicio del Toro. Das sind jeweils sechs Richtige. Sie ergänzen sich mit den ihren Comicvorbildern wie aus den Gesichtern geschnittenen Helden zu einem Volltreffer von Film. Irgendwann, wenn man den Schock des ersten abgetrennten Kopfes hinter sich hat und etliche weitere gefolgt sind, wenn man die Drastik der Szenen in ihrer Künstlichkeit erkannt hat, wenn man das große Pathos als Stilmittel einer eigenartigen Komik entlarvt hat - dann braucht man die Gebrauchsvorschrift des ersten Absatzes nicht mehr zu beachten.

Quelle: F.A.Z., 10.08.2005, Nr. 184 / Seite 31
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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