Burschikos, quirlig, mit dem verschmitzten Lachen eines Kobolds – so präsentiert sich die Leinwandlegende Shirley MacLaine in unserem Interview beim Filmfestival von Deauville. Sie schlägt ihre schlanken, tanzerprobten Beine übereinander und sprudelt los.
Ihr erster Kinofilm war die schwarze Krimikomödie „Immer Ärger mit Harry“. Regisseur Alfred Hitchcock bevorzugte bekanntlich Blondinen bei der Besetzung seiner Filme. Wie kam er ausgerechnet auf Sie?
Er sah mich am Broadway in dem Musical „The Pajama Game“: Ich war für die Hauptdarstellerin eingesprungen, die sich den Knöchel gebrochen hatte. Er mochte offenbar meine komödiantische Art und lud mich zu einem Gespräch in sein Appartement, wo ich ihn als extrem witzigen Typen kennenlernte. Ich glaube, die meisten Blondchen, die er gewöhnlich engagierte, fürchteten sich vor ihm, weil sie mit seinem sarkastischen Humor nicht umgehen konnten. Bei der ersten Leseprobe bot ich als neunzehnjähriges Küken todesmutig meinen berühmten Kollegen die Stirn, woraufhin Hitch zu mir sagte: „Meine Liebe, du hast die Eier eines Bankräubers!“ Problematisch wurde es erst, als er von mir verlangte, sämtliche Mahlzeiten – vom Frühstück bis zum Abendessen – mit ihm einzunehmen.
Wurde er zudringlich?
Nein, nein! Aber er verführte mich zu wahren Schlemmerorgien: Als leidenschaftlicher Gourmet sorgte er dafür, dass das Essen bei ihm am Filmset stets vom Feinsten war. Nie zuvor hatte man mir solche Köstlichkeiten serviert. So nahm ich in kürzester Zeit zehn Kilo zu, woraufhin mich der Studioboss ermahnte: „Mädel, du fängst ja verdammt früh damit an, deine Karriere zu sabotieren!“
Für Hitchcocks Film bekamen Sie prompt Ihren ersten Golden Globe. War Ihnen schon früher bewusst, dass Sie ein ausdrucksstarkes Schauspielergesicht haben?
Nein, ich selbst habe das überhaupt nicht bemerkt – vielleicht deshalb, weil ich als junger Mensch schlichtweg nie in den Spiegel geschaut habe. Mein Aussehen und mein Gewicht waren mir schon immer völlig egal. Darum stößt mich auch der heutzutage grassierende Schönheits- und Schlankheitswahn ab: Viele junge Schauspielerinnen scheinen geradezu besessen davon, auf dem roten Teppich eine gute Figur zu machen. Im Gegensatz zu manchen Kolleginnen war ich allerdings auch nie darauf aus, ein Star zu werden.
Billy Wilder hat Sie jedoch mit Filmen wie „Das Appartement“ oder „Das Mädchen Irma la Douce“ zum Star gemacht.
Aber „Das Appartement“ war seinerzeit sehr umstritten: Kritiker monierten, der Film könne sich nicht zwischen Komödie und Tragödie entscheiden. Dabei fand ich gerade diese Kombination aus Lachen und Weinen faszinierend. Das Publikum hat Wilders Absichten anscheinend besser verstanden als die Kritiker. Ich werde nie die allererste Vorführung des Films vergessen: Dazu waren ausschließlich wichtige Leute aus dem Filmbusiness geladen. Noch bevor am Ende die Lichter im Saal wieder angingen, trat ich hinaus ins Foyer, wo Marilyn Monroe an der Wand lehnte, gehüllt in einen Pelzmantel. Sie winkte mich zu sich und hauchte: „Was für ein wundervoller Film!“ Dabei öffnete sie ihren Mantel, und ich sah zu meiner Verblüffung, dass sie nichts darunter trug. Das nennt man wohl „die nackte Wahrheit“!
Das ist jetzt mehr als fünfzig Jahre her. Wie hat sich Hollywood seitdem verändert?
Mutiges, visionäres Geschichtenerzählen ist fast vollständig ausgestorben. Mittlerweile geht es in der Filmindustrie nur noch um Marketing und Spezialeffekte. Ich habe es satt, im Kino eine 3D-Brille aufzusetzen und darauf zu warten, dass mir irgendein dämliches Ding aus der Leinwand heraus ins Gesicht springt!
Welche Ihrer Filmfiguren kommt Ihrer eigenen Persönlichkeit am nächsten?
Aurora aus „Zeit der Zärtlichkeit“ – sie ist ähnlich kompliziert und vielschichtig wie ich. Manchmal ist sie verwirrt und sorgt damit für einige Lacher; manchmal ist sie herrisch und sorgt damit für noch mehr Lacher. Im Prinzip habe ich also den Oscar dafür bekommen, mich selbst zu spielen!
Wie bereiten Sie sich auf Ihre Rollen vor?
Gar nicht. Ich lese das Drehbuch einmal durch, und das war’s. Erst am Set überlege ich gemeinsam mit dem Regisseur und meinen Leinwandpartnern, was ich tun werde. Denn im Grunde meines Herzens bin ich immer noch eine Tänzerin: Ich kann mir meinen Text nur in Kombination mit bestimmten Körperbewegungen und Gesten merken. Und die lassen sich nicht allein im stillen Kämmerlein einstudieren, sondern bloß in Kooperation mit dem Team am Drehort.
In Ihrem Buch „Glückssterne“ schildern Sie Ihre Schwierigkeiten im Umgang mit der Hierarchie in Hollywood.
Ja, daran konnte ich mich nie gewöhnen. Hollywood ist eine Art Mikro-Gesellschaft mit dem Regisseur an der Spitze und den Crewmitgliedern am Fuße der Pyramide. Eigentlich sollte man meinen, dass alle am selben Strang ziehen, aber dieses Denken hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Unter Schauspielstars ist es verpönt, sich mit den Arbeitern zu verbrüdern. Doch ich setze mich am liebsten mit Technikern oder Garderobieren an einen Tisch. Darüber zerreißen sich manche Kollegen regelmäßig das Maul.
Ihre autobiographischen Bücher erwecken den Eindruck, Sie seien in der Familie, im Beruf und in der Gesellschaft stets eine Außenseiterin geblieben.
Dieses Gefühl hatte ich seit meiner Kindheit: Schon als elfjähriges Mädchen war ich selten daheim. Viel Zeit habe ich allein im Bus verbracht – es war ein weiter Weg von unserem Wohnort zu meiner geliebten Ballettschule am anderen Ende von Washington, D.C. Ich glaube, damals habe ich auch meinen unbändigen Freiheitsdrang entwickelt.
Sie hatten nie Angst vor provokanten Äußerungen. Sehen Sie sich als Rebellin?
Nein, eher als Wahrheitssucherin. Ich muss überall hinter die Fassaden blicken – und anschließend meine Entdeckungen mitteilen. Von Diplomatie verstehe ich nichts: Ich sage den Leuten immer direkt ins Gesicht, was ich denke. Diese Art von Aufrichtigkeit hat für mich etwas sehr Befreiendes.
Sehen Sie es als Ironie des Schicksals, dass eine Wahrheitssucherin wie Sie ausgerechnet in der Traumfabrik Hollywood landet?
Nein. Ich bin sicher, dass es in Hollywood ehrlicher zugeht als beispielsweise in Washington, D.C.: Kinofilme haben schon viele menschliche Wahrheiten zutage gefördert. Außerdem macht es für mich keinen Unterschied, ob ich beim Erschaffen einer Filmfigur deren Beweggründe erforsche oder ob ich mich auf die Suche nach meiner persönlichen Identität begebe. Wir alle sind letztlich Autoren, Regisseure, Hauptdarsteller und Produzenten unseres eigenen Lebens. Leider ist diese Erkenntnis zu vielen Menschen noch nicht durchgedrungen: Sie machen andere für ihr Schicksal verantwortlich, anstatt ihr kreatives Potential zu nutzen und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Sie gelten als Vorreiterin der New-Age-Bewegung, haben sich als eine der ersten Amerikanerinnen wissenschaftlich mit Reinkarnation, Meditation und Astrologie beschäftigt – und wurden dafür lange Zeit mit Häme überschüttet. Wie haben Sie das weggesteckt?
Nun, zum Glück kann ich ganz gut über mich selbst lachen. Es amüsiert mich, wenn manche Leute denken, bei mir säße eine Schraube locker. Ich habe gar nichts dagegen, wenn man über mich witzelt – nur schlechte Witze empfinde ich als Beleidigung. Und böswillige Spötter tun mir einfach leid. Tatsache ist: Drei Viertel der Erdbevölkerung glauben an Wiedergeburt und Seelenwanderung. Jeder Mensch stellt sich doch in irgendeiner Form die Frage nach einem höheren Wesen oder einem tieferen Sinn. Wir alle spüren insgeheim, dass es da draußen Dinge gibt, die wir nicht auf Anhieb verstehen. In unserer materialistischen Gesellschaft sind allerdings viele Leute so mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt, dass sie weder die Zeit noch den Mut zur Reflexion finden.
Bei Ihren Landsleuten haben Sie zudem massiven Anstoß erregt, weil Sie mit Ihrem Ehemann eine offene Beziehung geführt und auch öffentlich äußerst freimütig über Ihr turbulentes Liebesleben gesprochen haben. Waren Sie nie eifersüchtig?
O doch, sehr sogar. Aber meine Liebe war nie besitzergreifend: Es kam mir zu keiner Zeit in den Sinn, meinen jeweiligen Partner einzuengen – dazu war mir meine eigene Freiheit viel zu wichtig. Dabei ging es mir nie um Sex, sondern um Liebe. Wenn die nur nicht immer so furchtbar kompliziert wäre! Nach meiner Erfahrung liebt in jeder Beziehung einer der beiden Partner mehr als der andere. Und außer der Liebe zu meinem Hund habe ich noch keine Liebe erlebt, die alle Zeiten überdauert hätte. Dabei hätte ich mir so sehr eine permanente Liebe gewünscht!
Das klingt ja fast so, als wären Sie romantisch veranlagt.
Bin ich aber nicht. War ich nie. Ich finde, Romantik ist der Tod jeder Beziehung. Ich würde es auch nie zulassen, dass mir jemand das Herz bricht: Stattdessen würde ich dem Kerl rechtzeitig eine Kugel durch den Kopf jagen! (Lacht.)
Sie haben ein weiteres Tabu gebrochen, indem Sie verkündeten, dass auch Menschen im Rentenalter noch sexuelle Bedürfnisse haben.
Ja, dazu stehe ich auch. Doch fürs Protokoll sollten wir festhalten, dass das Begehren bei mir seit ein oder zwei Jahren tatsächlich versiegt ist. Nun empfinde ich es durchaus als Erleichterung, nicht mehr irgendeinem Kick hinterherjagen zu müssen. Aber ich kann nur jedem raten, seine sexuellen Leidenschaften so oft und so lange auszuleben, wie es geht. Ich bin um die halbe Welt geflogen, um meine Liebhaber zu treffen; wegen meiner Affären bin ich sogar während irgendwelcher Dreharbeiten heimlich in andere Städte abgehauen, so dass mich die Produzenten verzweifelt gesucht haben – und ich bereue nichts von alledem!
Gibt es etwas anderes, das Sie bereuen?
Nein. Warum auch? Sicher war es ein Fehler, die Titelrolle in „Alice lebt hier nicht mehr“ abzulehnen, für die Ellen Burstyn schließlich den Oscar gewann – aber damals kannte eben noch niemand den Regisseur Martin Scorsese. Und natürlich hätte ich „Frühstück bei Tiffany“ nicht ablehnen sollen – doch ich hätte den Part nie so gut hinbekommen wie die Stilikone Audrey Hepburn. Wozu sollte ich mich also grämen?
Denken Sie je über den Tod nach?
Nein. Ich gebe zu, dass ich entsetzliche Angst vor Schmerzen habe – in dieser Hinsicht bin ich ein erbärmlicher Feigling. Aber den Tod an sich muss ich nicht fürchten, denn ich war ja schon ein paar Mal auf der Erde und weiß, dass mit meinem Ableben keineswegs alles zu Ende ist. Deshalb gehe ich auch nicht auf Beerdigungen: Für mich gibt es keinen Grund, am Grab eines Menschen Tränen zu vergießen. Ich freue mich schon auf meine Wiederkehr – und bin gespannt, ob es mich in meinem nächsten Leben noch ein weiteres Mal nach Deauville verschlägt.
Waren Sie früher schon einmal hier?
Ja, Anfang der sechziger Jahre: Damals hatte ich eine intensive Liaison mit Robert Mitchum. Wir flohen zusammen nach Deauville, hierher, ins Hotel Royal. Und nun, ein halbes Jahrhundert später, hat man mich erneut im selben Hotel untergebracht – und zwar ausgerechnet in der „Robert-Mitchum-Suite“! Unglaublich, oder? Da behaupte noch einer, wir würden nicht alle wiederkehren! (Lacht.)
Das Gespräch führte Marco Schmidt.