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„Sex and the City“ Es kann nur einen geben

 ·  Lebenfüllende Partnersuche: An diesem Dienstag startet sie auch im deutschen Fernsehen, die verfilxte sechste Staffel von „Sex and the City“. Wird Carrie Bradshaw zum guten Schluß vor den Traualtar geführt?

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Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß eine alleinstehende Frau im Genuß eines ordentlichen Einkommens auf der Suche nach einem Mann sein muß. Auf dieser Prämisse basieren sämtliche Folgen der amerikanischen Fernsehserie "Sex and the City", deren sechster Episodenreigen heute abend beginnt.

Nie ist die Wahrheit der Urwahrheit in Zweifel gezogen worden. Zwar hat es Charlotte (Kristin Davis), die unverbesserliche Romantikerin, seit je zu Höherem hingezogen. Aber als sich die Ehe, in die sie ihren schottischen Traumprinzen Tray gelockt hatte, als Hölle entpuppte, da fiel ihr auch im Albtraum nicht ein, zur katholischen Kirche über- und ins Kloster einzutreten. Obwohl Audrey Hepburn bewiesen hat, daß man auch als Nonne eine perfekte Figur machen kann.

Abstinenz?

Neben Samantha (Kim Cattrall), der Anti-Romantikerin, nähme sich sogar ein Mann mit dem sexuellen Appetit eines John F. Kennedy wie ein Klosterbruder aus. Man wundert sich, daß die Unersättliche bei ihren guten Kontakten als PR-Agentin noch keinen "Zagat"-Führer über die New Yorker Männerwelt publiziert hat; da sie nie zu einem zweiten Besuch einzukehren pflegt, kann das Fernhalten von Konkurrentinnen nicht der Grund für diese Zurückhaltung sein.

Schockierendes hat sie - jenem Grundgesetz der Serie gemäß, wonach die überraschende Variation die eherne Geltung des Musters bestätigt - beim Lunch schon aufgetischt, so daß den Freundinnen das Salatblatt im Halse steckenblieb. Da war das lesbische Abenteuer mit einer Künstlerin, einer schwarzhaarigen Atombombe aus dem Süden. Und sogar das andere L-Wort hat sie in den Mund genommen, als sie sich dauerhaft bei Richard, dem Hotel-Tycoon, einquartieren wollte. Aber Abstinenz? Man mag es Samantha ja nicht ansehen, aber auch für sie gibt es Grenzen des guten Geschmacks.

Altjungferndasein als Schicksal der Erfolgreichen

Miranda (Cynthia Nixon), die rothaarige Rechtsanwältin, durfte bestimmt schon im Schultheater weder Schneewittchen noch einen der sieben Zwerge spielen. Die Männer, die sich mit ihr messen, sehen nur, daß sie ja von oben auf sie herabsehen muß. So fürchtete sie schon, bevor sie aus heiterem Himmel ein Kind empfing, das Altjungferndasein als Schicksal der Erfolgreichen - ohne es in feministischem amor fati zu bejahen. Auch Umfragen unter deutschen Zuschauern ergeben übrigens, daß mit Miranda die wenigsten Männer würden ausgehen wollen - Intelligenz schreckt ab, eine naturgegebene Ungerechtigkeit im Geschlechterverhältnis, die der Bundesgerichtshof in seinem Ehevertragsurteil - ist die Senatsvorsitzende eigentlich verheiratet? - leider nicht berücksichtigt hat.

Ob Anwältin Hobbes beim Aufsetzen eines Vertrags in eigener Sache von ihrem Verstand abgefeimten Gebrauch machen würde, ist schwer zu entscheiden. Anders als bei "Ally McBeal" werden in den Drehbüchern von "Sex and the City" Beruf und Privatleben strikt getrennt. Daß es im Namen der alleinlebenden Frau liegt, daß sie nicht allein bleiben kann - die Verwicklungen, die sich aus diesem Paradox ergeben, bieten so viel Stoff, daß die halben Stunden im Nu dahingehen und man doch immer wieder verblüfft ist, wie subtil die Motive kombiniert und die Stimmungen gemischt sind. Die Partnersuche, im Epos des klassischen Helden nur ein Kapitel, ist für die Heldinnen der modernen Gesellschaft, die schlechthin, scheinbar auch von Anwesenheitspflichten in Büro oder Galerie, freien Individuen, abendfüllend, ja lebenfüllend geworden.

Carries Kolumne

Nur bei Carrie, der Erzählerin, folgt der Zuschauer auch der Karriere - zum erzähltechnisch gebotenen Schein, denn so recht kann man nicht glauben, daß, was Miss Bradshaw da vorträgt und im dunklen Schlafzimmer in ihren Laptop tippt, wirklich Wort für Wort im "New York Daily Star" zum Abdruck kommt. Das Thema ihrer Artikel mag jenseits aller Moden angesiedelt sein - der Manolo Blahnik der Liebeswerbung, der Komplimente vorfertigt, die in ihrer Extravaganz einfach sprachlos machen, muß nicht erst noch, er kann gar nicht geboren werden.

Gleichwohl kann man sich nicht vorstellen, daß Carries Kolumne gegen jene revolutionären Übergriffe geschützt ist, zu denen sich Chefredakteure von spontaner Leidenschaft der Art hinreißen lassen, wie sie dem männlichen Geschlecht, was nicht nur Redakteurinnen beklagen, in allen Herzensangelegenheiten abgeht. Man meint die Ermahnung des Vorgesetzten zu hören: Lassen Sie sich einmal etwas Neues einfallen, Carrie! Soll das denn immer so weitergehen? Man meint sie zu hören und hört sie dankenswerterweise nicht; unhörbar und unsichtbar bleibt der Chef, und unwidersprochen gilt weiter die Wahrheit, die vielleicht der erste Satz der ersten Kolumne war, daß die Frau, die sich alles leisten kann, zum Glück nur den Mann braucht.

"Gut siehst Du aus! Triffst Du nachher noch jemanden?"

Was diese Wahrheit zuletzt bedeuten will, muß allerdings bis zur Stunde als zweideutig gelten. Wird ein Mann fürs Leben gesucht oder doch nur für ungewisse Stunden, die man sich endlos vielleicht wünschen, aber realistischerweise nicht denken kann? Soll Miss Bradshaw eines schönen Tages selbst dem Chefredakteur die Revolution verkünden, daß sie fortan aus dem Eheleben berichten wird? Seit bekannt ist, daß die sechste Staffel von "Sex and the City" die letzte sein soll, ist unter den treuesten Anhängerinnen der Serie die Unruhe so groß wie unter Brautjungfern kurz vorm Werfen des Hochzeitsstraußes. Wäre es nicht Verrat, wenn Carrie sich den Ring an den Finger stecken ließe? Hatte das Drehbuch gegen dieses schrecklich glückliche Ende nicht von Anfang vorgesorgt, indem es als Carries idealen Geliebten den namenlosen Mr. Big (Chris Noth) erfand? Kein Mensch ist perfekt, sagt Osgood Fielding III mit Jacob Burckhardt. Derjenige, der es doch ist, ist groß, zu groß für das kleine Mädchen, das Sarah Jessica Parker so hinreißend spielt, daß bei ihrem Anblick jeder Schneemann in Alaska hinschmilzen müßte.

Daß das nicht geschieht, daß die Männer, gemessen an der Hingabe, die die Frauen zeigen, wenn sie sechs Kostüme für einen Kinobesuch kaufen (natürlich mit Umtauschmöglichkeit!), wenn sie beim Frühstück, beim Mittagessen und beim Dinner über nichts anderes reden als über das andere Geschlecht, wenn die Börse himmelhoch aufsteigen und bodenlos stürzen kann, ohne daß sie daran denken, auch nur einmal einen Cent zu investieren - daß die Männer immer noch nicht weichwerden, sondern mit Zweitagebart und in abgetragenen Jeans auf den letzten Drücker zum Rendezvous erscheinen, um dann verzweifelt nach Themen zu suchen (heute abend zum Beispiel: "Gut siehst Du aus! Triffst Du nachher noch jemanden?"), das beschreibt eine irritierende Ungleichheit im Verhältnis der Geschlechter, die selbst den BGH überfordern dürfte und bis zur letzten Folge der jüngsten Staffel für eine Spannung eigener Art, für moralische Spannung sorgen wird. Daß Carrie ihre herrliche Unvollkommenheit bewahren und ihre Suche fortsetzen möge, daß ihr Einsatz endlich Anerkennung finden solle, sind zwei Wünsche, die gleichermaßen berechtigt erscheinen.

Die ersten acht Folgen der sechsten Staffel laufen von heute an dienstags um 21.15 Uhr bei ProSieben

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2004, Nr. 40 / Seite 38
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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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