14.04.2009 · Was bleibt von den Nazis, wenn Quentin Tarantino mit ihnen fertig ist? Ein Besuch in Babelsberg, am Drehort des unglaublichen Kriegs- und Widerstandsdramas „Inglourious Basterds“.
Von Peter KörteHoch überm Kinosaal, in der plüschigen Loge, wird es unruhig. Auf der Leinwand ist ein riesiges Gesicht in Schwarzweiß aufgetaucht. Eine junge Frau spricht, mit rauher Stimme und in einem harten Englisch, von einer Botschaft, die sie für den Mann mit dem kleinen Schnurrbart habe. Und Adolf Hitler springt auf in seiner Loge, er schäumt, er brüllt: „Was ist das für ein Unsinn? Aufhören. Unverschämtheit!“ Er dreht sich zur Seite, Richtung Vorführkabine, er tobt und fuchtelt, bis endlich einer „Cut!“ ruft. Quentin Tarantino spricht mit Martin Wuttke, während dem die verrutschte Hitler-Tolle gerichtet wird. Da hat noch etwas gefehlt, auch wenn Wuttke seit dem „Arturo Ui“ am Berliner Ensemble weiß, wie eine gute Hitler-Parodie geht.
Es ist der 72. Tag der Dreharbeiten zu „Inglourious Basterds“, zwölf Tage vor Drehschluss. Eine große Halle im Studio Babelsberg, die mühelos ein ganzes Kino aufnimmt, mit mehr als dreihundert Plätzen. Von den Wänden hängen Hakenkreuzfahnen, die Damen im Saal tragen Abendkleid, die meisten Herren haben Uniformen an, von der Wehrmacht bis zur SS. Fehlen eigentlich nur der riesige, aus Versailles geklaute Kronleuchter und die griechischen Statuen aus dem Louvre, die noch im Drehbuch stehen. Tarantino hat sie ausgemustert. Die waren offenbar selbst ihm zu viel. Aber immerhin hat er die Komparsen aufgefordert, während des kurzen Filmausschnitts „ruhig mal ,heil' zu rufen, nur nicht alle auf einmal“.
Sauber in Flammen aufgegangen
Das Foyer des Kinos liegt in einer anderen Halle, und die Außenfront dieses „Le Gamaar“ ist zwei Tage vor dem Setbesuch sauber in Flammen aufgegangen, auch in Babelsberg. Das Pariser Kino ist ein zentraler Schauplatz des Films. Es ist der Ort eines Attentats auf Hitler, Goebbels und Göring, die sich zur Premiere eines Propagandafilms eingefunden haben, den Tarantino erfunden hat; ein Attentat, zu dem ein zweites Attentat kommt, wobei die Planer nichts voneinander wissen. Eine Tarantino-Idee: dass die entscheidenden Dinge der Weltgeschichte eher chaotisch, vor allem aber im Kino und durch das Kino entschieden werden.
Wie es dann weitergeht, mit der Weltgeschichte in Tarantinos Lesart und auch sonst, das haben viele schon gelesen, weil das Drehbuch zu „Inglourious Basterds“ längst im Internet steht. Egal. „Inglourious Basterds“ wäre - wenn denn das, was Tarantino treibt, Remakes wären - ein Remake von Enzo Castellaris „Quel Maledetto Treno Blindato“ (1977). Tarantino sagt: „Eine Spur ,Reservoir Dogs', ein Spritzer ,True Romance' und ein paar Tropfen ,Pulp Fiction'“, als wollte er einen Cocktail mischen, aus Blut und Zelluloid.
Was will er mit Hitler?
Aber was will einer wie Tarantino, der sich mit entlegenen Kung-Fu-Epen und blutrünstigen Exploitation-Filmen auskennt, der deutsche Edgar-Wallace-Filme und Spaghetti-Western studiert hat, der J. D. Salingers Short Stories verehrt und die Comics von Frank Miller - was will der Mann aus der South Bay von Los Angeles, der Experte für die feinsten Nuancen der populären amerikanischen Kultur, ausgerechnet mit Hitler? Mit den Alliierten, mit dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg?
Man kann zwar nur Vermutungen anstellen, aber es spricht vieles dafür, dass für Tarantino History, die Geschichte im Kollektivsingular, erst dann ernsthaft zählt, wenn sie durch das Objektiv einer Filmkamera betrachtet wird, wenn sie also zur Story geworden ist. Für einen Mann, „in dessen Kopf der Filmprojektor nie aufhört zu laufen“ - wie eine amerikanische Journalistin mal treffend geschrieben hat -, ist natürlich auch die Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs eine Frage des Genres, geprägt durch Hollywoods Blick. Und da Tarantino Genrefilme über alles schätzt, da er in seinen Filmen bisweilen verschiedene Genres kombiniert hat, könnte man auch behaupten, dass ein Kriegsfilm ihm in seiner Sammlung noch fehlt - und was gäbe es da für einen geeigneteren Stoff, um das Genre aufzumischen, ohne sich willkürlich über seine Regeln hinwegzusetzen, die Tarantino immer auf seine Art respektiert hat?
Diane Kruger heißt hier Hammersmark
Man spürt diese Genreprägung sofort, wenn man sich den Plot näher anschaut. Es geht um die „Basterds“, eine Gruppe jüdischer GIs, die Nazis jagen, angeführt von Aldo Raine, den Brad Pitt spielt. Aus Babelsberg ist er längst abgereist, wie auch Diane Kruger, die Bridget von Hammersmark spielt, eine Nazi-Filmdiva, die für die Alliierten spioniert.
Mélanie Laurent ist die junge französische Jüdin Shosanna Dreyfus, deren Familie zu Beginn des Films ermordet wird. Sie flieht nach Paris, wird Betreiberin des Kinos „Le Gamaar“, und hier will sie ihre Rache haben; hier wollen aber auch die „Basterds“ ihre „Operation Kino“ durchführen. Es ist ein Drehbuch, das man in einem Zug durchliest, sehr visuell, sehr blutig, auch sehr lustig, auf jeden Fall so, dass man den Film unbedingt sehen möchte, wenn er im August ins Kino kommt.
Und weil Tarantino nun mal der Popstar unter den Regisseuren ist, gehören ungezählte Gerüchte zum Betriebsgeräusch. Man weiß, wo er in Kreuzberg getrunken und wo er in Berlin-Mitte gegessen hat. Man weiß, dass Til Schweiger mitspielen durfte und Christoph Waltz und Daniel Brühl und August Diehl. Nur was am Babelsberger Set passiert, wusste bisher niemand. Das Team hat sich in Spandau mit Wasser gegen Paparazzi verteidigt, es wurde in Görlitz scharf observiert, und auf Youtube kann man sehen, wie eine Kamera ein französisches Bauernhaus umschleicht, das auf einer Wiese nahe dem sächsischen Sebnitz steht. Leicht war es allerdings nicht, Tarantino auf der Spur zu bleiben, weil er den Drehplan oft umgeworfen hat und am Morgen etwas anderes gedreht wurde, als am Vorabend geplant.
Des Meisters rechte Hand
Dass das Buch im Internet stehe, störe Quentin überhaupt nicht, sagt Eli Roth, der sich zu uns gesellt, in der Abendgarderobe eines der Attentäter, nur ohne Smokingjacke. Wir sitzen ganz hinten im Kino, im toten Winkel der Kamera, und Roth, dessen bizarren Horrorfilm „Hostel“ Tarantino produziert hat, versteht sich ein wenig als des Meisters rechte Hand. Er spielt nicht nur den „Bear Jew“, der Nazis mit seinem Baseballschläger den Schädel zertrümmert, er hat auch in Görlitz den Film-im-Film drehen dürfen, den wir gerade gesehen haben. Mit Daniel Brühl als Helden, dem „deutschen Sergeant York“, wie der Zitatweltmeister Tarantino ihn in Anspielung auf Howard Hawks' Film nennt. „Stolz der Nation“ heißt dieser Film, in dem ein Kriegsheld sich selbst spielt, auf Goebbels' Geheiß. Allein auf einem Turm, mäht er ein paar hundert Amerikaner nieder. Tarantino, sagt Roth, habe ihm freie Hand gelassen, er habe nur, zur Einstimmung, dem Team „Der ewige Jude“ vorgeführt.
Roth hat, das war in den Ausschnitten zu sehen, genau kapiert, wie man das Pathos eines Propagandafilms so weit treibt, bis es bricht. Indem man es nämlich ganz genau nimmt - bis hin zum Zulassungsstempel auf dem Filmplakat von „Stolz der Nation“, bis hin zu Schrift und Farbgebung. Insofern ist auch Tarantino ein akribischer Historiker, so gewissenhaft und detailbesessen wie Regisseure, die sich mit einem Stab seriöser Wissenschaftler umgeben und sich ihrer Faktentreue rühmen.
Maximum an Genauigkeit
Für ein Maximum an Genauigkeit zu sorgen, das ist, unter anderem, der Job, von David Wasco. Wasco ist der Production Designer, ein ruhiger, freundlicher Mann um die sechzig. Er wirkt wie ein gelassener Architekt, der genau weiß, was sein exzentrischer Bauherr will. Wasco hat in „Pulp Fiction“ das berühmte Lokal „Jack Rabbit's Slim“ gebaut, er gehört gewissermaßen zum Tarantino-Clan. Er führt uns an Wänden entlang, an denen Farbausdrucke der Drehorte hängen. „Wir sind schon dabei, alles herunterzufahren“, sagt er mit spürbarem Bedauern. Er zeigt uns das Büro mit den Miniaturmodellen: das Bauernhaus, den Turm, eine Baulücke in Nauen, in die man die Kellerkneipe „La Louisiane“ gebaut hat: den Ort einer Schießerei, die den Mexican-Standoff in „Reservoir Dogs“ harmlos aussehen lassen könnte; natürlich auch das Kino, das man eingepasst hat in die Studiostraße, in der Roman Polanski seinen „Pianisten“ drehte.
Wasco, dem großen Weltenbauer und Weltenverwandler, gefällt es, dass Tarantino für die „Basterds“ ganz auf das Studio setzt. Teurer sei das auch nicht: „Verglichen mit Filmen wie ,Walküre', ist unser Budget sehr bescheiden.“ Er erzählt, wie Tarantino nach der Besichtigung möglicher Drehorte immer wieder gesagt habe: „Bauen wir es doch einfach nach!“ Und als wir dann vor einer Wand mit Fotos des Bauernhauses stehen, wird einem wieder mal klar, wie Tarantino arbeitet. Was bei anderen steril und in seiner Detailtreue beflissen wirkt, das lädt er mit Anspielungen auf und gibt ihm einen neuen Dreh. Mitten zwischen den Ansichten des Hauses hängen zwei Standbilder: aus „The Searchers“ und „How the West Was Won“. So erobert der Western ein französisches Bauernhaus, das in Sachsen und im Studio errichtet wurde.
Dilettantisches Hakenkreuz
Manche nennen das eklektisch, wie Tarantino sich die unterschiedlichsten Elemente einverleibt und amalgamiert; Wasco nennt es mit Recht lieber „tarantinoesk“. Das Pariser Kino etwa hat seine Ursprünge im kalifornischen Art déco. Wasco hat dann aus verschiedenen architektonischen Elementen etwas kombiniert, was auch im Paris der vierziger Jahre gestanden haben könnte - beinahe, aber eben mit diesem Quantum Quentin, das noch in Eli Roths Film-im-Film steckt, der mitten im Schlachtengetümmel einen riesigen Haufen Patronenhülsen zeigt und ein dilettantisches Hakenkreuz, das der Held mit dem Fahrtenmesser ins Parkett geschnitzt hat.
Und dann wieder, als wäre ihm das zu artifiziell, hat Tarantino darauf bestanden, ein paar Außenaufnahmen in Paris zu drehen. Er ließ nicht locker, bis man endlich im 18. Arrondissement das Bistro gefunden hatte, an das er sich so lebhaft aus Chabrols „Das Blut der anderen“ erinnerte. Wascos Tour führt weiter zur Tür von Hitlers Loge, hinter der nur die Studiowand liegt, und dann in die Vorführkabine des Kinos. Hier blüht er auf, denn hier wird noch gedreht werden. „Das Herz des Films“ nennt er diesen Raum und zeigt auf einen Knopf mit einem kleinen Hakenkreuz, der dazu dient, das große Hakenkreuz vor der Leinwand aufsteigen zu lassen. „Es ist ein bis ins Detail präziser historischer Film“, sagt David Wasco zum Abschied - „aber es ist ein Film aus einer Tarantino-Welt.“ Passender kann man es nicht formulieren.
Brokkolisuppe aus dem Pappbecher
Im Kinosaal essen die Nazikomparsen inzwischen belegte Brötchen, und für Jeff Dashnaw wird es allmählich Zeit. Dashnaw, muskulös, mindestens 1,95 Meter groß und mit einem schmerzhaften Händedruck ausgestattet, war schon Stunt Coordinator bei „Grindhouse“. Jetzt muss er die „Stampede“ vorbereiten, die Panik, die im Kinosaal ausbrechen soll, nachdem Shosanna Dreyfus die Vorführung sabotiert hat und die erste Bombe explodiert ist. Und Tarantino, der nach all den Monaten mit seinen „Basterds“ deutlich älter aussieht als 45, er steht noch immer in der Loge. Er löffelt Brokkolisuppe aus einem Pappbecher und unterhält sich mit einem Mann mit langen weißen Haaren und weißem Bart: Robert Richardson, der schon bei „Kill Bill“ die Kamera führte.
Dann fällt die Klappe für den siebten Take. Wieder spricht Mélanie Laurent mit rauher Stimme von dem Mann mit dem kleinen Schnurrbart. Wieder springt der Führer auf, schnarrt, brüllt, schaut Richtung Vorführkabine, gestikuliert. Diesmal hüpft er noch ganz leicht, wie ein Schachtelteufel. Und man hört ein mühsam hervorgepresstes „Cut!“, das in einem ansteckenden, meckernden Lachen untergeht, und dann ein lautes „super!“ mit amerikanischem Akzent. Quentin Tarantino ist sehr zufrieden. Und er lacht noch lauter, als die Komparsen unten im Kinosaal klatschen und Martin Wuttke sich huldvoll verbeugt. Wenn das immer so läuft, wenn der ganze Film so wird, wie er im mittlerweile kursierenden Trailer aussieht, kann es nur ein echter Tarantino werden. Eine „Operation Kino“ eben, die uns zeigt, wie der Zweite Weltkrieg wirklich gewonnen wurde.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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