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Serie Mein wunderbarer Frisiersalon

 ·  Seit dem gestrigen Montag um 21.15 Uhr heißt es: Telefon ausstöpseln und Fernseher einschalten. Denn Sat.1 zeigt die sensationelle Serie „Bis in die Spitzen“ - eine Adaption des britischen Erfolgformats „Cutting it“.

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Seit zehn Jahren führt Niki (Jeanette Hain) als moderne Rahel Varnhagen mit ihrem Ehemann Philipp (Tobias Oertel) in Berlin einen der besten Salons. Täglich trifft die Stadt sich hier zur gesellschaftlichen Selbstbespiegelung; täglich werden hier zarte Empfindungen und heftige Leidenschaften als belangloses, gleichwohl unterhaltendes Gesellschaftsspiel inszeniert.

Und wie in Romantik und Biedermeier üblich bildet auch hier eine ernsthaft geistreiche und schöne Frau das Zentralgestirn im Kosmos der etablierten Jungen, mehr oder minder Begnadeten und anerkannt Begehrenswerten - mit einem Unterschied: Diese Gesellschaftsdame der neuen Berliner Republik hat ihre Repräsentationsräume aus der Intimität des häuslichen Ambientes in die Intimität (neudeutsch: „Wohlfühlatmosphäre“) des öffentlichen Raumes eines Frisiersalons verlegt. Nicht mehr der Esprit und das gelungene Bonmot bestimmen allerdings in der Spiegel- und Scheinwelt des Geschäfts „Henschel + Fromm“ über persönlichen Sieg oder Niederlage, sondern die Anstrengungen, die Personal und Kundschaft auf dem Weg zur äußerlichen Perfektionierung aufzuwenden bereit sind.

Eine Dekade Gewäsch und Geschwätz

Zehn Jahre „Henschel + Fromm“ werden in der Auftaktfolge der Ausnahmeserie „Bis in die Spitzen“ gefeiert. Was bedeutet: eine Dekade „Waschen, Spitzen, Hirnimplantat“ (Originalton der Auszubildenden Rosa), eine Dekade Gesichtsverschönerung durch geschicktes, camouflierendes Make-up sowie eine Dekade Pflegen, Feilen und Überpinseln spitzer Fingernägel durch Ia Maniküre. Eine Dekade Kundinnen, die bei jedem neuen Mann die Frisur wechseln und hoffen, mit kurzem Schopf endlich ernst genommen zu werden. Eine Dekade Männer, die sich brüsten, von Mode nie etwas gehört zu haben, und anscheinend seit hundert Jahren denselben Herrenschnitt spazierenführen. Und eine Dekade Gewäsch und Geschwätz der niederen Sorte. Eine Dekade Schein und Sein.

Doch wer nun meint, über den - zugegebenermaßen mit genialer Symbolkraft gewählten Ort - auf das oberflächliche Leben und die Verfassung von Niki und Philipp schließen zu können, mithin sich in einer üblich gestrickten Serie zu befinden, sei im Fönumdrehen mit einer klassischen Dieter-Bohlen-achtziger-Jahre-Welle bestraft. Denn in „Bis in die Spitzen“ ist beinahe nichts, wie es scheint. Und nichts bleibt, wie es ist. Was für Fernsehen mit hohem Suchtpotential bürgt.

Ein fröhlich bewegtes Anfangstableau

Nikis Schwester Heidi (Annabelle Mandeng) ist trotz des urdeutschen Namens ein exotisches Gazellenwesen und gleicht ihrer plump-grantelnden Mutter Helga (Cordula Trantow) und ihrem Vater Bernhard (Klaus Manchen) wie eine seidige Haarmähne zwei struppigen Bettvorlegern. Ihre natürlich milchkaffeefarbene Haut verdankt sich angeblich den Genen von Urgroßmutter Eugenie, während ihr unnatürlich perfekter Körper unter dem Skalpell etlicher Schönheitschirurgen allmählich vortreffliche Gestalt annahm.

Yvonne (Anja Franke), Nikis zweite Schwester, verbirgt ihre Unzulänglichkeiten - kaum - unter den unvorteilhaftesten sündteuren Designerklamotten und einem vorgeblich abgeklärten Blick auf die Welt im allgemeinen und die untreuen Männer im besonderen. Beide arbeiten im Salon. Mit Buchhalter Rainer (Oliver Broumis) verbindet nicht nur Niki gewisse alte Erinnerungen, die nach Meinung der Beteiligten besser im dunkeln bleiben sollten. Geheimnisse haben auch der schwule Frisör Rene (Patrick von Blume) und die schnoddrige Rosa (Jasmin Schwiers) zu verbergen. Soweit das fröhlich bewegte Anfangstableau um das Vorzeigepaar Niki und Philipp, arrangiert im ochsenblutrot herausgeputzten Spiegelkabinett der Geschäftsräume. Bei dem nur ein klitzekleines Problemchen für Zündstoff sorgt: Philipp will ein Kind, Niki lieber ein zweites Geschäft eröffnen.

Das zeitlose Spiel um die Wahlverwandtschaften der Liebe

Daß sie vor fast zwanzig Jahren schwanger und verheult in einer kleinen Pension in Neapel auf dem Badewannenrand hockte, wissen nur Rainer und natürlich Finn Becker (Ralph Herforth), der sich damals nicht bereit für die Verantwortung fühlte und Fersengeld gab. Jetzt, vier kinderlose Ehen später, eröffnet seine Frau Mia (Muriel Baumeister) gleich gegenüber in den Räumen, die Niki im Auge hatte, den Salon „Bladerunner“. Ihr Talent liegt weniger im Umgang mit Schere und Effiliermesser als vielmehr in gespielter Naivität und zielstrebigem Intrigieren.

Finn ist nicht zufällig nach Berlin zurückgekehrt. Er will Niki zurück, mit allen Mitteln, was ihn nicht daran hindert, an einem Vormittag mit ihren beiden Schwestern zu schlafen. Der Etikette halber hübsch nacheinander. Mia will Finn behalten. Philipp will Niki behalten. Mia und Philipp finden sich sympathisch und im gleichen Leid vereint. Denn auch Niki fühlt sich immer noch zu Finn hingezogen. Das zeitlose Spiel um die Wahlverwandtschaften der Liebe kann beginnen.

Plötzlich kann Fernsehen dramatisch sein

Wieviel Freiheit und Zufall, wieviel Notwendigkeit und Schicksal steckt in der Wahl des Lebenspartners? Wer steuert das Kräftespiel von Anziehung und Abstoßung? Wer wird warum mit wem glücklich, und wer tauscht warum das Glück gegen das, „was sich richtig anfühlt“, aber unglücklich macht? Läßt man besonders wagemutige Vertreter der neueren Hirnforschung, die den freien Entschluß zur Chimäre erklären, außen vor und folgt mit Goethe der aus der Chemie der Elemente entlehnten Position, daß zueinander drängen muß, wer zueinander gehört, dann wirkt das Gefühlschaos, welches „Bis in die Spitzen“ antreibt, nur zu gut vertraut: „In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Wählen zu und hält das Kunstwort ,Wahlverwandtschaften' für vollkommen gerechtfertigt.“

Hinterher, wußte auch Goethe, ist man allerdings immer schlauer, und aus dem Olymp schaut sich's leicht abgeklärt auf uns Heutige. „Bis in die Spitzen“ aber ist das Gegenteil von abgeklärtem Fernsehen - und der Vergleich mit dem Klassiker nicht zu hoch gegriffen. Die Serie schaut sich satt an der Grundkonstellation der „Wahlverwandtschaften“, um sie dann drastisch gleich mehrfach zu brechen. Plötzlich kann Fernsehen (wieder) dramatisch und hochemotional jenseits vertrauter kammerspielartiger Konzentration sein. Kann große Handlungsbögen schlagen. Kann Lebensgeschichten atemlos mit langem Atem erzählen.

Speerspitze einer Qualitätsbewegung?

In irrem Tempo biegen hier bisweilen die Szenen um die Ecke, um plötzlich an einer völlig unbekannten Kreuzung zu stehen. „Bis in die Spitzen“ ist zweifellos ein Fernsehereignis, und man könnte versucht sein, die Serie als Speerspitze einer neuen Qualitätsbewegung im deutschen Fernsehen, gleichsam als lang ersehnte Gegenoffensive zur immer deutlicheren Absenkung des erzählerischen Niveaus in den rasch produzierten (öffentlich-rechtlichen!) Telenovelas und zur langweiligen Zurschaustellung vermeintlich „echter“ Menschen in Reality-Soaps zu feiern.

Was nicht ganz falsch, aber auch nicht wirklich richtig wäre. „Bis in die Spitzen“ ist die Adaption der britischen Erfolgsserie „Cutting it“, die seit 2002 und mittlerweile vier Staffeln so erfolgreich bei der BBC läuft, daß es nach dem Ende der ersten Saison Zuschauerdemonstrationen für die Fortsetzung von „Shakespeare im Frisiersalon“ (BBC-Zitat) gab.

Stimmig und kein bißchen abgekupfert

Heißt nicht eine der fernsehkritischen Grundregeln, daß übernationale Serienverpflanzungen nicht funktionieren können, weil die Zuschauererwartungen und -gewohnheiten innerhalb Europas viel zu verschieden sind? Diese goldene Regel verliert heute abend ihre Gültigkeit - vielleicht hat sie auch nie gestimmt. Ein neuer Gemeinplatz könnte statt dessen lauten: Wer eine Serie klaut, weil er die Lizenzgebühren scheut und sich überdies selbst als besonders originell empfehlen will, wird kaum die nötige Sorgfalt walten lassen, um das Vorbild nicht einfach grob zu übersetzen, sondern behutsam zu übertragen.

Wer, wie Eberhard Jost von der Produktionsfirma ABC-Film zusammen mit der Fiktionsschefin von Sat.1, Alicia Remirez, mit „Cutting it“ von der BBC nicht nur eine Serie erwirbt, die es in sich hat, sondern den geglückten Austausch mit den britischen Kollegen gleich mit dazu, kann offenbar das Wagnis eingehen, nur ein paar Nuancen zu verändern und gleichzeitig ein Produkt herzustellen, das überaus stimmig und kein bißchen abgekupfert wirkt. Man kann es das fruchtbare Paradoxon der Adaption nennen.

Laßt Euch verwöhnen bei „Henschel + Fromm“

Man kann aber auch einfach heute um Viertel nach neun das Telefon ausstöpseln, den Fernseher einschalten, sich im Salon „Henschel + Fromm“ verwöhnen lassen und dabeisein, wenn die kleinbürgerlich vermiefte Elternwohnung der Henschel-Schwestern zum Bild aller kleinbürgerlich vermieften Wohnungen wird, die Kinder, die es geschafft haben, so gerne vergessen wollen.

Folge eins und zwei heute ab 21.15 Uhr bei Sat.1.

Quelle: F.A.Z., 10.10.2005, Nr. 235 / Seite 38
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