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„Die Sanfte“ im Kino : Die sperrige Fracht der Wahrheit

  • -Aktualisiert am

In ihrem Schweigen steckt eine Widerspenstigkeit, an der alles Harte zerbrechen könnte: Vasilina Makovtseva als „Die Sanfte“. Bild: Grandfilm

Der Regisseur Sergei Loznitsa ist als Dokumentarfilmer bekanntgeworden. Sein neuer Spielfilm „Die Sanfte“ zeigt Russland als Traum.

          In einem vollbesetzten Bus irgendwo im Hinterland von Russland sorgt eine Frau mit einem Paket für Unruhe. Die sperrige Fracht stößt an. Eine Frau fürchtet um ihre Strümpfe, ein Mann kämpft um Platz, eine alte Dame erzählt, dass früher einmal sogar jemand mit einem Sarg zugestiegen sei. Das Paket ist eine Rücksendung: Es konnte nicht zugestellt werden. Die Frau mit dem Paket wird nie mit einem Namen angesprochen. Sie ist einfach „Die Sanfte“, im russischen Original „krotkaya“, ein Wort, in dem viele Bedeutungen stecken: von „lammfromm“ bis „duckmäuserisch“. Es gibt auch eine berühmte Erzählung von Dostojewski, die so heißt, aber bei dem neuen Film von Sergei Loznitsa handelt es sich nicht um eine Literaturverfilmung, sondern um eine Meditation über ein Motiv: der in Berlin lebende Regisseur macht sich Gedanken über die Ohnmacht der ganz normalen Menschen in Russland.

          Die sanfte Frau steht offensichtlich für all die vielen, anonymen Schicksale, an denen sich zeigt, wie es um die Gesellschaft eine Generation nach dem Ende der Sowjetunion bestellt ist. Das Paket galt ihrem Mann, der in einem Gefängnis in Sibirien inhaftiert ist. Wofür er verurteilt wurde, wird im Verlauf der Handlung immer unklarer, denn die Sanfte ist es bald leid, die neugierigen Fragen zu beantworten. Hat ihr Mann einen Mord begangen? Ist er ein Justizopfer? Existiert er überhaupt? Die Sanfte entschließt sich, das Paket persönlich zuzustellen, kommt dabei aber in eine kafkaeske Situation, denn man verweigert aus undurchsichtigen Gründen wieder die Annahme. In einer schmerzhaften Szene sehen wir, was mit den Gaben geschieht, die Angehörige mitgebracht haben: Brot wird gevierteilt, Konserven werden aufgeschnitten, Hausschuhe zerstochen.

          Die Sanfte wird abgewiesen, aber sie gibt nicht auf. Sie trifft auf eine ganze Galerie von typischen Gestalten: einen schwatzhaften Taxifahrer, eine schweralkoholisierte Partygesellschaft, eine zwielichtige Wirtin, einen Zuhälter, eine Menschenrechtlerin. Und in all diesen Situationen behält die bisher wenig bekannte Schauspielerin Vasilina Makovtseva ihren eigentümlichen Gesichtsausdruck bei: Es liegt etwas leicht Herausforderndes in ihren Zügen, aber auch etwas unendlich Abwesendes. Sie weckt Beschützerinstinkte bei Männern, man könnte aber auch versucht sein, sie übers Ohr hauen zu wollen. In ihrem Schweigen steckt eine Widerspenstigkeit, an der alles Harte zerbrechen könnte.

          Warum lassen sich die Menschen in Russland so viel gefallen?

          Auf diese Vieldeutigkeit kam es Sergei Loznitsa wohl auch an. Er hat sich über viele Jahre vor allem dokumentarisch mit Russland befasst. Seine Biographie macht ihn zum herausragenden Zeitzeugen: Er wurde im heutigen Weißrussland geboren, wuchs in der Ukraine auf, studierte in Russland Film und kennt nicht nur die Landschaften, sondern auch die Geschichte genau. „Die Sanfte“ ist nun sein dritter Spielfilm, gedreht wurde in Lettland, einem weiteren Staat, der aus der früheren Sowjetunion hervorgegangen ist. Die Hinterlassenschaft des Kommunismus ist Loznitsas eigentliches Thema, dahinter steckt aber eine alte Frage: Warum lassen sich die Menschen in Russland so viel gefallen?

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          „Die Schabe beschwert sich nicht“, heißt es an einer Stelle in „Die Sanfte“, worauf immerhin eine kämpferische Dame antwortet: „Wir sind keine Schaben.“ Wo immer die Sanfte hinkommt, stößt sie auf stumpfe Gesichter, und wenn jemand ein bisschen Macht hat, muss man damit rechnen, dass diese Macht missbraucht wird. Zugleich machen alle möglichen Menschen auch Angebote: „Ich habe alles arrangiert.“ Als Dokumentarfilmer hat Sergei Loznitsa vielfältige Formen ausprobiert. Manchmal hat er einfach eine Kamera auf einem Marktplatz aufgestellt, und die Menschen gefilmt, die auf einen Bus warten. Der Ton spielte dabei eine ebenso wichtige Rolle wie das Bild. „Die Sanfte“ ist nun ganz von den künstlerischen Strategien geprägt, die Loznitsa sich als Dokumentarist erarbeitet hat, und erweitert diese zu einer großen, repräsentativen, eminent kritischen Erzählung über die „rodina“, die Heimat, diesen Sehnsuchtsbegriff, der gerade nach dem Zerfall des Staatssozialismus und den Enttäuschungen der Demokratie in Russland wieder so große Bedeutung hat.

          Mit fast zweieinhalb Stunden Dauer ist „Die Sanfte“ in jeder Hinsicht ein anspruchsvoller Film, bei dem es auf jedes Detail ankommt – häufig wird auch gesungen, immer wieder kommt der Große Vaterländische Krieg vor, und in allen diesen Liedern steckt eine Botschaft, ein vermitteltes Identitätsangebot, auf das die Sanfte nicht eingeht.

          Bei der Premiere in Cannes vor einem Jahr stießen sich nicht wenige Kritiker vor allem an der letzten halben Stunde, in der Loznitsa sich für eine märchenhafte Wendung entscheidet, einen höchst originellen Schauprozess. Auch wenn man über die eine oder andere Szene diskutieren könnte, zum Beispiel über eine rätselhaft offen bleibende Andeutung einer sexuellen Nötigung, ist „Die Sanfte“ einer der wichtigsten europäischen Filme der jüngeren Zeit. Wobei es nicht zuletzt um die Frage geht, ob und in welcher Form Russland an europäischen Standards gemessen werden kann, in diesem Kunstwerk, das zivilisatorisch Bruchlinien erkennbar macht, die nur durch gute Politik überwunden werden können.

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