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Kinofilm „Score“ über Filmmusik : So spielt man „dreckig“, liebes Orchester

  • -Aktualisiert am

Einer der Größten aller Sparten der Musik: Quincy Jones in „Score“ Bild: Epicleff Media/NFP

Ob Danny Elfmans unverwechselbare Glockenklänge oder Hans Zimmers mächtige Blechbläser: Ohne Musik ist der Film kaum vorstellbar. Der einzigartigen Entwicklung des Soundtracks widmet sich der Dokumentarfilm „Score“.

          Seit es sie gibt, hat die Filmmusik eine einzigartige Karriere gemacht. In der Frühzeit des Kinos diente sie – live aufgeführt – wesentlich dazu, den Lärm zu übertönen, der vom Projektor ausging. Doch schon 1908 hatte der damals dreiundsiebzigjährige Camille Saint-Saëns die erste eigenständige Filmmusik geschrieben: für den Historienfilm „Die Ermordung des Herzogs von Guise“. Friedrich Hollaenders Schlager für Marlene Dietrich in „Der blaue Engel“ folgten 1930 noch dem Vorbild der Revue. Aber spätestens mit Max Steiners Soundtrack zu „King Kong“ (1933) war Filmmusik als eigene, zugleich unentbehrliche Kunstform durchgesetzt.

          Filmkomponisten erzählen Geschichten, steuern Emotionen und formulieren mit Tönen und Klängen, was die Bilder nicht sagen können. Italo-Western werden mit der Musik von Ennio Morricone identifiziert. Titelmotive wie das von Henry Mancini zum „Pink Panther“ oder von Monty Norman zu den James-Bond-Filmen gehören längst zum kollektiven Bewusstsein.

          Matt Schraders Dokumentarfilm „Score – eine Geschichte der Filmmusik“ erzählt nun nicht nur von geradezu ikonographisch gewordenen Melodien, verschiedenen kompositorischen Herangehensweisen und musikalischen Stilen, sondern auch davon, wie, wo und von wem Filmmusik jeweils eingespielt wird. Namhafte Filmkomponisten kommen zu Wort, darunter John Williams, Hans Zimmer oder Rachel Portman, aber auch Musiker, die deren Werke einspielen, und natürlich auch Hollywood-Regisseure wie James Cameron.

          Überhaupt konzentriert sich „The Score“ stark auf Amerika, wo die Filmmusik schnell zum eigenen Industriezweig wurde mit klar definierten Aufgaben und einem Komponistentyp, der sich aufs Kino spezialisierte. In Europa hat es dagegen weniger scharfe Rubrizierungen und stattdessen interessante Überschneidungen gegeben, besonders in Großbritannien, wo Ralph Vaughan Williams und William Walton fürs Kino komponierten und die Filmmusik (zum Beispiel von Vaughan Williams) wieder in symphonische Konzertmusik verwandelt wurde. Ganz zu schweigen von der Sowjetunion, wo Dmitri Schostakowitsch (für Grigori Kosinzew), Alfred Schnittke (etwa für Alexander Sarchi und Elem Klimow), Mieczysław Weinberg und Edison Denissow (für Kinderfilme) Filmmusik geschrieben haben. In „Score“ fehlt das alles komplett, wie auch Philippe Sarde in Frankreich oder Wjatscheslaw Owtschinnikow und Eduard Artemjew in Russland.

          Amerikanische Sicht auf die Filmmusik

          „Score“ will eben eine besondere, eher amerikanische Sicht auf die Filmmusik darstellen und sie an Exempeln festmachen. Zu den interessantesten Szenen zählt die mit Heitor Pereira bei einer Einspiel-Session. Er zeigt dem Orchester, wie man per Hand „dreckig“ spielt, um einen anderen Sound zu kreieren.

          Matt Schrader hat als Nachrichtenproduzent für CBS sowie NBC und Filmemacher drei Emmys gewonnen. „Score“ ist sein erster abendfüllender Dokumentarfilm und gibt gewissermaßen Werkstattberichte en miniature, wobei sich der Regisseur auf den klassischen Hollywood-Score konzentriert. Dazu erklärt eine Psychologieprofessorin das Wirken von Musik als Teil der Filmerzählung. Die gewaltige vorsprachliche Wirkmächtigkeit etwa von Bernard Herrmanns kurzen hochlagigen Streicher-Phrasen für die Duschszene in Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960) illustriert ein kurzes Experiment: Die Szene wird in „Score“ zweimal vorgeführt, einmal ohne Herrmanns Musik und einmal mit ihr. Was beim ersten Anschauen fast harmlos aussieht und kaum berührt, verstört beim zweiten Mal zutiefst: Die unterlegte Musik erweckt den Eindruck, man hätte mehr Gewalt gesehen, als tatsächlich gezeigt wird. Soundtracks sind also so etwas wie die Seele des Films.

          Mit den gesellschaftlichen Wandlungen und der Ästhetik der Filme verändert sich selbstredend auch deren Musik. So verlagern die amorphen Klänge, die der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson in den letzten Jahren für Filme von Denis Villeneuve schuf, deren subkutane Düsternis ins nahezu Transhumane. Auch hier hätte man sich deutlich mehr Mitteilsamkeit von Matt Schrader gewünscht. Dass eine prägnante Filmmusik indes auch ohne die entsprechenden Bilder und über sie hinaus ihre Funktion erfüllt, verdeutlicht der Fall von Trevor Rebins hochenergetischem „Remember the Titans“ für Boaz Yakins Sport-Film „Gegen jede Regel“. Diese Musik wurde gespielt, als Barack Obama im Jahr 2008 auf dem Parteitag der Demokraten gesprochen hatte – und ließ seinen Auftritt wie den triumphalen Sieg eines mächtigen Feldherrn erscheinen. Die Zustimmung des Komponisten wurde dafür übrigens nicht eingeholt. Aber das wäre ein neuer und anderer Film.

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