Der Tag rückt näher, am Freitag könnte es schon soweit sein. In den Redaktionen im Pressehaus ist Besuch angesagt. Empfangen wird er von einer „Art Gutsherr, der gerne schöne Anzüge trägt und einen Jaguar fährt“.
So beschreibt die „NZZ am Sonntag“ den Drahtzieher des Deals: „Frank A. Meyer bewohnt eine Fabrikantenvilla im zürcherischen Kilchberg, er hat eine Zweitwohnung in Berlin und ein Haus in Südfrankreich, eine Suite im Hotel ,Bellevue' in Bern.“ Jeder Residenz entspricht eine andere Rolle. Die einzigartige Karriere ist von Freundschaften und Feindseligkeiten geprägt. Eine Aura von Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn umgibt Frank A. Meyer. Sie bestimmt auch seine eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Küche und Kultur
Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Meyer machte eine Lehre als Schriftsetzer und wollte Schriftsteller werden. „Weil ich schneller denke, als ich schreiben kann“, waren seine Gedichte nicht so gut. Frank A. Meyer wurde Journalist. Er war an einem Pressebüro in seiner Heimatstadt Biel beteiligt und als alternativer „Freier Bürger“ in der Lokalpolitik engagiert. Die zweisprachige Kleinstadt hat seine Vorstellungen von Politik und Publizistik bestimmt. Küche und Kultur gehören dazu. Meyer glaubt an den Einfluß der Ideen und der Intellektuellen auf die Macht.
Vor einem Vierteljahrhundert kam er zu Ringier. Was den Erben des größten Verlagshauses und den etwas älteren Arbeitersohn so untrennbar verbindet, ist schwer zu ergründen. Michael Ringier bekam als Kind die moralische Empörung der Nation zu spüren, als der Verlag mit deutscher Schützenhilfe das Boulevardblatt „Blick“ gründete. Michael Ringiers Vater war eine gesellschaftliche Randfigur geblieben. Meyer betrieb die Politisierung des Verlags. Er fungiert als „Chefpublizist“ - und das klingt nicht nur wie Chefpolizist. Seine legendären Einmischungen werden von den Chefredakteuren, die ihm gar nicht wirklich unterstehen, als um so ärgerlicher empfunden, als er selber nie die Verantwortung für eine Publikation übernommen hat. Der Chefpublizist ohne Portefeuille schreibt Kolumnen.
Beziehungspflege in feinen Restaurants
Bekannter noch als für diese ist Meyer für seine Beziehungen. In feinen Restaurants werden sie gepflegt. Das größte Privileg ist es, von Meyer persönlich bekocht zu werden. Keiner knüpft zwischen Vorspeise und Zigarre schnellere und bessere Männerfreundschaften. Meyer ist ein Verführer und Charmeur. Seine Suite im Hotel Bellevue - das näher zum Berner Bundeshaus liegt als das „Adlon“ zum Kanzleramt - bekam den Ruf eines Hinterzimmers der Macht. Es soll Zeiten gegeben haben, da war er mit allen Ministern und der Hälfte des Parlaments auf du. Christoph Blochers Einzug in die Regierung konnte er nicht verhindern, obwohl er ihn jahrelang als „Führer“ bekämpfte, wie der heutige Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski einmal über Blochers Wahl und Meyers Wende spottete. Seither ist der „Blick“ brav, bieder und politisch korrekt.
Meyers Verflechtungen gehen auf Kosten seiner journalistischen Glaubwürdigkeit. Wenn er lobt, wittert der Leser unweigerlich unlautere Absichten. Wenn er tadelt, vermutet man eine Abrechnung, der eine Kampagne folgt. Den Konzernjournalismus betreibt Meyer auch in eigener Sache. Als das Schweizer Fernsehen seine Interviewsendung „Vis-a-Vis“ absetzen wollte, mußte er nur seine Lobby mobilisieren. Die Zweitausstrahlung auf 3sat erleichterte es ihm, die Maschen seines Netzes über die Schweiz hinaus zu stricken.
Die halbe Regierung posiert
Lange haftete seinem „diner republicain“ anläßlich des Filmfestivals von Locarno der Hauch einer nationalen Veranstaltung an. Hier hat man erstmals einen Vorgeschmack von der neuen Liebe Schröders zum Hause Ringier bekommen. Bei Meyer trat er auf, nachdem er einen offiziellen Staatsbesuch in der Schweiz wegen einer „Flugzeugpanne“ in letzter Minute abgesagt hatte. Das Gruppenbild des Chefpublizisten mit seiner Lebensgefährtin und „seinem“ Kanzler verdeutlicht die Relationen: Die halbe Schweizer Regierung posiert. Mit Schröder im Schlepptau kehrte Meyer aus der Verbannung zurück.
Machtkämpfe hat es verschiedentlich gegeben. Einmal wurde Meyer von Michael Ringier abgesetzt - elf Tage später saß er wieder in der Geschäftsleitung. Nach der Borer-Affäre geriet der Chefpublizist unter Beschuß. Der „Sonntags-Blick“ hatte vom nächtlichen Besuch einer zwielichtigen Bardame in der Botschaft in unmittelbarer Nähe des Kanzleramts berichtet. Tagelang wurde die Schmierenkomödie um Sex und Macht ausgebreitet. Die Journalisten saßen auf der Lauer, als es zum galanten Rendezvous kam. Der exzentrische Borer war im Außenministerium extrem unbeliebt und bekam keinerlei Rückendeckung. Die Affäre kostete ihn das Amt und den Verlag mehrere Millionen, die später an Borer bezahlt wurden.
Niemand glaubte an ein Comeback
Meyer, den Ringier das „Hirn“ des Konzerns nennt, konnte sich retten. Aber er mußte eine Auszeit nehmen. Seine Kolumne wurde eingestellt, seine Sendung im Privatfernsehen moderierte ein anderer. Niemand außer ein paar Ringier-Insidern glaubte an ein Comeback. Als Exil wählte sich Meyer Berlin. In der Hauptstadt entstand „Cicero“. Und hier fand der verstoßene Frank A. Meyer einen neuen Männerfreund. In den Monaten seiner größten Demütigung bereitete er seinen größten Triumph vor.
Wenn Politiker an die Macht kommen, vernachlässigen sie ihr Familienleben und ihre Freundschaften. Für neue Beziehungen haben sie keine Zeit. Während seiner ersten Amtszeit hatte Schröder nie etwas von einem Herrn Meyer aus der Schweiz gehört. Doch als dieser sechzig wurde, war der Kanzler auf der Geburtstagsfeier und drückte seinen „Freund“. Daß sich etwas anbahnte, ahnte die Öffentlichkeit seit Locarno. Daß es ernst werden könnte, zeigte sich auf dem Kongreß der Schweizer Verleger im Herbst 2004.
Nur eine Vorspeise
„So viele Heucheleien, so viele Bücklinge, so viele devote sinnverdrehte Worthülsen“, faßte der „Klein Report“ den Zirkus Meyer zusammen. „Beim verspäteten Eintreffen des Kanzlers preschte Meyer wie von der Tarantel gestochen vor die Kameras“, am Ende wiederholte er „wild gestikulierend das ganze Brimborium noch einmal, als er den Kanzler zu Starkoch Philippe Rochat nach Crissier lockte“. Für Schröder reichte es im Drei-Sterne-Restaurant aus zeitlichen Gründen nur für eine flüchtige Vorspeise, doch das sieht man dem Bild - mit Meyer und Ringier - nicht an. Eifrig haben es „Blick“ und „Sonntags-Blick“ gedruckt. Meyer sonnte sich im Glanze seines Triumphs und las wie in alten Zeiten den heimischen Journalisten die Leviten: „Zunehmend provinziell“ sei die Schweizer Presse, „Desinteresse an den Inhalten und an der Qualität des Geschriebenen, man huldigt dem Marketing“. In Deutschland hingegen, da „reißen sich Verlage um gute Autoren“.
Noch dachte kein Mensch an vorgezogene Neuwahlen. Als Medienprofi, der „einstecken und kämpfen“ kann, hatte sich Kanzler Schröder auf dem Verlegerkongreß präsentiert. „Ich bin kein Opfer“, umschreibt der „Klein Report“ den Tonfall seiner Rede: „Wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nie Koch werden.“
Gleichgeschaltete Medien
Diese Rhetorik beherrscht auch Frank A. Meyer. Doch als in Berlin die Temperaturen stiegen, war es mit der selbstbewußten Gelassenheit zu Ende. Eine „neue Form der Demokratie“ sah Meyer in Deutschland heraufziehen: „Die Abschaffung des Wahlkampfs durch die mediale Vorwegnahme des Resultats.“ Mit Adorno entdeckte er bei der Presse eine altbewährte Technik, der „alle faschistische Propaganda zugrunde liegt“. „Wenn morgen Berlusconi die Medienmacht in Deutschland übernähme, müßte man, wie es aussieht, kaum Journalisten auswechseln.“
Sechzig Jahre nach Hitler sei Berlusconi in Berlin überflüssig, „gleichgeschaltet“ seien Zeitungen, Magazine, Fernsehen in Deutschland - freiwillig gleichgeschaltet und alle gegen Schröder. „So schreibt man jetzt wieder in Deutschland: voll auf den Menschen, voll gegen die Person. Es wird zur Jagd geblasen. Und wer jagt, bringt zur Strecke.“ Alle waren gemeint und wurden namentlich genannt: „Bild“ und „Stern“, F.A.Z. wie „Zeit“, „Christiansen“ und die „taz“, die „Süddeutsche“ nicht ausgenommen. „Eine solche Übereinkunft zwischen den tonangebenden Meinungsmachern gegen einen Politiker wäre in der Schweiz ausgeschlossen.“
Allein gegen alle
Ein Mann bleibt treu: Wie ein zum letzten entschlossener Winkelried aus der Eidgenossenschaft legte sich Meyer mit der deutschen Presse an, bei der sein Kanzler in Ungnade gefallen war wie er selber einst im eigenen Land. „Allein gegen alle“ habe Schröder heroisch den Wahlkampf geführt, sagte Meyer in allen Interviews. Und meint: Nur einer stand ihm bei.
Auf ihn hat der Kanzler gehört. Es ist das Jahr des Frank A. Meyer. Gerade erschien sein Buch: Ein Gespräch mit Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler. Doch seine Sternstunde als Intellektueller schlug schon zuvor - als Schröder am Wahlabend ins Fernsehen kam. Entweder hatte man ihm falsche Zahlen eingeflüstert und einen Sieg suggeriert. Oder er hatte gerade Meyers Kolumne in „Cicero“ gelesen. Schröders Medienschelte, sein Umgang mit dem Chefredakteur des ZDF - da war ein leicht verwirrter Schüler auf der Höhe seines Chefpublizisten. Schröders hartnäckige Weigerung, Angela Merkel als Kanzlerin zu akzeptieren, demonstrierte noch, welches Frauenbild und Machtverständnis Männerfreundschaften eigen sein kann.
Weine und Zigarren
Mit der Metapher von „Koch und Kellner“ hatte Schröder einst sein Verhältnis zu Lafontaine präzisiert. Wir wissen nicht, wie seine Beziehung zu Meyer und Ringier entstand. Rational - mit der Aussicht auf einen Beratervertrag in Zürich - kann man auch dieses Verhältnis nicht begreifen. Über das erste Zusammentreffen „eines der großen Staatsmänner der heutigen Zeit“ (Ringier) mit „einer der großen Verlegerpersönlichkeiten in Europa“ (Schröder) kursieren zwei Versionen. Zu „Bild“ sagte Ringier: „Manfred Bissinger brachte mich mit dem Kanzler zusammen, wir trafen uns im Berliner ,Adlon' zum Abendessen.“ Romantischer klang es im „Tages-Anzeiger“, dem Meyer diese Geschichte auftischte: „Ich kochte an einem Abend in Berlin für Gerhard Schröder, Michael Ringier war dabei. So haben sich die beiden kennengelernt. Und haben sich auf den ersten Blick verstanden; die Sympathie war spürbar. Sie entdeckten die gemeinsamen Vorlieben: vorzügliche Weine, erstklassige Zigarren, gute Gespräche über Kunst.“
„Ist Meyer etwa Koch im ,Adlon'?“ frotzelte der Publizist Roger de Weck. Es geschah, das scheint festzustehen, bei einem gediegenen Diner. Der Exkanzler wird sich hüten, darüber hinaus ein Machtwort zu sprechen. Trotzdem sind Befürchtungen, was der Männerbund bewirkt, am Platz. Meyer soll bereits versucht haben, auf der Chefetage im Pressehaus von Ringier das Büro eines höherstehenden Rivalen für Schröder räumen zu lassen.
Er ist die Beute
„Politiker sind Medienpersonal“, hat der „Spiegel“-Redakteur Jürgen Leinemann im Interview mit Meyer einmal gesagt. Beredt und sehr betroffen beklagten die beiden in „Cicero“ den Niedergang des Journalismus. Es war - gewollt und ungewollt - die Hintergrundgeschichte zu Schröders Medienschelte. Exakt beschreiben sie die Nähe von „Publizistik und Parlament“, die Meyer wie kein anderer in der Schweiz hergestellt hat; mit Fortsetzung ins Kanzleramt. Und sie beklagen eine Pressekultur, die Ringier mitprägt. Das sollte sein neuer Berater wissen. Mit Schröder, dem Kanzler, setzt der Konzern den Kontrapunkt zur Sexaffäre um den Botschafter. Er ist die Beute, die Frank A. Meyer aus Berlin nach Zürich gebracht hat - seine edelste Trophäe, ein Geschenk für seinen Verleger.
Da die russische Gasfirma NEGP, bei der Schröder Aufsichtsratsvorsitzender wird, Anfang des Monats Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug genommen hat, sind die Dienstwege nicht weit. Wenn über seine etwaigen Einkünfte spekuliert wird, geht es um jeweils siebenstellige Summen.
Kanzler, Koch und Kellner: Als „Türöffner“ und „Reisebegleiter“ sieht Ringier den Berater. „Herr Schröder, das ist Ihr neues Kabinett, Ihre Redaktion“, stellte sich die „Blick“-Mannschaft im eigenen Blatt vor. Die Schweiz staunt über den strategischen Streich und den Kanzler in Ringiers Portefeuille. „Willkommen, Schröder wird ,Blick'-Autor“ lautete die Schlagzeile zur Verkündung der frohen Botschaft. Im „Blick“ zu schreiben, empfiehlt auch Frank A. Meyer dem Kanzler der „Medienschelte“. Der Chefpublizist hat einen neuen Mitarbeiter.
Currywurst?
Fionn Huber (fionn)
- 13.12.2005, 10:47 Uhr