24.12.2004 · Comeback nach zweiundfünfzig Wochen Urlaub: Die neue Show von Harald Schmidt gleicht der alten - bis aufs Haar. Mit schulterlanger Mähne und Vollbart lästerte Schmidt über Politiker, Viva und den WM-Löwen.
Von Jörg ThomannEr hat sich nicht noch einmal rasiert. So wie auf den Fotos, die vorab an die Presse gelangt waren, hat sich Harald Schmidt am Donnerstag abend auch den Zuschauern seiner ersten Sendung für die ARD präsentiert: Mit schulterlangen Haaren und Vollbart sah er ein wenig so aus wie der James Last der siebziger Jahre. Als er dann ab und zu eine Pfeife in die Hand nahm, bot er ein vollkommenes Bild der Altersweisheit - und der Versuch der ARD, ihr Programm durch Schmidt deutlich zu verjüngen, war dramatisch gescheitert.
Der neue Look war durchaus ein geschickter Schachzug des Entertainers. Bart und lange Haare werden den Medien in den nächsten Wochen gewiß reichlich Stoff bieten und verdecken, daß die von der ARD stolz mit „Tagesschau“-Sprecherstimme eingeleitete öffentlich-rechtliche Schmidt-Show der privaten verblüffend gleicht - bis aufs Haar.
Das neue Studio weicht nur in Nuancen vom alten ab, Andrack sitzt noch immer in einer Ecke hinter einem Laptop, hat nicht viel zu sagen und trägt dieselbe Jeansjacke wie immer. Auch die Musiker sind dieselben, es fehlt nur Zerlett, den aber nicht wirklich jemand vermißt.
Kein Mitleid mit Viva
Das gilt auch für die Studiogäste. Es gibt zwar Publikum, aber außer Andrack keine Gesprächspartner mehr, weil dafür das Geld oder die knappe Sendezeit nicht mehr reicht oder, wie Schmidt sagt, weil Viva am Ende ist: „Deutschlands größtes Schlampenreservoir ist stillgelegt.“ Nur kein falsches Mitleid mit den Kolleginnen, die in der Kölner Schanzenstraße auch Schmidts Nachbarinnen sind. Wie es ist, plötzlich ohne Sender dazustehen, weiß Schmidt schließlich selbst, und er hat vorgemacht, wie man mit einer solchen Situation umgeht: Erst seine „zweiundfünfzig Wochen alten Urlaub“ abgefeiert und anschließend einen Vertrag mit der ARD abgeschlossen, der ihm astronomische Geldsummen und eine ebenso hohe Anzahl von Neidern und Feinden beschert. Sie werden uns über die komplette Vertragslaufzeit auf dem laufenden halten, wieviele tausend Euro der Showmaster pro Sendung, pro Minute, pro Pointe verdient.
Etwa dreißig Journalisten verfolgten die Schmidt-Premiere auf Fernsehapparaten im zugigen Foyer der Produktionsfirma Bonito und wissen: Sollte der Kahn sinken, sie sitzen mit ihm Boot. Die Medien und vor allem die Feuilletons waren es ja, die ihn spätestens mit seinem angekündigten Abschied von Sat.1 zum Heilsbringer erklärten, ohne den das Land dem Untergang geweiht sei, zum einzigen Rettungsanker in den furchtbaren Fluten des Flachsinnfernsehens.
Wer konnte wirklich damit rechnen, daß sich die ARD die Klagen so sehr zu Herzen nähme, daß sie Schmidt kurzerhand zur Grundversorgung erklären und dafür sogar auf etliche Fußballspiele verzichten würde? Daß sie kolportierte sieben bis acht Millionen Euro im Jahr für sechzig Wochenminuten Welterklärung berappen würde? Über soviel Macht zu verfügen, dürfte vielen Medienkritikern geradezu unheimlich sein.
Playmobil ist Geschichte
Für die Massen an Gebührengeld darf Schmidt natürlich nicht mehr mit Playmobilfiguren spielen oder im Studio das Licht ausschalten. Und über Laurenz Meyers Doppelverdienste lästern käme auch nicht so gut, weshalb es Schmidt sehr entgegenkommt, daß der CDU-Generalsekretär schon am Vortag zurückgetreten ist. Also schaut Andrack lieber auf der Homepage von Meyers Nachfolger Volker Kauder vorbei und entdeckt ein Foto, das Kauder in den Armen eines Riesenteddys zeigt.
Im Laufe des Abends fallen außerdem die Namen Schröder, Müntefering, Merkel, Stoiber, Koch, Kanther, Wowereit und Fischer - Ausdruck des neu entfachten Politikinteresses des gelernten Kabarettisten. „Das Politmagazin mit menschlichem Antlitz“ hält Schmidt für einen schönen Untertitel für seine Sendung. Oder auch „Musikantenstadl für Parallelgesellschaften“.
Ackermann und Goleo
In einem Bildtest beweist Schmidt, daß er noch fit ist für Deutschland, daß er auf seiner Weltreise durchaus mitbekommen hat, was in der Heimat vor sich ging. Nun hat er einiges aufzuarbeiten. Dumm nur, daß alle anderen außer ihm das längst getan haben. Daß Josef Ackermanns Victory-Zeichen so verunglückt war wie das WM-Maskottchen „Goleo“, die Zuschauer wissen es längst. Auch wenn Schmidts Kommentar zu „Goleo“ nicht schlecht ist: „Er sieht ein bißchen so aus, als hätte die Mutter in der Schwangerschaft geraucht.“ Vom 19. Januar an wird Schmidt zweimal die Woche moderieren und es dann hoffentlich nicht mehr nötig haben, das Archiv zu bemühen.
Klar ist, daß man eine Stimme wie die seine im Fernsehen lange nicht gehört hat - schon gar nicht bei der ARD. Zum sechzigsten Jahrestag vom Ende des Zweiten Weltkriegs, so Schmidt in seiner Premierensendung, sollte Deutschland endlich mitfeiern dürfen - und sei es nur als „Sieger der Herzen“. Gegen Ende der Auftaktshow kam Schmidt immer besser in Schwung: ein gutes Omen für die kommenden Auftritte.
Selbstverständlich ist Harald Schmidt grotesk überbezahlt, und als Gebührenzahler sind wir entrüstet. Als Zuschauer haben wir uns über das Wiedersehen gefreut, uns alles in allem gut unterhalten und ein paarmal sehr herzhaft gelacht. So kann es weitergehen. Und Harald Schmidt weiß ja schon längst, wie er seine zweite Show im Januar zu einem ebensolchen Coup machen kann wie diese erste: Er braucht sich zuvor nur heimlich zu rasieren.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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