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Schlöndorffs Brecht-Verfilmung : Blau und ungeheuer wundersam

Rainer Werner Fassbinder (hier zusammen mit Margarethe von Trotta) war erst 24, als er die Rolle des Baal spielte. Bild: dpa

Über 40 Jahre nach dem Dreh kommt „Baal“ in die Kinos. Ausgerechnet der brave Volker Schlöndorff zeigt uns damit, was am Neuen Deutschen Film so betörend war und ist.

          Er träumt „ gelegentlich von einer grünen Wiese, mit einem blauen Himmel drüber und drunter nichts“. So dichtet der Dichter Baal. Seine Gier ist unermesslich. Zwischen dem Dichten trinkt Baal viel, geht Frauen an die Wäsche, schlägt sie und verstößt sie, ist widerlich in einer widerlichen Welt. Es gibt einen großen Mord und viele kleine, und doch ist das alles von einer Lebendigkeit, dass einem der Atem stockt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Baal“ von Volker Schlöndorff ist einer der seltenen Filme, die aus der Vergangenheit fast ungesehen auftauchen und sofort so wirken, als seien sie immer da gewesen. Und trotzdem nicht alt wurden. Der Film wurde 1969 gedreht, die Titelrolle in der Filmadaption des ersten Stücks von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1918 spielte der damals vierundzwanzigjährige Rainer Werner Fassbinder, der in seiner vitalen Hässlichkeit aussieht wie einer, der auch heute ums Leben kämpfen könnte, mit scheußlichen Mitteln in einer scheußlichen Welt.

          Es wird gesoffen, gelogen, vergewaltigt und gemeuchelt

          Mit dabei waren Darsteller von Fassbinders Antiteater, die bei diesem Film, wie Schlöndorff sich erinnert, noch übten. Irm Hermann tritt auf, Günther Kaufmann, Walter Sedlmayr. Und auch Hanna Schygulla, die schon hier so traumverloren abseits von allem wirkt wie in den späteren Filmen, die sie mit Fassbinder drehte. Die größere Rolle aber hat Margarethe von Trotta, die Schlöndorff dann heiratete.

          Im Kanon des deutschen Kinos steht „Baal“ mit Rainer Werner Fassbinder (hinten) und Sigi Graue ganz oben
          Im Kanon des deutschen Kinos steht „Baal“ mit Rainer Werner Fassbinder (hinten) und Sigi Graue ganz oben : Bild: dpa

          Fassbinder wiederum, so schreibt der Regisseur in seiner Autobiographie, überraschte an einem der letzten Drehtage damit, dass er Ingrid Caven heiratete. Und gleichzeitig seinem neuen Liebhaber, Günther Kaufmann, von der Gage für das Team einen amerikanischen Sportwagen kaufte. Kaufmann heißt in „Baal“ Orgauer, und die Rolle ist klein.

          Klaus Doldinger hat Brechts Verse als Bluesballaden vertont, wie die Begleitmusik zur gerade endenden Studentenrevolte. Gedreht wurden die knapp neunzig Minuten, in denen gesoffen, erniedrigt, deklamiert, vergewaltigt, gelogen und gemeuchelt wird, auf 16mm mit der Handkamera von Dietrich Lohmann – ohne viel Geld, aber mit einem Furor, einer Energie vor und hinter der Kamera, von der heute ganze Jahresreihen von Fernsehproduktionen leben könnten.

          Die Lebensgier der Totmacherkinder

          Schlöndorff, der Hessische und der Bayerische Rundfunk hatten damals von Brechts Witwe Helene Weigel die Rechte für die einmalige Fernsehausstrahlung erworben und wollten nach und nach die Rechte für Wiederholungen oder auch die Kinoauswertung nachkaufen. Doch Helene Weigel untersagte jede weitere Vorführung.

          Schauspielerin Hanna Schygulla und Regisseur Volker Schlöndorff bei der Berlinale, auf der „Baal“  bereits gezeigt wurde. Jetzt kommt der Film in die Kinos.
          Schauspielerin Hanna Schygulla und Regisseur Volker Schlöndorff bei der Berlinale, auf der „Baal“ bereits gezeigt wurde. Jetzt kommt der Film in die Kinos. : Bild: REUTERS

          Erst jetzt ist es gelungen, mit Hilfe der Fassbinder Foundation und in Verbindung mit der Restaurierung des Films die Wiederaufführungsrechte von Brechts Erben loszueisen, und so kommt „Baal“ nach einer Sondervorführung bei der Berlinale vor einigen Wochen an diesem Donnerstag in die Kinos und demnächst, mit umfangreichem Bonusmaterial ausgestattet, als DVD in die Läden (bei Zweitausendeins). Ein Glücksfall.

          Denn wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Film von Schlöndorff – der immer deutlich braver war als Fassbinder (und ihn auch deshalb bis heute überlebt) – uns noch einmal einen Augenblick im deutschen Kino vor Augen führen würde, in dem sich alles kristallisiert, was den Neuen Deutschen Film ausmachte und was auch das internationale Publikum damals so betörend fand: die Wucht eines politischen Standpunkts, der noch im Winkel des Sonnenlichts aufscheint, das durch Blätterkronen auf einen Sterbenden fällt; die verzweifelte Lebensgier einer Generation, die von Totmachern abstammte; der kultur- und grauengesättigte Grund, auf dem das alles stattfand; die bestürzend jungen Gesichter der Darsteller, jedes für sich eigenwillig, von denen viele mit Fassbinder sehr kurz darauf berühmt werden sollten; und eine anarchische Poesie. „Baal“ ist ein Film, der im Kanon des deutschen Films ganz oben steht und jetzt endlich besichtigt werden kann.

          Quelle: F.A.Z.

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