29.09.2005 · Jetzt hat auch Sat.1 seinen Schleichwerbeskandal. Im Frühstücksfernsehen und im Vorabendprogramm des Senders soll es zu journalistisch getarnten Beiträgen gekommen sein - bezahlt von verschiedenen Firmen.
Von Michael HanfeldDaß Schleichwerbung im Fernsehen nicht die Sache eines Senders ist, das war bereits während des Bavaria-Skandals in diesem Sommer sprichwörtlich. Mehrere ARD-Sender wurden, nachdem entsprechende Vorwürfe durch die Presse publik geworden waren, auf der Suche nach Product Placement fündig, zumeist waren daran gemeinsam mit der Bavaria gegründete Tochterfirmen beteiligt. Über ein Jahrzehnt, so stellte sich schließlich heraus, wurde - nicht nur bei der Bavaria - schleichgeworben.
Immer wieder hat es jedoch in den vergangenen Jahren auch entsprechende Beanstandungen gegen private Sender gegeben, im Visier der für die Rechtsaufsicht in solchen Fällen zuständigen Landesmedienanstalten war unter anderem der Sender n-tv. Jetzt aber liegen Hinweise auf eine großangelegte Schleichwerbekampagne bei dem Privatsender Sat.1 vor. Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge sollen im Frühstücks- und im Vorabendfernsehen von Sat.1 in den vergangenen fünf Jahren Beiträge von verschiedenen Firmen plaziert worden sein. Die dafür veranlagte Summe soll sich insgesamt auf mehr als eine Million Euro belaufen. 130 einzelne Vorgänge von Schleichwerbung sollen nachzuweisen sein.
Die Alarmglocken schrillen
Den Angaben zufolge werden die Geschäfte, die bis in die Gegenwart reichen sollen, von einer Agentur namens „Connect TV“ mit Sitz im schweizerischen Tessin abgewickelt worden sein. In Zusammenarbeit mit einem in Berlin ansässigen Produzenten sollen Beiträge angefertigt worden sein, für die verschiedene Firmen zahlten und die bei Sat.1 unter anderem unter dem verdeckenden Titel „Austauschleistungen“ verbucht wurden. Die Rechnungen für die als journalistische Beiträge getarnte PR zahlten die beteiligten Firmen, die Hälfte der jeweiligen Summen sollen bei Sat.1 gelandet sein. Zu den Kunden sollen unter anderem die Autofirma Pit Stop, das Finanzinstitut AWD, die Arzneimittelhersteller Klosterfrau, Spitzner und Lichtwer sowie die Versicherungsgruppe WWK zählen. Dort wollte man auf Anfrage keine Stellung zu den Vorwürfen nehmen. „Wir geben dazu keinen Kommentar ab“, hieß es.
Bei Pro Sieben Sat.1 schrillen nun die Alarmglocken. Bei einem Privatsender könnte eine Angelegenheit wie diese nämlich zu ähnlich gravierenden, wenn nicht schwerwiegenderen Folgen führen als bei der mehrheitlich von ARD-Sendern getragenen Produktionsfirma Bavaria und den dahinterstehenden Sendern. Dort erstreckten sich die personellen Konsequenzen auf einen Produzenten und auf den Chef der Bavaria, Thilo Kleine, der seinen Hut nehmen müßte. In der Privatsendergruppe könnte die Verantwortlichkeit jedoch bis in die Konzernspitze führen. Das an der Börse notierte Unternehmen, das vor ein paar Wochen erst der Springer-Konzern von Haim Saban übernommen hat, muß auf schnelle Aufklärung dringen.
Unbedingte Chefsache
Um eine solche sei es dem Vorstand auch zu tun, sagte die Sprecherin von Pro Sieben Sat.1, Katja Pichler: „Das ist Vorstandsangelegenheit, wir nehmen das alles sehr ernst.“ Der Vorstandsvorsitzende Guillaume de Posch hat den Vorgang zur unbedingten Chefsache gemacht. Er wird nicht nur dem inkriminierten Geschäftsweg über die Schweiz nachgehen müssen. Auch der Hinweis, daß der ehemalige Vorstand von Pro Sieben Sat.1 und Präsident des Privatsenderverbands VPRT, Jürgen Doetz, in Geschäftsunterlagen, die den Geldverkehr zwischen Sat.1 und der beteiligten Maklerfirma „Connect TV“ dokumentieren, angeblich genannt wird, dürfte de Posch alarmieren.
Nicht zuletzt der neue Eigentümer Springer, der für die Übernahme noch auf das Plazet des Kartellamts wartet, wird auf schnelle Erklärungen zur Sache dringen. Prekär ist die Veröffentlichung noch aus einem anderen Grund, gilt der ehemalige Geschäftsführer von Sat.1, Martin Hoffmann, doch als aussichtreicher Kandidat für - die Nachfolge an der Spitze der wegen Schleichwerbung ins Trudeln geratenen Produktionsgesellschaft Bavaria, über welche der Aufsichtsrat und die Gesellschafter der Produktionsgesellschaft heute beraten. Zum Beginn des neuen Geschäftsjahres, also zum 1. Februar 2006, soll der neue Geschäftsführer bestellt werden.
Ein Verfahren ist eingeleitet
In Aktion tritt jetzt auch die für Sat.1 zuständige Landesmedienanstalt von Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen. Man habe ein Verfahren eingeleitet, sagte der Direktor der Landesmedienanstalt, Manfred Helmes. Möglich sind in einem solchen Fall Geldstrafen von bis zu 500 000 Euro, außerdem könnte Sat.1 verpflichtet werden, eine Beanstandungserklärung auszustrahlen. Die Sendelizenz von Sat.1 sei jedoch wohl eher nicht in Gefahr, sagte Helmes: „Vor allem interessiert uns, welche Maßnahmen Sat.1 selbst ergriffen hat, um die Vorwürfe aufzuklären.“ Davon wird in den nächsten Tagen wohl zu hören sein.