Unheimlich wurde mir die Sache mit Jodie vor etwa fünfzehn Jahren, als ich wieder einmal im so treffend benannten Laden „Cinéfolies“ in Bordeaux hereinschaute, wo Bücher, Fotos, Filme, alles für Fans, vorrätig gehalten werden. „Suchst du wieder was zu Jodie?“ Ich nickte. „Neulich war schon mal einer da. Komisch, ihr Jodie-Fans seht irgendwie alle gleich aus.“ Das ist keine beruhigende Aussage, seit einer von uns Fans mal versucht hatte, den amerikanischen Präsidenten zu erschießen.
Man hat in einem Leben mit Jodie Foster aber auch etwas zu lachen. Es gibt da beispielsweise diese neue Website: „The Jodie Foster Fixation Syndrome“. Betrieben wird sie von einem Mann, der Jodie irgendwie toll findet, seit er sie, und jetzt kommt es, im „Schweigen der Lämmer“ gesehen hat. Wie bitte? 1991?
Die typische Jodie-Figur
Ich, sehr geehrter Herr Fostermaniak, entwickelte mein, sagen wir: Interesse für Jodie 1976 auf einem beigefarbenen Teppichboden vor dem Sonntagnachmittagsprogramm des ZDF, und es war die Serie „Paper Moon“. Jodie gibt darin Addie, die mit ihrem Vater durch den Mittleren Westen der Depressionsjahre zieht und die Kleinfamilie mit Tricks und Gaunereien durchbringt. Drei Elemente einer typischen Jodie-Figur waren da schon zu besichtigen: eine Neudefinition der Geschlechterrollen, denn Addie sieht aus und benimmt sich die meiste Zeit wie ein Junge; eine kreative und dabei realistische Erweiterung des Familienbegriffs - es ist nicht einmal ganz sicher, daß Charles überhaupt Addies Vater ist; und die Geldsorgen, die das vordringliche Handlungsmotiv sind. Von diesen drei Elementen finden sich zwei in „Flightplan“, dem Thriller, mit dem Jodie nun nach Jahren wieder den ersten Platz der amerikanischen Kinocharts erobern konnte.
Warum Jodie? Das Geheimnis „Jodie Foster“
Warum kann ich mich an „Paper Moon“ soviel besser erinnern als an andere Sendungen meiner Kinderzeit? Warum habe ich keine Obsession für die Pippi-Langstrumpf-Darstellerin entwickelt? Hobbypsychologen würden sich an den Fakten orientieren: Ich wuchs bei meiner Mutter auf, und wir hatten ab und zu Geldsorgen. Aber will man als Kind oder als Erwachsener im Fernsehen das sehen, was man selber schon kennt?
Ich vergaß sie. Bis zu „Taxi Driver“
Vor allem aber: Das Kinderfernsehen der siebziger Jahre war ja nicht problemfrei. Ich habe mich während meiner langen Mitgliedschaft in der damals mangels Privatfernsehen für die Werbewirtschaft irrelevanten Zielgruppe 0-13 oft gefragt, warum die Kinder in deutschen Sendungen wie „Das feuerrote Spielmobil“ oder „Rappelkiste“ immer in Hinterhöfen wohnten, viele Geschwister hatten und immer die Schule schwänzten. Ich erinnere mich vor allem an eine sonnige, lustige, dabei neuartig und echt wirkende Serie, in welcher das Kind gleichberechtigt mit einem Erwachsenen die Hauptrolle spielt. Das war das Besondere: Ein Kind, so alt wie wir, besteht echte Abenteuer, und man muß lachen. Es ging nicht um Probleme, sondern um deren Überwindung; nicht darum, daß Addie eine merkwürdige Minifamilie hatte, sondern daß diese Familie funktionierte.
Irgendwann waren die dreizehn Folgen versendet. Es war, wie ich inzwischen weiß, der erste Tiefschlag für den Kinderstar. Wie reagierte ich, der treue Fan? Ich vergaß sie. Bis zu „Taxi Driver“: Ein Bericht im „Stern“ muß es gewesen sein, der seine linksliberale Leserschaft mit dem üblichen heuchlerischen Unterton (darf man so schockierende Szenen mit einer Dreizehnjährigen drehen?) über den Film in Kenntnis setzte. Und weil diese Leserschaft, also meine Mutter, ihre Lektüre dann auf dem Tisch liegenließ, war auch ich informiert. Da ist sie also abgeblieben, dachte ich und realisierte, daß das ganz weit weg war: jenseits der Altersbeschränkung. Und daß es wohl dauern würde, bis wir uns wiedersehen würden.
„Aha, auch einer von denen“
Ich aß fortan mein Sonntagshuhn ohne Jodie, ging zur Schule, sah alle ihre Filme und saß eines Tages mit einem Aufnahmegerät in einem Münchner Hotel. „Anna und der König“ sollte ins Kino kommen, da ergab sich die Gelegenheit zum Interview. Wir wurden zu zweit empfangen, eine Kollegin von der „Abendzeitung“ hatte ihre Fragen auf ein Blatt getippt, was ein Segen war, denn ich vergaß augenblicklich alles, was ich je hätte wissen wollen über „Anna und der König“. Die Sonne schien in die Suite, Jodie redete schon, und ich war glücklich. Irgendwann machte ich mich bemerkbar. Sie hatte ein kleines Vikingauto gekauft, einen Käfer-Cabrio mit weißem Schiebedach, wie sie früher mal eines fuhr. „Ja, 1980 mit dem Geld von ,Jeanies Clique‘ haben Sie sich den gekauft“, sagte ich, und Jodie hielt inne und lächelte milde, als wollte sie sagen: „Aha, auch einer von denen.“
Neben den Filmen sind Interviews Jodies eigentliches Medium. Allein die schiere Anzahl ist atemberaubend, sie muß ein Drittel ihres Lebens irgendwelchen Journalisten gegenübergesessen haben. Man kommt sich beim Fragenstellen vor wie ein unzulänglicher Tennisautomat, der verfolgen kann, wie die eigenen schwachen Vorlagen in himmelsstürmende Repliken umgewandelt werden. Es macht ihr Spaß. Bei einer Pressekonferenz während der Dreharbeiten von „Flightplan“ kam der Vertreter eines norwegischen Online-Mediums, schüchtern hinter seinem Laptop versteckt, auf die Frage: „Mögen Sie Berlin?“ Jodie sprach über ihren Blick aus dem Hotelzimmer auf die verregneten, vor Energie vibrierenden Straßen, diesen Blick, wenn man Jetlag hat. So erinnere ich mich jedenfalls, ich habe meinen persönlichen Wong-Kar-wai-Clip daraus gemacht.
„Pinguine in der Bronx“
Ich habe sie dann damals, weil mir zu „Anna und der König“ so wenige Fragen einfielen, einfach gelobt für „Home for the Holidays“, eine weise, witzige, weithin unbemerkt gebliebene Regiearbeit, und sie wurde rot. Eigentlich wollte ich auch noch das Vorwort loben, das sie für das zeitgleich zum Film erschienene Kochbuch geschrieben hat, aber es war genug.
Wahre Fans, hat Nick Hornby in „Fever Pitch“ so treffend festgestellt, brauchen die richtig miesen Spiele, denn bei den Siegen können ja alle dabeisein. Jeder liebt „Taxi Driver“ und „Das Schweigen der Lämmer“. Aber wer sitzt vor den Ausstrahlungen irgendeiner von den Privatfernsehgangstern verstümmelten Version von „Five Corners“, zumal mit dem deutschen Untertitel „Pinguine in der Bronx“, einem gemischten Werk der mittleren Periode, in dem Jodie die meiste Zeit des Films bewußtlos umhergetragen wird?
Jeder Film hat seine Momente
Wer erinnert sich an „Stealing Home“ mit seinen wirklich erhebenden Szenen am Strand, wo sie als älteres Mädchen aus der Nachbarschaft in einem kleinen Jungen die Lebenslust weckt, dann aber stirbt? Die meiste Zeit des Films ist sie tot, das macht aber nichts. Die Filme muß man, wie die Zivilisationsgeschichte Europas, in der longue durée sehen. Jeder hat seine Momente.
Sogar „Nell“. „Nell“, die Geschichte einer wilden Frau, die im Wald gefunden wird, war bislang der aussagekräftigste Test, um bloße Fans von Besessenen zu unterscheiden. Aber auch da: Die Szene, in der Nell das Popcorn entdeckt, wenige Minuten, sie ließen aufscheinen, was möglich ist: im Leben, in der Kunst. Mehr als einmal saß ich im Kino und schüttelte den Kopf, während das Publikum herzhaft lachte über das knapp verfehlte Pathos: Die Wiederbegegnung mit dem toten Vater in „Contact“ oder jetzt der Schluß von „Flightplan“. Aber das ist, da hat Nick Hornby recht, keine unangenehme Situation.
Sie ist „indifferent“
Warum Jodie? Es ist, weil man da immer mißverstanden wird, kein romantisches Interesse. Mehr eine Frage der Zeitgenossenschaft. Der Haltung. Ein Jahr, nachdem der Irre versucht hatte, den Präsidenten zu erschießen, veröffentlichte Jodie einen Essay in „Esquire“. Es ist eine etwas zu lang geratene, angenehm geschriebene Introspektion, eine Auseinandersetzung mit ihrem Leben, ihrem Beruf und dem Eigenleben, welches ihr Bild in den Köpfen der Zuschauer führt. Zuschauer denken, sie kennen die Frau auf der Leinwand, schreibt sie, so soll es ja auch sein: „Das ist Kunst. Das sind die Massenmedien.“ Kein Gejammer über den Preis des Ruhms, die Medien, die Fans, über Hollywood, obwohl sie genau beschreibt, wie sie gegen ihren Willen und oft ohne ihr Wissen verfolgt, beobachtet und fotografiert wird.
Jodie funktioniert in und mit den Medien. Sie eignet sie sich an, macht sie besser dadurch. Das macht einen großen Teil ihres Reizes aus: Sie ist, wie die Amerikaner sagen, „different“, mit ihrem hohen IQ, dem Studium in Yale, dem französischen Abitur, aber sie hat nichts gegen den Mainstream. Sie schwimmt mittendrin und pustet das Wasser übermütig in die Luft.
Jodie ist selber Jodie-Fan
Auch in diesem Jahr saß ich wieder in einer Hotelsuite, allerdings ohne Kollegin. Das sind sehr anstrengende Momente. Ich sollte Fragen zu „Flightplan“ stellen. Ich wies vorsichtig auf ein Detail hin, das mir unrealistisch erschien, da brach Jodie in hohes Gelächter aus: „Also wenn man mal anfängt nachzudenken, gibt's in dem Film eine ganze Menge, das nicht aufgeht.“ Es sei eben eine überhöhte Realität, die da gezeigt werde. Wir sprachen später auch über frühere Filme, über „Nell“: „Um Nell zu mögen, brauchten Sie schon ein sehr weit offenes Herz“, lachte sie. Jodie ist selber Jodie-Fan. Sonst weiß ich von dem Interview nicht mehr viel. Sie hatte mich beim Eintreten erkannt, nach fünf Jahren! Das hat meine Restkonzentration pulverisiert.
Vierzig Jahre ist Jodie nun im Geschäft. Der beste Text über sie ist längst geschrieben, 1978 von der Magazinreporterin Louise Farr. Dort steht: „All diese Interviewer wollen etwas von ihr. Ihr muß das ziemlich schräg vorkommen. Aber dieses vierzehnjährige Mädchen, das so viel Geld verdient und um die Welt fliegt, hat offenbar alles im Griff, während die anderen, die Journalisten, auch mit dreißig und vierzig Jahren so sind wie alle anderen Menschen, schwitzend, schleppend, hoffend, daß sich das Leben irgendwie fügt. Und sie wollen von ihr das Geheimnis des Lebens erfahren.“