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Schauspieler Ich bin gar nicht fett!

29.03.2005 ·  Als sie aufgrund ihres Körperumfangs keine Angebote mehr bekam, beschloß die Schauspielerin Kirstie Alley, Hollywood zu ärgern. Mit ihrer Serie „Fat Actress“ zieht sie in den Kampf gegen den Schlankheitswahn.

Von Nina Rehfeld, Phoenix
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„Hollywood“, sagt Kirstie Alley, „ist sehr nachsichtig mit Drogenabhängigen. Mit Männern, mit dicken Männern, mit herumhurenden Männern und mit Männern, die mit Drag-Queens ins Bett gehen. Aber Hollywood ist alles andere als nachsichtig mit Frauen, die es vermasseln.“ Und Kirstie Alley hat es richtig vermasselt.

Als die vormals erfolgreiche Schauspielerin aus der Comedyserie „Cheers“ und dem Kinofilm „Guck mal, wer da spricht“ ein paar Pfunde zulegte, war es aus mit den Rollen. Trotzig oder traurig fraß sich Alley immer mehr Speck an, und zuletzt war sie die Lieblingstitelfigur von Klatschblättern wie dem „National Enquirer“, der unter unvorteilhaften Nahaufnahmen ihrer Körpermasse titelte: „300 Pfund!“

Hollywood ärgern

Alley entschloß sich, Hollywood zu ärgern. Mit der Autorin Brenda Hampton entwarf sie das Konzept einer halbimprovisierten Semi-Reality-Show namens „Fat Actress“, in der eine übergewichtige Schauspielerin namens Kirstie Alley versucht, wieder ins Geschäft zu kommen. Als erste Verhandlungen über die Sendung mit dem „Six Feet Under“-Produzenten und Unterhaltungsschef des Bezahlsenders „Showtime“ Bob Greenblatt nur auf mäßige Begeisterung stießen, schickte Alley ihm zwei Dutzend Donuts und eine Notiz: „Wir machen euch eine fette Show.“ Greenblatt ging darauf ein. In einem Werbespot für die Sendung, in dem sie zu den Liedzeilen „I hope you got really fat“ herumtanzt, ließ er Alley am Ende frech den Finger emporrecken.

Seit drei Wochen ist „Fat Actress“ nun auf Sendung, und Alley schont in einem atemberaubenden Ritt durch den Tabuwald der Unterhaltungs- und Diätindustrien niemanden. „Ich brauche eine Diät“, sagt sie am Telefon zu einer schlanken Freundin, die als „Dinner“ soeben hauchdünne Kleenex-Streifen verspeist. „Wie wär's mit etwas Exotischem?“ antwortet die. „Zum Beispiel einem Parasiten?“ An anderer Stelle doziert ein Diätguru: „Wir bestehen aus Molekülen, und dazwischen befindet sich lauter leerer Raum, der von unseren Gedanken beherrscht wird. Für eine schmalere Form gilt es, kleiner zu denken“ Alley jubiliert: „Ich bin gar nicht fett, ich bin nur weit ausgebreitet!“

Diätwahn und Schlankheits-Shows

Mit einer Episode, in der ihr Gaststar Kelly Preston zur Bulimie rät, zog sich Alley gar den Zorn der National Eating Disorders Association zu. „Eßstörungen sind nicht witzig“, erboste sich die Vorsitzende Lynn Grefe. Und doch hält Kirstie Alley einer Nation, in der jeder Dritte als krankhaft übergewichtig gilt und die wie keine andere von Diät-Moden, Fettschwund-Pillen und Schlankheits-Shows besessen ist, bloß unbarmherzig den Spiegel vor die Nase.

NBC-Programmchef Jeff Zucker, der in einem Gastauftritt in der Serie - er spielt sich selbst - beim Anblick von Alleys vollem Umfang entsetzt die Augen aufreißt und sich hinterher bei ihrem Agenten darüber beschwert, sagte, er bedaure sehr, daß Alley mit der Show nicht zu ihm gekommen sei. Und die Zeitschrift „TV Guide“ schwärmte: „Fat Actress“ sei der moppelige Cousin zweiten Grades von „Sex and the City“. Tatsächlich schalteten bei der Premiere am 7. März fast eine Million Zuschauer ein, mehr als seit Jahren bei einer vergleichbaren Serie.

Zuschauerschwund von siebzig Prozent

In der zweiten Episode allerdings hatte die Pfundsproduktion deutlich an Gewicht verloren - mehr als siebzig Prozent Zuschauerschwund. Auch Alley selbst, die nach eigenen Angaben bei einer Größe von 1,70 Meter einundneunzig Kilo wog und Speck vor allem „unbequem“ findet, will während der Show bis zu sechzig Pfund abschütteln.

Dies und die Tatsache, daß sie im Dezember einen Vertrag als Sprecherin des Diätkonzerns Jenny Craig unterschrieb, nimmt der Sendung erheblich an Witz. Fans verübelten es ihr, daß die erste Folge, in der sie sich heulend auf dem Badezimmerfußboden wälzt und auf die frohe Kunde ihres Agenten, er habe einen Vertrag mit Jenny Craig für sie in Aussicht, kreischt: „Ich sterbe!“, überarbeitet wurde. Eine Sequenz mit einer unflätigen Schimpftirade Alleys auf den Konzern wurde nach Vertragsabschluß herausgeschnitten.

Es steht zu befürchten, daß hier doch nur eine weitere Unterhaltungsspielart des Schlankheitswahns zu beobachten ist. Und was macht Alley als dünne „Fat Actress“? Zentrales Thema der nächsten Staffel sei ihre Promiskuität, kündigt Alley an. Sie könnte es freilich, im garstigen Hollywood-Alter von 54, auch mit „Old Actress“ probieren.

Quelle: F.A.Z., 30.03.2005, Nr. 73 / Seite 38
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