18.12.2008 · Dass Samuel L. Jackson in drei Tagen sechzig wird, sieht man ihm nicht an. Er ist immer auf dem Sprung - auch als rassistischer Cop in „Lakeview Terrace“. Das sensible Sozialdrama entwickelt sich bald zu einem dramatischen Thriller.
Von Rüdiger SuchslandSamuel L. Jackson war immer schon ein Mann für das Schillernde, Doppelgesichtige. In „Lakeview Terrace“ spielt er einen alternden Cop aus dem nicht ohne Grund berüchtigten LAPD, dem „Los Angeles Police Department“. Korruption, Gewalt und Rassismus sind die Vergehen, und immer wieder wurden sie auch zum Thema von Romanen und Filmen - beim düsteren Los-Angeles-Seelenbiographen James Ellroy etwa, der zu Werken wie „L.A. Confidential“, „Dark Blue“ und zuletzt „Black Dahlia“ die Vorlage lieferte.
Dieses Ellroy-Country ist, zumindest in seinen besseren Momenten, auch das Terrain, in dem Neil LaButes neuer Film angesiedelt ist. Schon der Titel verweist auf eines der dunkelsten Kapitel der LAPD-Historie: „Lake View Terrace“ ist der Name jenes Viertels, in dem der Schwarze Rodney King 1992 von weißen Polizisten grundlos brutal zusammengeschlagen wurde - schwere Rassenunruhen waren die Folge. Das alles spielt unausgesprochen mit in diesem Film, der auf den ersten Blick ganz straight daherkommt, und coloriert sozusagen den Hintergrund dieses Thrillers über Gewalt und Rassismus.
Strenges Regiment
Die von Jackson gespielte Figur im Zentrum heißt ausgerechnet Abel, was man nach dem Film nur ironisch verstehen kann. Abel ist verwitwet und lebt mit seinem zwölfjährigen Sohn und seiner Teenager-Tochter in einem hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Viertel. Der alleinerziehende Vater führt zu Hause ein ziemlich strenges, konservatives Regiment - es kommt zu den üblichen Erziehungskonflikten, aber darüber hinaus liegt von Anfang an etwas Ungesundes, Unangenehmes in Abels Verhalten.
Eines Tages hat die Familie neue Nachbarn: Chris, der weiß ist, und seine schwarze Frau Lisa. Schnell wird spürbar: Abel mag die neuen Nachbarn nicht. Es dauert eine Weile, bis klar ist: Abel hat ein persönliches Problem mit gemischtrassigen Ehen. Bald beginnt der Ordnungsfanatiker Abel, seine Nachbarn zu terrorisieren, und der Konflikt eskaliert rasch.
Ein sezierender Blick
Besonders zu Beginn ist es bewundernswert, wie LaBute dieses Szenario entfaltet, das streckenweise wie von einem modernen Hitchcock anmutet. Nach seinem Debüt, der bitteren Yuppie-Abrechnung „In the Company of Men“ (1997), drehte er zunächst die sarkastische TV-Satire „Nurse Betty“ und dann das Remake des Horrorklassikers „The Wicker Man“. Etwas von alldem - ein sezierender Blick aufs Soziale, Lust an Satire und Horror - fließt auch in diese erste Stunde seines neuen Films hinein.
Mehr und mehr entwickelt sich das feinsinnige, sensible Sozialdrama dann aber zu einem dramatischen, gewalttätigen Thriller. Bestechend ist hier bis zuletzt die Rolle von Abels Kindern: Hin- und hergerissen zwischen Liebe und Loyalität für den Vater, mit Verständnis noch für seine Ausbrüche, schrecken sie doch vor seiner Strenge zurück, bis sein Verhalten völlig unakzeptabel wird. Besonders im Gesicht der jungen Regine Nehy, die hier als Tochter Celia einen wunderbaren Auftritt hat, kann man alle Facetten einer fundamentalen Irritation ablesen - und schon um dieses Auftritts willen muss man den Film mögen. Irgendwann ist dann klar, dass man es hier mit einem tiefverletzten Mann zu tun hat, der durch ein Trauma zum frustrierten, selbstmitleidigen Menschenhasser mutierte.
Es relativiert keineswegs die antirassistische Agenda, von der sich der Regisseur offensichtlich leiten ließ, dass hier ein Schwarzer als Rassist gezeigt wird. Lange funktioniert „Lakeview Terrace“ auch als ein subtiler Kommentar zum Rassismus im Alltag der Vereinigten Staaten - sowie zu den Exzessen einer oft überforderten Staatsgewalt, die hinter den Masken des Antiterrorkampfs der letzten Jahre noch zugenommen haben. Irgendwann übernehmen allerdings die Hollywood-Klischees immer mehr die Oberhand. Recht platt wird Abels Verhalten begründet, und die Art der Spannungsmache wird auch zunehmend primitiver. So bleibt von einem Film, der sehr gut beginnt, am Ende neben unbedingt sehenswerten Darstellerleistungen der etwas enttäuschende Eindruck, dass hier ein Film seine eigenen Chancen nicht wirklich genutzt hat.