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Veröffentlicht: 27.06.2016, 21:41 Uhr

Der verhinderte Kinosuperstar Einer wie Götz George verglüht in seinen Bildern

Vom „Schatz im Silbersee“ über den „Tatort“ und „Die Katze“ zum „Totmacher“: Ein Rückblick auf den Schauspieler Götz George.

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© WDR/ARD Degeto Anno 1966: Götz George mit Uschi Glas in der Karl-May-Verfilmung „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“.

Götz George war ein verhinderter deutscher Kinosuperstar. Er war das, was die Italiener mit Marcello Mastroianni und die Franzosen mit Yves Montand und Philippe Noiret hatten – ein Inbild nationaler Wesenszüge und zugleich ihre individuelle Brechung, ein Typus und doch eine eigensinnige, auratische Persönlichkeit. Er war es, und er war es nicht. Denn das Kino, so wie es in Deutschland funktioniert (oder besser: nicht funktioniert), gab ihm immer nur für kurze Zeit Gelegenheit, seine überwältigende Präsenz in seinen Rollen auszuspielen. Was er dort nicht bekam (obwohl er es mehr als alles andere gebraucht hätte), das fand er in seinen Fernsehrollen, vor allem im „Tatort“ und in der um seine Figur herum gestrickten „Schimanski“-Serie: Dauer, Verlässlichkeit, Kontinuität. Aber es genügt, sich an vier seiner Filme zu erinnern, um zu begreifen, was wir mit ihm verloren haben.

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In Harald Reinls „Schatz im Silbersee“ spielt der dreiundzwanzigjährige George den Rancher Fred Engel an der Seite von Lex Barker und Pierre Brice. Es ist, im Jahr 1962, der erste Karl-May-Film, der im Wilden Westen spielt, und George, mit blauen Augen und braunem Haar, ist der Inbegriff des reinen Toren im Reich der Cowboys, ein Parsifal mit Colt. Noch zweimal, in „Unter Geiern“ und „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“, wird er diesen Typus verkörpern, aber dann ist die Karl-May-Welle vorbei, und George findet keinen Anschluss an ein anderes Genre. Die siebziger Jahre sind beruflich seine dunkelste Zeit.

Ein Kommissar und Massenmörder Götz George im Kölner Hotel Savoy anlässlich eines F.A.Z.-Interviews im Juni 2013: Damals spielt er in einem Fernsehfilm seinen Vater, den berühmten Schauspieler Heinrich George. © Helmut Fricke Bilderstrecke 

Rainer Werner Fassbinder, dem sein körperbetontes Spiel eigentlich kongenial gewesen wäre, hat keinen Blick für ihn, auch die anderen Autorenfilmer gehen ihm aus dem Weg. Im „Tatort“ spielt er damals noch Verbrecher. Dann, 1977, der Neubeginn mit Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“. Die Geschichte des Auschwitz-Kommandanten Höß alias Franz Lang, dargestellt an Stationen aus seiner Biographie. Und George, der Raumgreifende, nimmt sich ganz zurück, lässt das Rätsel des Bösen aus seinem Schweigen aufsteigen. Dieser Franz Lang ist auf so unvergessliche Weise mittelmäßig, dass er zum Sinnbild einer ganzen Tätergeneration wird. Durch Kotullas Film verschafft sich George den Respekt der Filmkritik, die ihn bis dahin als „Vollblutschauspieler“ belächelt hat. Für ein paar Jahre ist er in beiden Welten, im Kino und im Fernsehen, ein Star.

George, der mimische Anarchist

Im Sommer 1987 dreht Dominik Graf mit ihm „Die Katze“. Inzwischen gibt es zwanzig Schimanski-„Tatorte“ und zwei auf die Fernsehfigur aufgepfropfte Kinofilme. Aber bei Graf steht George wieder auf der anderen Seite, und das steht ihm gut. Im dunklen Anzug, mit Sonnenbrille und Telefonhörer am Ohr, durch den er die Geiselnahme in einer Düsseldorfer Bank fernsteuert, ist er die Ikone der selbstverliebten und skrupellosen achtziger Jahre. Auch die Sexszene mit der von Gudrun Landgrebe gespielten Ehefrau des Filialleiters, mit der „Die Katze“ beginnt, zählt zu den besseren Erinnerungen der deutschen Filmgeschichte.

Wenn Probek, der Gangster, nicht am Ende sterben müsste, hätte man ihn gern vor der nächsten Großbank wiedergesehen. Denn das Berufsgeheimnis des aus den siebziger Jahren auferstandenen Karl-May-Darstellers Götz George besteht darin, dass er seine Rollen nicht mehr spielt. Er lebt sie. Als schwierig, launisch, anspruchsvoll schildern ihn seine Regisseure, aber keiner behauptet, er habe weniger als zweihundert Prozent gegeben. Während die Schauspielerei im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oft wie eine Form des Berufsbeamtentums wirkt, ist George der mimische Anarchist. Er macht seine Stunts selbst. Seine blauen Flecken sind nicht geschminkt. Sein Schimanski-Parka, seine Muffigkeit, seine Manierismen werden Teil des Lebensstils im Ruhrgebiet.

Ein Abschied im Zorn vom Kino

Und dann legt er all das wieder ab für den „Totmacher“. Für Romuald Karmakars Film frisst er den Massenmörder Haarmann in sich hinein und spuckt ihn als Gefühlsbündel wieder aus. Der Tanz aus dumpfem Brüten und jähen Ausbrüchen, Geflüster, Gebell und Geheul ist nur scheinbar ein Verhör, in Wahrheit ein Monolog. Dass er getötet hat, dutzendfach, wie ein Tier, will Haarmann nicht in den Kopf, und so agiert er es aus, er stellt seine Taten in den Raum, er beschwört sie. Kein Blut fließt, und doch bekommt jedes der Opfer seinen Auftritt. Vom Kampf als innerem Erlebnis hat ein Essay von Ernst Jünger geraunt. Georges Totmacher zeigt den Mord als inneres Spektakel.

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In seinen späten Jahren als Schauspieler fand Götz George, wonach er sich von Anfang an gesehnt haben mag: einen Regisseur, der bedingungslos an ihn glaubte. Aber so, wie George immer zu groß oder zu klein für das deutsche Kino war, hatte auch Helmut Dietl keinen festen Stand in der Branche. Als der eine für den anderen in „Zettl“ den sterbenden Bundeskanzler spielte, waren die großen Zeiten von „Rossini“ und „Schtonk!“ lange vorbei, und das spürte man. Es war ein Abschied im Zorn, und dieser Zorn verzerrte die Züge der Satire zum grinsenden Trauerspiel.

Einer wie er reitet nicht in den Sonnenuntergang. Er verglüht in seinen Bildern. Am 19. Juni ist Götz George gestorben. Er wurde 77 Jahre alt.

© dpa, reuters Trauer um Götz George
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