21.09.2007 · Die Grundlage des islamistischen Terrors sind Texte mit einer totalitären Binnenlogik. Zwei von ihnen kann jetzt im Kino hören, wer wissen will, was uns bedroht. Ein Gespräch mit Romuald Karmakar, dem Regisseur der „Hamburger Lektionen“.
Die Grundlage des islamistischen Terrors sind Texte mit einer totalitären Binnenlogik. Zwei von ihnen kann jetzt im Kino hören, wer wissen will, was uns bedroht. Ein Gespräch mit Romuald Karmakar, dem Regisseur der „Hamburger Lektionen“ (siehe auch: „Hamburger Lektionen“: Karmakars Film über den Hassprediger al-Fazazi).
Wie erklären Sie es sich, dass Ihr Film, den Sie bereits auf der Berlinale im vergangenen Jahr vorgestellt haben, erst jetzt ins Kino kommt? Trotz der Brisanz des Themas?
Es gab damals nur einige Anfragen aus Frankreich, aber den Verleihern dort war es dann doch zu schwierig, einen Film mit so viel deutschem Text in die französischen Kinos zu bringen. Bei der Berlinale und danach ist das Interesse von deutschen Verleihern komplett ausgeblieben.
Gestern ist der Film nun doch mit eineinhalbjähriger Verspätung im Kino angelaufen. Es gab in fünf deutschen Großstädten Vorpremieren, mit Diskussionen und Podiumsgesprächen. Wie waren denn da die Publikumsreaktionen?
Im deutschen Publikum erinnern sich offenbar noch einige an das „Himmler-Projekt“, jedenfalls wird die Form hier gar nicht als so schwierig empfunden. Im Ausland - das merkt man bei Vorführungen auf Festivals - ist diese Form schon ein Problem, weil solche Dokumentarfilme dort nicht existieren, wo einer einfach dasitzt und spricht. Aber unabhängig davon: Es sind immer nur wenige Leute, die der Film überhaupt interessiert. Man würde ja annehmen, dass aufgrund des Themas und des Aktualitätsbezugs viele Leute kommen, aber das ist im Moment nicht der Fall. Das ist ja auch eine Reaktion des Publikums - dass man eben nicht kommt.
Ich hatte bei der Vorführung in Frankfurt den Eindruck, dass es einigen Zuschauern unwohl war, als wollten sie in ihrem Integrationsbemühen größere Unterstützung von dem Film, zumindest aber ihre Liberalität nicht in Frage gestellt sehen. Dass der Film sie zwar beeindruckt, sie aber auf keinen Fall in den Verdacht kommen wollen, den Islam abzulehnen.
Da hatte ich ein interessantes Erlebnis in Wien. Da sagte eine Frau aus dem Publikum, sie finde die Predigten, die im Film verlesen werden, auch ganz furchtbar, aber sie wisse nicht genau, was sie damit machen und wie sie ihre Gefühle sortieren sollte. Damals war Wahlkampf in Österreich, bei dem die FPÖ mit dem Slogan „Dahaam statt Islam“ geworben hat. Für diese Zuschauerin war es ein Problem, den Inhalt der Predigten abzulehnen, ohne gleichzeitig in die Nähe der FPÖ gerückt zu werden. Ich fand das sehr symbolhaft für die Probleme, die viele haben: Wie kann man diese Predigten ablehnen, ohne sich politisch instrumentalisieren zu lassen. Ich glaube, wir sind so auf Integration bedacht, dass wir den Kern dessen, was uns bedroht, nicht wahrnehmen wollen. Wir wollen den Dialog mit dem Islam und lassen deswegen alles weg, was den Dialog bedrohen könnte. Deshalb habe ich das Gefühl, dass das Interesse an meinem Film, obwohl er jetzt ins Kino kommt, noch geringer ist als vor eineinhalb Jahren.
Das ist doch erstaunlich, wo wir gerade den Moscheenstreit haben, in Deutschland geplante Anschläge vereitelt wurden, bei denen ein Hassprediger aus Frankfurt im Hintergrund gewirkt haben soll. Das Interesse an den ideologischen Strukturen, die dahinterstehen, müsste doch eigentlich größer werden.
Das sollte man annehmen, aber es verhält sich gerade andersherum. Das ist ziemlich unheimlich. Ich habe das Gefühl, dass in dem Maße, in dem überall diese Probleme behandelt werden, sich der Eindruck einstellt, damit sei genug getan. Wenn überall Titelgeschichten, die irgendetwas mit Islamismus zu tun haben, erscheinen, muss man sich ja nicht mehr darum kümmern. Das scheint so die Haltung zu sein. Und dann beobachten wir noch etwas anderes: Jetzt gibt es Medien und sicher auch Zuschauer, die sagen, der Text, der ja aus dem Jahr 2000 stammt, sei zu alt. Als könne der Umgang mit Terrorismus nur funktionieren, wenn er aktueller ist als die letzte Nachricht. Das ist ein Argument, das man etwa im Umgang mit dem Nationalsozialismus nie anbringen würde. Aber es wird so getan, als sei der Umgang mit dem radikalen, gewaltbereiten Islam eigentlich eine News-Story - und eine News-Story funktioniert anders als das Kino.
In Ihrem Film sehen, hören und lernen wir also etwas, das uns zum Verständnis der augenblicklichen Situation und neuer Nachrichten hilfreich sein kann?
Absolut. Der Text stammt deutlich vor den Anschlägen des 11. September 2001, das ist doch das eigentlich Interessante. Dass heute Ähnliches, wie in diesem Text, immer noch gesagt wird, ist anzunehmen. Wenn man sich mit den Texten von Sayyid Qutb aus den fünfziger Jahren beschäftigt, einem der Vordenker von Fazazi, sieht man, wie stark da die Ähnlichkeiten sind. Die Schriften des fundamentalistischen Islamismus beziehen sich doch aufeinander, die Texte altern also nicht. Beinahe wirkt es so, als herrsche hier die Meinung, der gewaltbereite Islam habe gar keinen Hintergrund, sondern sei Teil einer sich immer nur nach vorne bewegenden Nachrichtenmaschine. Glasgow, Österreich, Sauerland, nächste Woche wieder woanders - das ist der Umgang mit dem Islam. Aber die Schriften, die dem zugrunde liegen, von Qutb, Ibn Taimiya, Zawahiri, sind gar nicht Teil dieses Diskurses. Dadurch entkoppelt sich das Ganze voneinander - als wollten wir gar nicht mehr wissen, wo der Kern der Bedrohung liegt, dem wir ja ausgesetzt sind. Das erzeugt wahrscheinlich auch das Unbehagen, dass ein Dokument, das den Kern der Bedrohung als ein zu verstehendes und zu durchschauendes Gedankengebäude präsentiert, etwas ist, das wir gar nicht haben wollen.
Der Film macht unmissverständlich klar, dass es sich um eine ganz spezifische Situation handelt - eine bestimmte Moschee in Hamburg, einen bestimmten Prediger, eine bestimmte Zeit am Ende des Ramadan. Dennoch muss es doch irgendetwas geben, dass verallgemeinerbar ist daran?
Es ist sehr gefährlich, das so zu sagen. Ich würde lieber kleine Schritte gehen. Der Film ist ein Angebot, erst mal einen kleinen Schritt zu gehen. Es gibt ja zum Beispiel diesen eingeführten Begriff der Hasspredigt, unter dem sich auch jeder etwas vorstellen kann. Aber woraus setzt sich eigentlich eine Hasspredigt zusammen, was sind Merkmale einer Hasspredigt, wie konstituiert sich das? Hier hat der Zuschauer jetzt die Möglichkeit, den Inhalt dieses Begriffs einmal zu überprüfen und zu überlegen, ob der Begriff überhaupt präzise ist. Oder er kann nachvollziehen, dass es eine innere Logik gibt in der Argumentation, die, von außen betrachtet, vielleicht als „wahnhaft“ bezeichnet werden kann, die aber in sich schlüssig aufgebaut ist.
Ist das Verallgemeinerbare in diesen Predigten ihre totalitäre Struktur? Dass man nicht aus dem Film kommt und sagt: So wird in Moscheen gepredigt. Sondern: So funktioniert totalitäres Denken?
Es ist schon wichtig, sich darüber klar zu sein, dass so, wie wir es im Film hören, zu diesem bestimmten Zeitpunkt an diesem bestimmten Ort geredet und gedacht wurde. Vieles, was Fazazi da sagt, ist wohl etwas, was andere salafistische, die Gewalt nicht ausschließende Imame auch sagen. Über den Islam hinaus kann man allerdings in diesen Reden rhetorische Strukturen erkennen, die uns nicht fremd sind, wenn wir in unsere eigene Geschichte blicken und Bezüge herstellen zu radikalen Bewegungen in unserer Geschichte. Da gibt es etwa den Absolutheitsanspruch, der typisch ist, der Anspruch, absolut recht zu haben. Dann diese Selbstermächtigung: sich selbst als jemanden zu sehen, der ermächtigt ist, eine schwierige Aufgabe, die für die Allgemeinheit wichtig sein soll, zu leisten und dafür auch mörderische Entscheidungen zu treffen. Das Elitebewusstsein. Das Handeln als Träger der Geschichte.
Gibt es da Verbindungen zu Ihrem „Himmler-Projekt“, der formal ganz ähnlich aufgebauten Dokumentation der Posener Rede, die Himmler 1943 vor der SS gehalten hat?
Absolut, ganz sicher. Himmler thematisiert an einer Stelle ganz deutlich, dass nur die SS die schwierige Aufgabe der Judenvernichtung erfüllen konnte, ohne dabei korrumpiert worden zu sein, das heißt: Sie konnte diese Aufgabe erfüllen, und sie allein ist dabei „anständig“ geblieben. Andere haben diese Aufgabe zwar auch erfüllt, wurden dabei aber korrumpiert und haben die Pelze der Ermordeten geklaut zum Beispiel. Wie wir wissen, entspricht das nicht der historischen Wahrheit. An einer anderen Stelle sagt er, dass nur die SS die Fähigkeit hat, die Grenze am Ural zu sichern. Dann steigert er die Attraktivität dieser Utopie und sagt, dass niemand ihnen diese Position streitig machen wird. Und prompt sagt ein Zuhörer: Jawohl, so ist es! Wie die Zuhörer von Fazazi, die auch immer wieder bekräftigen, was er sagt.