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„Roman J. Israel, Esq“ im Kino : Hauptsache, der Anzug sitzt

  • -Aktualisiert am

Dieser Anwalt wird sich von der Justiz nicht einschüchtern lassen: Denzel Washington als Roman J. Israel Bild: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH/dpa

Die Geschichte eines spektakulären Comebacks: In „Roman J. Israel, Esq.“ macht Denzel Washington seine eigenen breiten Schultern zum Ausgangspunkt einer individuellen Fallhöhe.

          Der Rechtsanwalt Roman J. Israel sucht eine neue Arbeit. Er ist dafür nicht in der idealen Verfassung: Seinem Anzug ist nicht anzusehen, ob er vom Flohmarkt kommt oder einfach über die Jahre in Konflikt mit der Gestalt seines Trägers gekommen ist. Das unvorteilhafte Brillenmodell erinnert an die siebziger Jahre. Und dann ist da noch sein Afro, der von einem unbekannten Meister in eine eigenwillige Form gebracht wurde. Das alles trägt zu einem zweifelhaften ersten Eindruck bei, den man von Roman bekommen könnte, und da hat er noch gar nicht den Mund aufgemacht, hat also noch nichts von seinem verhuschten Gemurmel von sich gegeben, mit dem er einer Frau bei einer Hilfsorganisation „for civil advocacy“ beibringen möchte, dass er sich zu dieser Arbeit berufen fühlt. Und er hat ja auch recht. Er ist tatsächlich ein Veteran des juristischen Flügels der Bürgerrechtsbewegung. Wenn es um Verbrechen und Strafe geht, sind die Klienten sehr oft schwarz – wie Roman J. Israel auch.

          Es findet sich dann doch noch eine Stelle für ihn. Eine große Kanzlei nimmt ihn auf, nun kann er den Berufstitel „Esquire“, auf den er so großen Wert legt, wieder stolz tragen. Dass er diese Lösung den Verbindungen seines Geschäftspartners verdankt, der nach einem Herzinfarkt im Koma liegt, tut für den Moment nichts zur Sache. Aber unter den Erfolgstypen in der Kanzlei (dass die meisten weiß sind, bedarf kaum einer eigenen Erwähnung) sticht Israel nur noch stärker heraus. Vor allem an dem Tag, an dem er einen Ratschlag seines neuen Chefs beherzigt: Er solle doch einmal einen anderen Anzug anziehen. Roman findet einen im Schrank. Der Anzug ist violett und weiß von „slim fit“ ungefähr so viel wie sein Träger von den neueren Sitten in Downtown Los Angeles.

          An der Grenze des Erlaubten

          Eine Geschichte wie die von „Roman J. Israel, Esq.“, wie sie Dan Gilroy erzählt, dient in Hollywood üblicherweise als Ausgangspunkt für ein spektakuläres Comeback. In diesem Fall verhält sich die Sache allerdings ein bisschen komplizierter, denn die Schwierigkeiten des Helden sind doch sehr grundsätzlich. Es bleibt dabei ein wenig unklar, ob Israel an einer Krankheit leidet oder ob er im Lauf der Jahre einfach ein Sonderling geworden ist. Die Kameraarbeit – die zu den auffälligsten Qualitäten des Films zählt – legt mehrfach nahe, dass wir es hier mit einem tendenziellen Autisten zu tun haben, der aus der Welt zu kippen droht. So verbinden sich hier wohl innere und äußere Bedingungen in einer Figur, mit der Denzel Washington seinem Image völlig neue Dimensionen verleiht. Die Verwandlungen des Roman J. Israel verlangen ihm Komplexitäten ab, bei denen es noch darauf ankommt, dass man sie nicht zu offensichtlich erscheinen lässt.

          Gilroy zielt mit seinem Drehbuch offensichtlich auf einen Schwierigen, in dessen Verhalten sich komplizierte Kompensationsmechanismen zu erkennen geben. Die vielen Jahre, die Roman J. Israel mehr oder weniger unerkannt in einem Hinterzimmer zugebracht hat, während sein Partner die Plädoyers in den Gerichtssälen hielt, will er in raschen Schritten aufholen. Er nimmt sich eine teure Wohnung, beschafft sich das Geld dafür auf eine Weise, die mit den Regeln seines Berufs nicht vereinbar ist. Damit ist er im Grunde geliefert, und die Frage ist nur noch, wie es Gilroy gelingen wird, diese Figur doch ins Positive zu wenden. Der Schlüssel dazu liegt in dem Koffer, den Roman J. Israel die ganze Zeit mit sich herumträgt. Er enthält Papiere, die zu einem bedeutenden Präzedenzfall beitragen sollen. Denn über Jahre hat Israel kontinuierlich Material gesammelt, in dem es um die juristische Verfahrensordnung insgesamt geht, das große, oft abgekartete Spiel auf dem Rücken der Angeklagten.

          Dan Gilroy ist bisher vor allem als Drehbuchautor für Blockbuster-Material (etwa „Kong: Skull Island“) bekannt. Vor vier Jahren führte er bei „Nightcrawler“ erstmals Regie, und diesem atmosphärisch starken L.A.-Thriller mit Jake Gyllenhaal als durchgeknallter Sensationsreporter ist es wohl zu verdanken, dass Gilroy sich am nicht ganz einfachen Projekt „Roman J. Israel, Esq.“ versuchen konnte. Die eine oder andere dramaturgische Schwierigkeit ist dem Film immer noch anzusehen, dabei kommt nun ohnehin schon eine andere Schnittfassung ins Kino als die, die 2017 in Toronto durchgefallen war.

          Sowohl Roman Israel wie auch sein Darsteller Washington müssen in diesem Film die geläufigen Außenseiterlogiken hinter sich lassen, so dass der rehabilitierende Triumph, der zum Schema gehört, eine fast schon dialektische Qualität bekommt. „Wir stehen auf seinen Schultern“, sagt eine Frau an einer Stelle über Israel. Denzel Washington schafft das Kunststück, seine eigenen breiten Schultern zum Ausgangspunkt für eine individuelle Fallhöhe zu machen, die er mit allen Mitteln der Schauspielkunst durchmisst – brillant und übertrieben, penetrant und schmerzhaft, in Summe dann doch unvergesslich.

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