08.02.2005 · Er ist einer der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands und Hollywoods, im Wettbewerb eines Festivals aber war noch kein Film von ihm zu sehen. Nun sitzt Roland Emmerich der Berlinale-Jury vor.
Von Verena LuekenScience-fiction sei seine Sache, in dreihundert Jahren zu leben seine Wunschvorstellung, hat der Regisseur und Produzent Roland Emmerich wiederholt gesagt. Die meisten seiner Filme, vom frühen „Arche Noah Prinzip“ bis zum vorerst letzten, „The Day After Tomorrow“, spielen entsprechend irgendwann in einer fernen Zeit.
In der nächsten Zukunft aber, wenn Emmerich als Vorsitzender der Internationalen Jury die Filme des Wettbewerbs der Berlinale beurteilen wird, muß er von seinem Traum wie seinem Lieblingsgenre lassen. Sex sei das Thema in diesem Jahr, ließ sich der Berlinale-Chef Kosslick vernehmen. Bei Emmerich kam dieses Thema bisher nicht vor. Spekulationen über seine Einschätzung einzelner Filme wären daher bodenlos. Und wir können nicht wollen, daß die Entscheidung der Jury, die er am Ende des Festivals bekanntgeben wird, uns Auskunft über etwas gibt, das wir bisher nicht zu fragen wagten.
Geboren in Sindelfingen
Weil er ein Marketingkünstler ist, wissen wir über Roland Emmerich einiges: daß er 1955 geboren wurde als Sohn eines Unternehmerehepaars in Sindelfingen, das ihm seine ersten Filme finanzierte und heute gern mit Journalisten über den erfolgreichen Sohn plaudert, und daß er neben Wolfgang Petersen der einzige deutsche Regisseur ist, der in Hollywood langfristig Karriere machen konnte; daß er mit „Independence Day“ und dem darin inszenierten Angriff von Außerirdischen aufs Weiße Haus 1996 einen der erfolgreichsten Filme aller Zeiten drehte; daß er aus Leidenschaft „Godzilla“ wieder zum Leben erweckte, sich bei den Amerikanern ein wenig einschmeicheln wollte, indem er einen kämpferischen „Patriot“ im Bürgerkrieg zum Helden machte, und daß er New York im Eisschock erstarren ließ und es damit schaffte, das Thema für dickleibige Titelgeschichten, wissenschaftliche Fernsehsendungen und Symposien zu setzen.
Außerdem wissen wir, daß der Geschmack des Publikums Emmerichs ästhetischer Maßstab ist und nicht etwa die Vorlieben von Festivalleitern, was dazu führte, daß bisher einzig „Godzilla“ einmal auf einem Filmfestival zu sehen war, 1998 in Cannes, aber außer Konkurrenz und als crowd pleaser zum Schluß. Für diesen bescheidenen künstlerischen Ehrgeiz sehen Emmerichs Filme, vor allem sein jüngster, „Der Tag danach“, phantastisch aus.
Er hat keine Handschrift
Über sein Verhältnis zum Sex wissen wir nichts, was nicht betrüblich, für Hollywood aber ungewöhnlich ist. Vor allem aber wissen wir nichts über seinen Stil. Denn als Zuschauer wäre es nahezu unmöglich, einen Emmerich-Film zu identifizieren, käme je einer ohne Vorberichterstattung in die Kinos. Das Besondere an Emmerich ist keine Handschrift.
Das Besondere an ihm ist, daß er für 100 Millionen Dollar drehen kann, was bei Kollegen, die 130 Millionen zur Verfügung haben, nicht wesentlich anders aussieht. Neben seinem Akzent (und seiner Schwester, die seine Geschäftspartnerin ist) hat er aus Schwaben die Sparsamkeit an den Pazifik mitgenommen. Was er von dort nach Berlin zurückbringt, läßt sich noch nicht sagen. Wahrscheinlich hat es mit Sex nichts zu tun und mit Stil wohl auch nicht.