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Ridley Scott „Gebt mir ein Drehbuch, und ich mache euch einen Cowboyfilm“

05.05.2005 ·  Jerusalem ist verloren, aber wir bringen es ins Kino zurück: Ein Gespräch mit dem Regisseur Ridley Scott über Zeitreisen, Happy-Ends und seinen neuen Film "Königreich der Himmel", der alle bisherigen Ritterfilme an Opulenz überbieten will.

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Zwischen Science-fiction ("Blade Runner") und Kriegsfilm ("Black Hawk Down") gibt es kaum ein Genre, in dem der in Hollywood ansässige Brite Ridley Scott nicht mit großem Erfolg gearbeitet hat. An diesem Donnerstag kommt nun sein Kreuzritter-Epos "Königreich der Himmel" in die Kinos, ein Film, der alle bisherigen Rittergeschichten des Kinos an Opulenz überbieten will. Wir haben mit Ridley Scott in Hamburg gesprochen.

Sie haben gesagt, "Königreich der Himmel" solle vor allem ein Publikumsfilm sein - was haben Sie persönlich denn von dieser Reise ins zwölfte Jahrhundert gehabt?

Ich lerne aus jedem Film eine Menge, vor allem dann, wenn aufwendige historische Recherchen erforderlich sind. Es gibt jedes Mal eine Lernkurve: Man glaubt, schon einiges zu wissen, dann muß man feststellen, daß man eigentlich gar keine Ahnung hat. Es entwickelt sich etwas, und das ist gut. Das klingt jetzt sehr amerikanisch und gar nicht britisch (lacht). Aber ich liebe diesen Prozeß der Recherche, die Diskussionen mit dem Autor, auch wenn das die härteste Phase ist, das Material gemeinsam zu einem Drehbuch zu entwickeln - erst recht, wenn man mit vier verschiedenen Autoren arbeitet. Es ist wie ein Schmelztiegel von Ideen, aus dem man zu einer Struktur findet, zu den Charakteren. Wenn man einen historischen Film macht, was wahrscheinlich mein Lieblingsgenre ist, schaut man zurück in die Zeit, man sieht Dinge, die sich ständig zu wiederholen scheinen.

Und man erfährt in der Zeit der Kreuzzüge vermutlich auch eine Menge über die Welt von heute, über ihre Vorgeschichte.

Das ist unausweichlich. Wenn man das nicht glaubt, zur Hölle damit, aber es ist einfach so.

Sie haben Ihren Film, wie schon so oft, um eine Heldenfigur konstruiert, die zwischen Gut und Böse wählen muß...

...es ist leicht, darüber zynisch zu reden. Aber warum soll man das nicht ernst nehmen? Ich bin Agnostiker. Aber der fundamentale Glaube und die Macht der Religion sind etwas Faszinierendes, und in "Königreich der Himmel" geht es genau um diese absoluten Fragen.

Identifizieren Sie sich dabei mit ihren jeweiligen Protagonisten, liegt darin vielleicht das Verbindungsglied zwischen Ihren Filmen, die so verschiedene Sujets haben?

Man identifiziert sich schon ein Stück, ob man will oder nicht, man muß den richtigen Fokus finden. Ich zeichne auch noch immer Storyboards, zum Teil noch morgens, wenn ich im Auto sitze und zum Drehort gefahren werde. Das ist eine Art Notierung, wie in der Musik, man kümmert sich um den Feinschliff. Vorher hat man wahnsinnig viel Zeit in die Stoffentwicklung gesteckt, in die Drehortsuche, in die Besetzung, in Kostüme und Musik, und nun steigt man endlich richtig ein, also konzentriert man sich jetzt besser auf das, was man konkret zu tun hat. Für mich ist das so, als wenn man die Abdeckung von der Kameralinse nimmt.

Stammt die Angewohnheit, detaillierte Storyboards zu zeichnen, noch aus der Zeit, als Sie Werbefilme gedreht haben?

Geschichtenerzählen ist für mich grundsätzlich bildhaft, ich denke in Bildern. Ich wünschte manchmal, ich könnte in Worten denken, aber ich kann nicht schreiben wie die Autoren, die ich verpflichte. Ich würde nicht mal im Traum daran denken, mit ihnen zu konkurrieren. Ein guter Autor oder auch ein Schauspieler ist immer auch ein Kritiker der Vorstellungen, die man sich selber gemacht hat.

Gibt es für "Königreich der Himmel" denn so etwas wie eine Initialzündung, ein Bild, von dem Sie ausgegangen sind?

Nein, nur ein Gefühl, ein Gespür für die Geschichte, wenn man sich ein Gebäude aus dem zwölften Jahrhundert genau ansieht und überlegt, wie man es wieder ins Leben zurückbringt. Das ist der ganze Trick.

Als Sie Ihren ersten Film "The Duellists" drehten, hatten Sie sich da vorgenommen, auf jeden Fall einen historischen Stoff zu nehmen?

Nein. Damals hatten mein Bruder Tony und ich gerade unsere Firma gegründet. Dann haben wir eine Münze geworfen, wer als erster einen Film macht. Tony hat gewonnen. Als ich dran war, habe ich mir "The Duellists" vorgenommen, ein Projekt, das auf einer Kurzgeschichte von Joseph Conrad beruht. Es passierte einfach so.

Wenn man sich ansieht, was Sie alles gemacht haben, fragt man sich: Wie kommt einer vom "Blade Runner" zu "White Squall", von "Thelma und Louise" zum "Königreich der Himmel"?

Der Plan ist, daß es keinen Plan gibt. Das ist wie bei einem Maler. Ein Maler hat einen Stil, so wie Francis Bacon oder Lucian Freud. Manche fühlen sich eben eher zu Porträts hingezogen. Oder denken Sie an David Hockney. Als er anfing, Polaroids zu machen, hat er gesagt, Zeichnen sei ihm zu langsam, obwohl er ein wunderbarer Zeichner ist. Sein neues Werk wiederum ist völlig verschieden von seinen früheren Arbeiten. Aber er könnte nicht hier ankommen, ohne vorher dort gewesen zu sein. Wenn man zu mir sagte: Geben Sie mir den Plan, und ich hätte einen, dann würde mich das langweilen, und ich würde sofort die Richtung ändern. Ich mag es, mich von einem Punkt zum anderen zu bewegen, immer zu dem, was mich interessiert. Zur Zeit habe ich fünf Projekte in verschiedenen Entwicklungsstufen, und das ist gut so.

Sie gehören zu den Regisseuren, die für Happy-Endings nicht gerade viel übrig haben. Wie kommen Sie damit durch?

Es geht einfach um Akkuratheit. Jerusalem ist verloren, das ist nun mal Geschichte. Interessant ist doch, daß wir diesen Zeitpunkt gewählt haben, als es mit Saladin einen Sarazenenherrscher gab, der Jerusalem schon früher hätte einnehmen können, wenn er es gewollt hätte. Daß er es nicht getan hat, hat viele Gründe. Einer mag die Toleranz von Balduin, dem König von Jerusalem, gewesen sein, der eine Politik der offenen Stadt praktizierte. Die verschiedenen Religionen konnten dort koexistieren, was den Papst nervte, der sagte: Ihr vergeßt, warum ihr da seid.

Wie überzeugen Sie die Studios von Ihrer Sicht der Dinge?

Noch einmal, es geht um ein angemessenes Ende, nicht um die Frage glücklich oder nicht. Natürlich gibt es immer Verhandlungen, das hatte ich schon bei "Thelma und Louise", wo es noch offenkundiger war. Können Sie nicht mal über einen anderen Schluß nachdenken? hat man mich gefragt. Finden Sie das nicht deprimierend? Ich fand meinen Schluß sehr erhebend. Sollten wir etwa eine große Schießerei veranstalten oder die Frauen verhaften und für fünfzehn Jahre einsperren? Sollten Sie einfach weiterfahren? In meinem Schluß steckt Optimismus: Alles, wofür diese beiden Frauen stehen, wäre doch den Bach runtergegangen, wenn sie sich ergeben hätten.

Suchen Sie gezielt nach Geschichten, die sich nicht zu einem konventionellen Ende bringen lassen?

Ich suche nicht direkt danach, ich schaue einfach so auf die Welt. Wenn ich hier in Hamburg aus dem Fenster gucke und sage: Heute ist ein toller Tag, werden die meisten Leute entgegnen: Es ist doch furchtbar grau, und dann erwidere ich: Auf Film sieht das aber toll aus.

Gibt es ein Projekt, von dem Sie sagen würden, es sei derzeit noch zu groß für Sie?

Man ist nie in der Lage, alles zu tun, was man will. Man muß immer erst ein geeignetes Material haben und ein gutes Drehbuch daraus entwickeln. Das ist das Allerwichtigste. Ich würde nie bei einem Studio anrufen und sagen: "Hey, ich will jetzt einen Cowboyfilm machen." Bevor ich nicht ein Drehbuch habe, würde ich nie zum Telefon greifen.

Der Perfektionismus, mit dem Sie nicht nur an historische Sujets herangehen, erinnert an Stanley Kubrick.

Das ehrt mich, ich bin ein großer Bewunderer Kubricks. Er hatte immer eine phantastische Einfachheit in seinen Lösungen. Es ist einfach schade, daß er nicht mehr Filme gedreht hat. Er hat sich hingesetzt, darüber nachgedacht, was die definitive Illustration des Krieges ist, und dann hat er "Wege zum Ruhm" gemacht, ein perfektes Beispiel für Verrücktheit und Wahn. Und mit Hal einen Computer zum Star von "2001" gemacht zu haben, das war einfach bahnbrechend.

Würden Sie denn einen Napoleon-Film machen wollen?

Warum nicht?

Sie sind in den fünfziger Jahren aufgewachsen, als das Kino mit monumentalen Formaten gegen das Fernsehen kämpfte. Liegt in diesem "bigger than life" eine Faszination, die Sie bis heute nicht losgelassen hat?

Ja, unbedingt. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, ins Kino zu gehen. Ich habe zehn Schulen besucht, weil mein Vater in der Army war und wir dauernd umgezogen sind. Ich war verwirrt, ruhelos, aber nie zornig. Ich habe auch viel gezeichnet zwischen meinem sechsten und achtzehnten Lebensjahr, und schließlich wollte ich auf die Kunsthochschule, weil mich der akademische Betrieb genervt hat. Mein Hunger nach Filmen war maßlos. Ich bin viermal pro Woche ins Kino gegangen, wenn ich das Geld hatte. In den Collegejahren habe ich dann Cassavetes' "Shadows", die Filme von Bergman, Kurosawa, Michael Powell oder David Lean gesehen, es gab ja damals keine Filmschulen. Und in dieser Zeit blieb mein Blick immer wieder an dem Titel "Art Director" hängen: Das wollte ich werden, und ich dachte mir, wenn ich erst mal Art Director bin, dann bin ich nur noch drei Schritte vom Regisseur entfernt.

Das Gespräch führten Andreas Kilb und Peter Körte.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 39
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