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„Battle of the Sexes“ im Kino : Der Schläger und die Schlägerin

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Hier werden keine Doppelfehler gemacht: Marilyn Barnett (Andrea Riseborough, l.) und Billie Jean King (Emma Stone) verstehen sich bestens. Bild: AP

In ihrem legendären Match gegen Bobby Riggs kämpfte die Tennisspielerin Billie Jean King 1973 um mehr Gleichberechtigung. Nun widmet sich das Kino dem historischen Spiel – mit einer ganzen Reihe von tollen Darstellern.

          Beim Tennis gibt es zwei Arten von Spielen: die, bei denen es um etwas geht, und die anderen, die vor allem für die Show gespielt werden, man nennt Letzteres „Exhibition“. Der Film „Battle of the Sexes“ von Jonathan Dayton und Valerie Faris erzählt von einer Exhibition, bei der es um sehr viel mehr ging als nur um Tennis. Am 20. September 1973 spielte der damals 55 Jahre alte ehemalige Wimbledon-Sieger Bobby Riggs gegen Billie Jean King, zu diesem Zeitpunkt, kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag, wohl die beste Tennisspielerin der Welt, in einem Schaukampf um die Gleichberechtigung. Das Ergebnis ist bekannt, die Umstände sind Folklore. Reicht das als Ausgangspunkt für einen guten Film?

          Jonathan Dayton und Valerie Faris hatten 2006 mit „Little Miss Sunshine“ einen Riesenhit, ihre eigentliche Domäne aber ist das Musikvideo. „Battle of the Sexes“ beruht auf einem Drehbuch des Engländers Simon Beaufoy („The Full Monty“). Attraktiv ist das Thema nicht zuletzt, weil es auch eine Zeitreise mit sich bringt: in die frühen siebziger Jahre, als die Sitten in vielerlei Hinsicht noch andere waren, vor allem aber die Frisuren. Haare sind ein wichtiges Thema in „Battle of the Sexes“, denn es zeigt sich, dass King gegen Riggs auch ein Spiel zwischen einer Vertreterin des zart behaarten Geschlechts gegen einen des stark behaarten ist. Dass damals fast jeder Mann aussah wie ein Pornodarsteller, ist aber eine historische Verzerrung, zu der nicht zuletzt der Film „Boogie Nights“ beitrug.

          Die Geschichte beginnt mit einer Trennung. 1970 verließ eine Gruppe von Spielerinnen den bisherigen Betrieb und gründeten die Women’s Tennis Association (WTA). Hauptsponsor wurde bezeichnenderweise eine Zigarettenmarke, deren „schlankes“ Produkt auch eine Menge mit Geschlechterstereotypen zu tun hat. Die WTA-Gruppe wollte es sich nicht länger bieten lassen, dass die Preisgelder für Frauen deutlich niedriger waren als die für Männer – ein Ausdruck „natürlicher“ Unterschiede, wie Jack Kramer meinte, der misogyne Chef des amerikanischen Tennisbetriebs. Bill Pullman spielt Kramer mit dieser jovialen Herablassung, die einen sofort in Stimmung bringt: diesem Macho wird der Film es aber hoffentlich zeigen! Und das tut „Battle of the Sexes“ dann auch, und zwar so wirkungsvoll, dass man beinahe übersehen könnte, dass die Schlachten von damals zwar geschlagen, aber die Gewinne niemals sicher sind.

          Riggs mysteriöse Niederlage

          Billie Jean King trat damals gerade aus dem Schatten von Margaret Court. Sie spielte mit Brille, ein Umstand, der inzwischen kaum mehr denkbar erscheint. In der heutigen populären Kultur ist eine Brille ein Ausweis für Nerds, und man sieht etwas von diesem Charakteristikum in der Besetzung der Hauptrolle von „Battle of the Sexes“: Emma Stone („La La Land“) ist herausragend als Billie Jean King, weil sie von Beginn an einer eigenen Welt anzugehören scheint, vereinnahmbar weder durch ihren blonden Mustergatten Larry (Austin Stowell) noch durch die Managerin Glady Heldman (sehr seriös gespielt von der Komikerin Sarah Silverman). Ihre Singularität hat mit ihrer Sexualität zu tun: Billie Jean King ist lesbisch, kam damals aber gerade erst einmal für sich selbst „heraus“ (mit ihrer Frisörin Marilyn, gespielt von Andrea Riseborough). Margaret Court (Jessica McNamee), die sich zwischendurch schon einmal eine Familienauszeit genommen hatte, bildet auch in dieser Hinsicht den Gegenpol zu der WTA-Gruppe mit ihrer Aura von Ungebundenheit und Tourneelibertinage. Der eigentliche Vertreter des in jeder Hinsicht alten Regimes ist aber natürlich Bobby Riggs, auch er exzellent besetzt: Steve Carell erinnert in „Battle of the Sexes“ am ehesten an seine Rolle als Magnatenerbe in „Foxcatcher“. Als Bobby Riggs gibt er eine großartige Interpretation des Übergangs von etwas, was vielleicht einmal Gentleman-Tennis war, in eine Ära des hemmungslosen Showbiz. Dayton und Faris tragen dabei sicher auch ein bisschen dick auf, wenn sie Riggs immer wieder beinahe mit seinen Selbstinszenierungen identisch werden lassen – als Reserve-Hugh-Hefner, der mit Schönheiten am Pool trainiert und der seiner männlichen Dominanz de facto mit Doping nachzuhelfen versucht. Das private (Doppel-)Leben von Riggs spiegelt in mancherlei Hinsicht das von Billie Jean King.

          An das letzte Geheimnis dieser Exhibition mag der Film dann aber doch nicht zu deutlich rühren. Dass für Riggs mit einer Niederlage vielleicht mehr zu holen war, dass es im „Kampf der Geschlechter“ um etwas anderes geht als um eine nur scheinbar faire Auseinandersetzung über ungleiche Voraussetzungen, ist ohnehin mehr als deutlich. Eine groteske Marionette der Produktkulturen verlor schließlich gegen eine Frau, die auf dem Weg zu sich selbst war – das ist immer noch die Mythologie, auf die sich Hollywood am liebsten einlässt, und dank einer ganzen Reihe von tollen Darstellern wird „Battle of the Sexes“ ein sehr vergnügliches Exempel dafür.

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