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Jiddischer Kinofilm „Menashe“ : Die Sprache ist die Diva

  • -Aktualisiert am

Menashe Lustig und Ruben Niborski in Joshua Weinsteins Kinofilm Bild: Wehkamp Photography

Die jüdische ultraorthodoxe Gemeinde New Yorks ist eine Subkultur voller Mysterien. Der Dokumentarfilmer Joshua Weinstein hat mit seinem Werk „Menashe“ nun einen cineastischen Sprung in die chassidische Wirklichkeit gewagt.

          Die ultraorthodoxen Enklaven in New York stehen zur Zeit wieder unter Beschuss. Die absolute, sich keinen Deut um Aufklärung, Emanzipation und politische Korrektheit kümmernde Selbstgewissheit, mit der die Chassiden im Zentrum der urbanen Modernität unter dem Diktat antiker Handlungsvorschriften leben wie im Polen des achtzehnten Jahrhunderts, irritiert progressive Bekehrer heute noch genauso wie vor zwei-, drei- oder vierhundert Jahren, und so werden Skandale, vom massiven Betrug bis zum Besitz von Kinderpornographie, die es unter den Chassiden eben auch gibt, in der Presse mit einer gewissen Genugtuung behandelt. Chassiden müssen heiliger sein als andere, weil sie selbst so tun, als seien sie es. So jedenfalls lesen Außenstehende ihre Abkapselung in einer kultischen Lebensweise, deren Ziel Gottgefälligkeit, also Streben nach moralischer Verfeinerung, sein soll.

          Der Dokumentarfilmmacher Joshua Z. Weinstein ignoriert weitgehend die moderne Irritation mit den Chassiden. In „Menashe“, seinem ersten Spielfilm, der in diesen Tagen in Los Angeles, New York und Boston in die Kinos kommt, begibt er sich medias in res in die chassidische Wirklichkeit. Der Film erzählt die Geschichte des Witwers Menashe (Menashe Lustig), der seinen Sohn Rieven (Ruben Niborski) selbst erziehen möchte. Da Menashe – ein klassischer „shlimasel“ (Pechvogel) in der Woody-Allen-Nachfolge – als kleiner Angestellter in einem Supermarkt kaum Geld verdient und überhaupt völlig desorganisiert ist, bestimmte der Rav, dass Rieven in der großen Familie seines peniblen Onkels Eizik (Yoel Weisshaus) aufwachsen soll. Doch Menashe will beweisen, dass er Rieven selbst erziehen kann.

          Ethnographisch ist der Film ein großer Wurf. Denn Menashe Lustig, auch in Wirklichkeit Witwer, Vater, Supermarktangestellter und unangepasster Skverer Chassid, wohnhaft im rein chassidischen Städtchen New Square im Staat New York, spielt sich selbst. Obwohl er Mitglied einer Gemeinschaft ist, in der niemand einen Fernseher besitzt und die meisten noch nie in einem Kino waren, hat Lustig einen eigenen YouTube-Kanal, in den er Slapstick-Clips einstellt, in denen er sein Shlimaseltum auf die Schippe nimmt. So kam Weinstein auf Lustig. Um Geld für falsche Bärte zu sparen, sagt Weinstein in einem Interview, und um die Authentizität des Films zu erhöhen, besetzte er alle Rollen mit Haredim (Ultraorthodoxen). Gedreht wurde in der haredischen Enklave Borough Park in Brooklyn, was sich, wie erwartet, als schwierig erwies. Die Szenen im Supermarkt, in denen unter anderen eine von ihren acht Kindern völlig entnervte junge Frau erscheint, mussten in vier verschiedenen Läden gedreht werden, da die chassidischen Besitzer die säkulare Filmcrew nur kurze Zeit tolerieren wollten.

          Ein Film komplett in Jiddisch

          Die Entscheidung, alle Rollen mit wirklichen Haredim zu besetzen, verwandelte, was als Spielfilm gedacht war, in eine ethnographische Dokumentation, die es erlaubt, den Haredim in ihrem eigenen Raum und in ihrer eigenen Dignität zu begegnen. Das geschieht durch die Sprache. Der Film wurde in Jiddisch gedreht, das Weinstein und sein Team nicht verstehen. Den Schauspielern wurden durch Übersetzer nur ungefähre Anweisungen gegeben, was sie zu sagen hätten, den Rest machten sie selbst, manchmal mehr, manchmal weniger gut. So entstand ein Film von großer emotionaler Direktheit und sprachlicher Authentizität. Noch nie hat in einem kommerziellen Film das moderne Jiddisch der Haredim die Hauptrolle gespielt. Ihre Sprache ist die Diva des Films.

          Getragen wird sie von der schauspielerischen Leistung Lustigs und Niborskis, der den etwa elfjährigem Sohn mit großer Ruhe und subtiler Eleganz spielt. Zwischen den beiden herrscht innere Harmonie, unbeeinträchtigt von der Tatsache, dass sie zwei sehr unterschiedliche Varianten des Jiddischen sprechen. Menashes mit Amerikanismen durchsetztes New Square Jiddisch erblüht in voller Kraft, wenn er mit seinem Schwager Eizik um den Verbleib Rievens streitet. Niborksi, der von seinen säkularen Eltern, den Jiddisch-Forschern Eliezer Niborski und Mirian Trinh, in Israel mit Jiddisch als Muttersprache erzogen wurde, spricht das klassische, durch die hohe Literatur der 1860er bis 1930er Jahre veredelte Jiddisch, das neben Lustigs Vollmundigkeit etwas akademisch und verloren wirkt.

          Aber zu Ruben Niborskis Spiel passt es sehr gut. Seine aparte Erscheinung verdankt er wohl zum Teil seinem vietnamesischen Großvater. Seine Mutter wurde in Polen geboren, wuchs aber in Deutschland auf und studierte Jiddisch in Paris. Sein anderer Großvater ist der in Paris lebende brillante jiddische Lexikograph Yitskhok Niborski. Das unaufgeregte Pas de deux von Lustig und Niborski und die Musik der jiddischen Sprache machen diesen Film zu einem einundachtzig Minuten lang verzaubernden Erlebnis.

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