28.11.2004 · Renée Zellweger ist „Bridget Jones“. Sie hat den Oscar gewonnen und einen coolen Rocker als Freund. Aber sie vermißt den Himmel über Texas. Aus dem Leben eines amerikanischen Hollywood-Stars.
Von Sascha LehnartzWenn man Renée Zellweger in einer Hotelsuite gegenübersitzt, möchte man sie zwingen, den Keksteller leer zu futtern, der vor ihr auf dem Tisch steht. Oder ihr ein doppeltes Club Sandwich beim Room Service bestellen - die Club Sandwichs im Adlon sollen ja eh ganz gut sein. "Kind, iß erst mal was. Danach können wir reden."
Aber das geht nicht. Emanzipierte Amerikanerinnen halten scheinväterliche Sorgsamkeit für "patronizing", und das Gespräch wäre zu Ende, bevor es begonnen hat. Doch Renée Zellweger ist mitleiderregend schlank. In einem knielangen, schwarzen Kleid sitzt sie da auf einer roten Couch, die Beine übereinandergeschlagen. Unter der Haut ihres rechten Schienbeines schimmern Adern so blau, als wollten sie sich für die Aufnahmen in einen Anatomie-Atlas empfehlen. Vielleicht hat sie gerade die Kühlräume des Hotels besichtigt. Sie hat schneewittchenweiße Haut, ihre Augenbrauen schwingen sich in zwei dünnen schwarzen Bögen kühn in die Stirn. Ihre Haare sind pechschwarz. Diese Frau sieht aus, als hätte sie gerade Calista Flockhart in einer neuen Staffel von "Ally McBeal" ersetzt. Und nicht wie jemand, der zweimal "Bridget Jones" dargestellt hat.
Wandlungsfähige Texanerin
Denn jetzt ist sie 13 Kilo, eine Filmproduktion und mehrere Tuben Haartönung entfernt von dem garderobengeschmacklich überforderten britischen Beziehungs-Trampeltier, das sie in dem Film mimt. "Die Frisur ist noch ein Relikt von den Dreharbeiten zu ,Cinderella Man''', erläutert sie. Aschenputtel also - und nicht Schneewittchen. Diesen Film hat sie gerade abgedreht, er kommt im nächsten Sommer in die Kinos. Zellweger spielt an der Seite von Russell Crowe die Ehefrau des Boxers Jim Braddock, der 1935 als völliger Außenseiter überraschend Schwergewichts-Weltmeister wurde. "Irgendwie habe ich mich an die Haarfarbe gewöhnt - inzwischen gefällt sie mir sogar", sagt sie. Wenn man ihr holpernd schmeichelt, daß ihr schwarz ganz gut stehe, strahlt sie und sagt "Oh, thank you" mit besonders hohem und lang gezogenen "änk". Sie klingt in natura eher wie "Nurse Betty" - die Titelrolle dieser leicht wahnsinnigen Serviertochter, die eine Krankenhaus-Seifenoper mit der Wirklichkeit verwechselt, spielte sie vor vier Jahren in dem Film von Neil LaBute.
Renée Zellweger ist 35 Jahre alt und scheint sich etwas Mädchenhaftes bewahrt zu haben. Sicher sein kann man sich da nicht, denn sie spielt einfach sehr gut. Und vielleicht gefällt sie sich heute einfach in der Rolle des zierlichen, mädchenhaften Wesens, das sich beim Sprechen pausenlos die Fingerspitzen knetet, als hätte sie Grund, nervös zu sein. Im März gewann sie einen Oscar für ihre Rolle als kräftig zupackendes Landei in der amerikanischen Bürgerkriegs-Schmonzette "Cold Mountain". An diese Figur erinnert sie leibhaftig genausowenig wie an Bridget Jones. Es gibt nicht wenige Schauspieler, die immer nur sich selbst spielen, Renée Zellweger scheint laufend eine andere zu sein. Was den Casting-Agenten geritten haben mag, eine zierliche Texanerin für die Rolle einer schokoladensüchtigen Engländerin zu besetzen? Wahrscheinlich die Ahnung, daß diese Frau alles und niemand sein kann.
Authentisieren und implementieren
Für den ersten Bridget-Jones- Film hat Renée Zellweger sechs Wochen lang in einem Londoner Verlagshaus gejobbt, bis sie sprach, ging und aussah wie eine übergewichtige englische Verlagsangestellte ohne Sexleben. Fragt man sie, wie man binnen einiger Wochen so stark zu- und dann wieder abnehmen kann (und das nun schon zum zweiten Mal), dann verzieht sie merkbar genervt das schmale Gesicht: "Ich muß da etwas klarstellen. Die Leute fragen immer danach, wie ich Gewicht zulegte oder verlor. Das ist aber nicht, was ich gemacht habe, sondern: Ich habe die Figur authentisiert."
Sie sagt wirklich "authentisiert". Und weiter: "Dazu muß Bridget aussehen, wie Helen Fielding sie im Buch beschreibt. Ich mußte eine Lebensweise darstellen, die sich von meiner total unterscheidet. Das war alles ziemlich langweilig und technisch. Ich hatte einen Ernährungsberater, der sagte: Um so auszusehen, müssen wir diese Diät implementieren. Also implementierten wir diese Diät." Authentisieren, implementieren - alles sehr technisch. Das Gespräch mit Renée Zellweger klingt jetzt wie die Power-Point-Präsentation einer Consulting Firma. "Ich dachte nicht: Toll, ich kann endlich soviele Donuts essen wie ich will. Das war ein Job, und das Essen war Teil einer größeren Aufgabe, genauso wie Dialekt-Trainig oder Kostümproben." Die Aufgabe hat sie mit dem ihr eigenen Perfektionismus erfüllt. "Ich erzwinge nichts", sagt sie, "ich mache einfach das, was notwendig ist."
Laut und lebhaft
Bei der Abschlußparty nach Ende der Dreharbeiten waren ihre britischen Kollegen überrascht, daß sie plötzlich nicht mehr sprach wie Bridget, sondern wie Renée aus Katy/Texas, einem Kaff in der Nähe von Houston. Ob den Briten in all den Wochen noch etwas aufgefallen sei, das sie als Amerikanerin entlarvt hätte? "Nein. Zumindest hat man mir das nicht kommuniziert." Kommuniziert. Wieder so ein Consulting-Wort. Wie diese Frau wohl ihr Herz ausschüttet? Vielleicht sollten wir das bei Gelegenheit mal Jack White fragen, den Sänger der Rockband "The White Stripes". Das ist ihr Lover.
Umgekehrt, sagt sie, habe sie am Ende der Dreharbeiten zum ersten Bridget-Jones-Film erkannt, ob ein Amerikaner oder ein Brite ein Restaurant betrat. Woran? "Wir sind nicht zurückhaltend. Wir breiten uns aus und sind freundlich und jovial. Wir wollen, daß sich jeder so fühlt, als lungere er zu Hause auf der Couch." Besonders seien ihr ihre Landsleute aus Texas aufgefallen: "Die sind sehr lebhaft, gestikulieren viel und lachen laut. Das sind Eigenschaften, die mir sehr nah sind", sagt sie und lacht - etwas lauter und überraschend rauchig.
Sie vermißt den texanischen Himmel
Ihr Vater ist in der Schweiz geboren, die Mutter in Norwegen. Eigentlich wollten die Eltern nach Kalifornien, doch dann blieben sie in Texas hängen. Hier wuchs Renée Zellweger auf, als "etwas zusammengepanschtes, aber im Grunde sehr texanisches Wesen". Und wie ist es, ihr texanisches Wesen?
"Ich bin vertrauensselig, das heißt, ich vertraue erst mal, bis mich jemand enttäuscht, und warte nicht erst, bis jemand mein Vertrauen verdient hat. So sind Texaner. Wir verbreiten Freundlichkeit, das muß wohl so sein, wenn man in diesem Teil des Landes lebt, wo nur wenige Menschen sind. Wenn dann jemand vorbeikommt, freut man sich jedesmal so sehr, daß man ihn umarmt. Wir glauben an die Idee des guten Samariters, daran, daß man sich gegenseitig zur Hand geht, wenn man Hilfe braucht." Renée Zellweger macht kein Hehl daraus, daß sie ihre Heimat vermißt. "Was mir am meisten fehlt, ist der Himmel über Texas. Es gibt diese Strecke durch die Ebene zwischen Austin und Dallas, früher bin ich sie oft gefahren. Vor Sonnenaufgang fuhr ich los, und dann kommt dieser immense Himmel, wunderschön. Ich nenne das meine "Texas-Autobahn-Therapie."
Der Versager-Druck
Sie hat jetzt eine ruhigere Phase vor sich, derzeit stehen gerade mal keine Dreharbeiten an. Und freut sich darauf, "als ich selbst, als Frau mal wieder aufzutauchen".
Ah ja. Wie sind Sie, wenn sie als Frau wieder auftauchen? "Schwer zu sagen." Renée Zellweger redet lieber über Rollen als über sich. "Am ehesten bin ich ich selbst, wenn ich bei meinen Freunden und meiner Familie bin. Ich bin wahnsinnig neugierig. Ich hatte auf meinen Reisen das Glück, viel zu sehen. Dabei habe ich gemerkt, daß ich unglaublich viel nachzuholen habe. Ich bin in einer Phase, in der ich finde, ich sollte mehr wissen." Sie wundere sich zum Beispiel, warum sie in Belgien Nachrichten im Fernsehen sehe über etwas, das in San Francisco geschah - und ihre Freunde in Los Angeles hätten von dem Ereignis noch nie gehört. "Ich wüßte gern, warum Nachrichten immer mehr zur Ware werden. Und wie durch ihre Auswahl die öffentliche Meinung manipuliert wird." In allen westlichen Ländern, sagt sie, sei der Appetit auf Negatives immer größer geworden. Auf einmal kling Renée Zellweger, als wolle sie Attac-Mitglied werden. "Vielleicht liegt es an der Globalisierung", vermutet sie, "am Druck, der auf allen lastet. Es wird mit unseren Ängsten gespielt, und als Konsumenten werden wir umgarnt. Ich weiß es nicht, aber der Druck ist da, man vergleicht sich ständig und fühlt sich dauernd als Versager." Ganz klar wird nicht, was sie meint, aber sie will ja auch noch eine Weile darüber nachdenken.
Beim Abschied hat das zierliche texanische Wesen einen überraschend kräftigen Händedruck. Vielleicht ist der von Ruby übriggeblieben, der Magd, die sie in "Cold Mountain" gespielt hat.