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Rem Koolhaas' Zauberwürfel : Die Kunst zu verschwinden

Eine Architektur, die vom Verschwinden handelt: der Transformer auf dem Gelände des Königspalast von Seoul Bild: AFP

In Seoul hat Rem Koolhaas einen merkwürdig zauberhaften Würfel gebaut, den man zu allen Seiten wenden kann, um ihn mal für Modeschauen, mal als Galeriefläche und mal als Kinosaal zu verwenden. Es ist eine Architektur, die vom Verschwinden handelt. Im September ist sie wieder weg.

          Weiß ist es und eckig, hart in der Struktur und weich in den Oberflächen. Es sitzt fremd, aber nicht abweisend im Gras vor dem Gyeonghui-Palast im Zentrum von Seoul wie ein Meteorit, der das graue Brett von Schwüle, das über der Stadt hängt, durchschlagen hat, als er vom Himmel fiel. Das „Transformer“ genannte Gebilde, das Rem Koolhaas und seine Architekten für das Modehaus Prada gebaut haben, ist ein merkwürdiges Ding. Die Stahlträger, aus denen es zusammengesetzt ist, bilden Kreise oder Kreuze, Vierecke oder Sechsecke. Jede dieser Flächen kann Boden sein, Wand oder Decke, und je nachdem, wie man das Ding dreht oder kippt - was ein paar Kräne in wenigen Tagen schaffen -, wird ein offener, lichter Raum daraus oder ein Kino, Galerie oder Laufsteg.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Über diese Struktur, die dem Ding seine Form gibt, ist eine helle, durchsichtige Membran aus einem extrem dehnbaren Material gespannt, wie es sonst zum Abdecken schwerer Maschinen benutzt wird. Wenn man einen Finger in diese Haut des Gebildes steckt, verschwindet er fast völlig, und wenn man ihn zurückzieht, verschwindet die Delle ebenfalls langsam wieder. Auch sonst handelt dieses Gebäude vom Verschwinden. Im September ist es wieder weg.

          Liebe zum Neuen

          Für Bauten, die verschwinden, gibt es vielleicht keinen besseren Ort als Südkorea. Alle Bauten verschwinden hier, nicht ganz, aber fast so schnell wie der Transformer, der am Ende sechs Monate in Seoul gestanden haben wird. Im Vergleich zum ständigen Abriss und Neubau in Seoul ist New York eine in ihrer Gestalt beständige Stadt. Auch der historische Gyeonghui- Palast aus dem sechzehnten Jahrhundert, vor dem am Wochenende Karate- und Tanzvorführungen stattfinden und um den herum gepicknickt wird, ist keineswegs alt, sondern ein Nachbau von vor kaum fünfzehn Jahren aus Beton. Und wenn man sich die Menschen ansieht, die im Gehen auf ihren Mobiltelefonen Fernsehen schauen, modisch auf den letzten Schrei gekleidet, Männer wie Frauen und keineswegs nur die ganz Jungen, sieht man, dass das immer Neue hier in besonderem Maß geliebt wird.

          Eine provisorische Architektur für eine Stadt des permanenten Neubeginns. Der Würfel wird im September wieder verschwinden.

          Das alles gibt dem Raum um den Transformer herum die eigentümliche Ausstrahlung eines außerweltlichen Orts - die Kulissenhaftigkeit einerseits und die fast absurde Modernität andererseits des Drumherums, der vorübergehende Charakter der Architektur, die in ihrer avanciertesten Form in Miuccia Prada seit langem eine Förderin hat, das Zusammentreffen von Verspieltheit und roher Form und schließlich auch die Verschiedenartigkeit der Ereignisse, die in diesem Gebilde nacheinander stattfinden, aber in seiner Form bereits vorscheinen oder nachhallen. Im Mai war eine Installation mit Röcken zu sehen. Da diente das Sechseck als Boden. Nach der Rotation in der vorvergangenen Woche ist das Viereck zum Boden und das Sechseck zur Rückwand eines Kinos geworden, wobei man in dieser Form des Gebäudes tatsächlich von Rückwand sprechen kann, weil die Blickrichtung klar ist: zur Leinwand hin. Wenn dann im Juli das Kreuz den Boden für eine Ausstellung der dänischen Künstlerin Nathalie Djurberg bilden wird, wird es mit Vorne und Hinten nicht mehr so einfach sein.

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