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Veröffentlicht: 14.08.2015, 10:44 Uhr

Wim Wenders wird 70 Der Neugierige

Wim Wenders ist einer, der staunt. Wer verstehen will, was den Regisseur beschäftigt, wen er verehrt und mit welchen Fragen er an die Werke anderer Künstler herangeht, sollte seine Bücher lesen.

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© dpa Der Regissuer, der staunt und uns im Kino zum Staunen bringt: Wim Wenders

Endlich! Heute wird Wim Wenders siebzig. Heute ist das Datum erreicht, auf das eigentlich seit vergangenem Sommer alles zuläuft. Dreißig Jahre „Paris, Texas“ – mit einer Gala in Cannes aus diesem Anlass fing der Gratulationsreigen im Mai 2014 an. (Wenders selbst meinte damals, dass ein Film dreißig Jahre alt werde, sei eigentlich kein Grund, ins Kino zu gehen). Zum Auftakt des Geburtstagsjahres bekam er dann den Goldenen Bären bei der Berlinale fürs Lebenswerk und eine Retrospektive dazu. Eine Oscar-Nominierung für seine Dokumentation über den Fotografen Sebastião Salgado. Seine Stiftung arbeitet auf Hochtouren an der Restaurierung der alten eigenen Werke, auch dazu gibt es einen kleinen Film. Es folgten Interviews, Würdigungen, Titelgeschichten, ganze Ausgaben ihm zu Ehren (auch bei uns, gestern das gesamte Reiseblatt mit Geschichten und Fotos für ihn und von ihm), alles hochverdient, alles gut und wichtig.

Verena Lueken Folgen:

Ist heute also, wenn die richtige Gratulation ansteht, nicht alles schon gesagt, geschrieben zu seiner Vergangenheit, dem Lebenswerk? Und wäre es nicht viel schöner, wir könnten endlich wieder als Zeitgenossen statt als Rückschauende mit ihm sprechen, von ihm sprechen und seine Arbeit betrachten? Der Mann steht doch voll im Saft. Oder ist da noch etwas, was wir noch nicht gesagt haben in den vergangenen acht Monaten und davor?

Ein unprätentiöses Buch

Ja. Ein bisschen kurz bei all den Ehrungen kam bisher Wim Wenders als Autor. Dabei gehören seine Schriften mit zum Schönsten im Œuvre dieses Künstlers, der fotografiert, Filme dreht, Musik macht und immer noch Fußball spielt. Deshalb gilt dieser letzte Trompetenstoß für den international bekanntesten und beliebtesten deutschen Filmregisseur nicht seinen Filmen, nicht der vor allem von Offiziellen des deutschen Films unvergessenen Tatsache, dass er – 1984! – als bislang letzter Deutscher die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat, sondern: seinen Schriften. Im Besonderen den jüngsten.

Alice in den Städten Einer von Wim Wenders’ wichtigsten Filmen: Dem abgebrannten Journalisten Philipp (Rüdiger Vogler) wird unverhofft die Aufsicht für die neunjährige … © Picture-Alliance Bilderstrecke 

Gerade ist ein Buch erschienen, das „Die Pixel des Paul Cézanne“ heißt (herausgegeben von Annette Reschke im Verlag der Autoren, Frankfurt). Es ist kein großer Bildband, wie ihn Wenders auch schon vorgelegt hat, sondern ein Buch mit neuen oder verstreut und nicht immer auf Deutsch erschienenen Texten von ihm zu anderen Künstlern und Filmemachern, zu Antonioni und Bergman, zu Anthony Mann, Douglas Sirk, Sam Fuller. Wenn man verstehen will, was Wenders beschäftigt, woran er herumnagt, wen er verehrt und mit welchen Fragen er an die Werke anderer Künstler herangeht, sollte man es lesen. Es ist ein Buch übers Denken und zum Nachdenken und, weil es fast beiläufig daherkommt, ohne Prätention. Ein in gewisser Weise bescheidenes Buch.

Die Filmmontage des Denkens

Es beginnt mit einer Leseanleitung. Die ist insofern willkommen, als sie erklärt, was auf den ersten Blick ein bisschen affektiert aussehen könnte, nämlich den Umstand, dass Wenders oft in einem an Prosagedichte erinnernden Zeilenfall schreibt. Hier aber erklärt er, warum er das tut: weil ihm Wörter und Gedanken erst klarwerden, wenn er sie vor sich sieht, als Bild gewissermaßen. Und um den Gedanken einen Rhythmus zu geben oder auch um ihrem Rhythmus zu folgen, „der sie in Bewegung bringt“, wie er sagt, schreibt er die Zeilen nicht voll, sondern lässt die Sätze in die nächste Zeile hüpfen oder rutschen oder was auch immer sie tun, damit sie weitergehen, weitergedacht werden können.

Wenders schreibt keine Verse. Auch keine Prosaverse. Er kann einfach besser denken, wenn er so schreibt, immer am Computer übrigens. Er „umkreist“, was er denkt, auf diese Weise. Während er beim Schreiben den Prozess des Denkens vor Augen hat, erkennen wir beim Lesen im Zeilenfall, wie ein Gedanke sich geformt hat. Das ist, da Wenders ja in erster Linie Filme macht, interessant, weil sich hier das Schreiben zum Denken ähnlich verhält wie die Bilder im Film zur Montage, in der sie zu einer Szene aneinandergefügt werden wie die Sätze in diesem Schriftbild zu einem Gedanken und Argument.

Wie machen die das bloß?

Wim Wenders ist einer, der staunt. Mit diesem Staunen geht er an die Werke anderer Künstler heran. Wie hat der das gemacht, fragt er sich, Peter Lindbergh zum Beispiel, der in seinen Modefotos die Models durchaus dazu bringt, sich preiszugeben, ohne sie dabei allerdings zu entzaubern, und in dieser Dialektik lässt Wenders den Gedanken stehen: dass es Lindbergh gelinge, „diese Göttinnen in Menschen zu verwandeln, ohne dabei ihre Aura auch nur anzukratzen“. Und dann kommt er auf erstaunliche Parallelen zu dem Titelhelden des Truffaut-Films „Der Mann, der die Frauen liebte“: Es sei die „Abwesenheit jeglicher gegenseitiger Einschüchterung zwischen Männern und Frauen“, die er bei beiden beobachte. Das ist einerseits verblüffend, kommt der Sache andererseits aber vermutlich sehr nahe.

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Und mit dieser Haltung, dieser Frage „Wie macht der das bloß?“ (oder „die“: er schaut nämlich auch auf die Fotografien von Barbara Klemm und den Tanz von Pina Bausch) geht er auch an Edward Hopper oder Paul Cézanne oder Yohji Yamamoto heran. Wim Wenders ist nicht darauf aus, sie zu entzaubern, ihnen ein Geheimnis zu entreißen. Ihre Aura bleibt intakt wie die der Models bei Lindbergh. Wenders will lernen, verstehen, weiterführen. Darüber sollten wir von nun an sprechen, wenn wir von ihm reden. Wie einer, der siebzig wird, auf die Welt und die Kunst schaut: neugierig. Und was daraus wird, in seinen Filmen, seinen Schriften.

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