William Friedkin begrüßt uns beim Filmfestival in Deauville, das dem Regisseur eine Retrospektive gewidmet hat. Er stürzt sich so enthusiastisch ins Gespräch, als wäre er an eine Starkstromleitung angeschlossen.
Sie haben einmal angedeutet, dass Sie als Jugendlicher in kriminelle Aktivitäten verwickelt waren. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich bin in einem ziemlich üblen Viertel von Chicago aufgewachsen. Ungefähr bis zu meinem zwölften Lebensjahr konnte ich Recht und Unrecht nicht unterscheiden. Dabei haben sich meine Eltern durchaus gut um mich gekümmert. Doch ich führte - wie so viele Menschen - ein Doppelleben: Ich war Mitglied einer Bande, die mit selbstgebastelten Waffen Kaufhäuser ausraubte. Eines Tages wurden wir geschnappt. Als meine Mutter erfuhr, was ich getan hatte, brach sie vor mir in Tränen aus. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben: Weil ich meine Mutter sehr liebte und sie nicht noch einmal verletzen wollte, verließ ich die Gang und hörte mit den Dummheiten auf. Das war mein Glück: Meine einstigen Freunde landeten allesamt im Knast.
Nach dem Schulabschluss haben Sie bei einem Fernsehsender angeheuert. Wollten Sie damals schon Filmemacher werden?
Nein. Ich meldete mich mit sechzehn auf eine Zeitungsannonce und fing in der Poststelle des Senders an. Zwei Jahre später führte ich bereits Regie bei diversen Live-Sendungen. Damals, in den fünfziger Jahren, war das Fernsehen ein faszinierendes neues Medium. Das Kino hingegen war für mich nur ein Mittel zur Zerstreuung - bis ich eines Tages „Citizen Kane“ sah. Eine Offenbarung! Erst durch diesen Film nahm ich das Kino als Kunstform wahr. Und ich dachte: „So etwas möchte ich auch machen!“ Dieser Wunsch treibt mich übrigens bis heute an: eines Tages einen Film zu drehen, den man in einem Atemzug mit „Citizen Kane“ nennen darf.
Sie haben als Dokumentarfilmer begonnen. Wie kam das?
Auf einer Party lernte ich einen Gefängnispriester kennen. Er erzählte mir von einem farbigen Häftling namens Paul Crump, der bald hingerichtet werden sollte und den er für unschuldig hielt. Ich traf mich mit Crump, und er schilderte mir, wie die Chicagoer Polizei ein falsches Geständnis aus ihm rausgeprügelt hatte. Daraufhin beschloss ich, ihm zu helfen. Nachdem mein Fernsehsender meine Bitte abgeschmettert hatte, einen Dokumentarfilm über Crump zu finanzieren, wandte ich mich kurzerhand an einen Konkurrenzsender - und bekam grünes Licht. Die nötige Ausrüstung mietete ich bei einem Verleih, wo man mir in rund einer Stunde erklärte, wie man mit einer Kamera umgeht und den Ton synchronisiert. Das war übrigens die einzige Lektion im Filmemachen, die ich je genossen habe! Es wurde eine sehr primitive Dokumentation. Aber zu meiner großen Überraschung gewann sie diverse Preise - und sorgte dafür, dass Crump durch den Gouverneur von Illinois begnadigt wurde. Fortan glaubte ich eine Weile lang an die Macht des Kinos. Doch dann ging ich nach Hollywood, wo man mir diese Flausen rasch wieder austrieb.
Auch Ihre Hollywood-Filme wirken oft so, als seien sie dem wirklichen Leben entrissen. Haben Sie versucht, Dokumentarfilm-Techniken auf Ihre Spielfilme zu übertragen?
So weit wie möglich, ja. Gelackter Perfektionismus interessiert mich nicht. Ich möchte, dass alles so wirkt, als würde es in diesem Moment tatsächlich passieren, als würde ein Dokumentarist zufällig gerade die Kamera draufhalten. Deshalb halte ich auch nichts von Proben, denn dabei geht jegliche Frische verloren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich komme keineswegs unvorbereitet zum Set - zuvor werden sämtliche Szenen mit meinem Team minutiös ausgetüftelt. Doch Spontaneität ist mir stets wichtiger als Perfektion. Die U-Bahn-Szenen in „Brennpunkt Brooklyn“ haben wir zum Beispiel wie eine Guerrilla-Truppe gedreht, ohne Genehmigung, ohne Komparsen, ohne künstliches Licht. Unser Kameramann Enrique Bravo hatte einst die kubanische Revolution aus der Sicht von Fidel Castro gefilmt, doch er war irritiert darüber, dass ich nichts proben wollte. Ich fragte ihn: „Hast du Fidel damals etwa auch um einen Probedurchlauf gebeten?“
„Brennpunkt Brooklyn“ hat zwei interessante Antagonisten: auf der einen Seite ein brutaler, korrupter Polizist, auf der anderen Seite ein sanftmütiger Gentleman-Gangster. Solche zwiespältigen Charaktere sind typisch für Ihre Filme.
Ja, in meiner Welt gibt es keine klassischen Helden und keine Schwarzweißmalerei, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie vielschichtig wir Menschen sind. Die dünne Trennungslinie zwischen Gut und Böse hat mich schon immer fasziniert. Sie verläuft mitten durch jeden von uns. Auch ich ertappe mich oft dabei, dass ich entsetzlich finstere Gedanken habe. Bisweilen gewinnen sie sogar die Oberhand.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Hin und wieder habe ich erschreckende Wutattacken. In meiner Schule gab es einen tyrannischen Rüpel, der mir auf dem Heimweg immer auflauerte, mich herumschubste und meine Bücher in den Dreck warf. Ich hatte furchtbare Angst vor ihm. Aber eines Tages wachte ich auf und dachte: „Das musst du dir nicht mehr gefallen lassen.“ Als er nach der Schule wieder auf mich zukam, trat ich ihm mit voller Wucht in die Weichteile. Er krümmte sich vor Schmerz und fiel zu Boden; ich nahm ihn in den Schwitzkasten und knallte seinen Kopf gegen den Asphalt. In diesem Moment spürte ich einen starken Drang, ihn zu töten. Ich dachte, mein Leben wäre schöner, wenn er jetzt durch meine Hand stürbe. Doch irgendetwas in mir hielt mich rechtzeitig davon ab. Meine Schutzengel haben über meine Dämonen gesiegt.
Sind diese persönlichen Erfahrungen ein Grund dafür, warum es in Ihren Filmen - von Ihrem ersten großen Erfolg „Brennpunkt Brooklyn“ bis hin zu ihrem jüngsten Werk „Killer Joe“ - immer wieder heftige Gewaltausbrüche gibt?
Ja. Ganz ehrlich: Ich würde viel lieber Musicals wie „Singin’ in the Rain“ oder „Ein Amerikaner in Paris“ drehen, denn solche Filme sehe ich privat am liebsten. Doch erstens sind die Künstler, die man dafür bräuchte - Leute wie Fred Astaire, Gene Kelly, George Gershwin oder Cole Porter - mittlerweile ausgestorben. Zweitens muss ich offenbar akzeptieren, dass Filme wie „Killer Joe“ eher meiner Persönlichkeit entsprechen. Gustave Flaubert wurde ja einst gefragt, wie es ihm gelingen konnte, einen ganzen Roman aus der Perspektive einer Frau zu schreiben. Er antwortete: „Madame Bovary, c’est moi!“ Und ich muss wohl sagen: „Killer Joe, c’est moi!“
Wäre aus Ihnen auch ein guter Killer geworden?
Keine Ahnung. Ich würde gar nicht behaupten, dass ich wie ein Auftragsmörder denke. Doch ich kann diese Denkweise definitiv nachvollziehen. Niemals würde ich wie die von Matthew McConaughey gespielte Titelfigur von „Killer Joe“ eine Frau mit einem Hühnerbein missbrauchen und erniedrigen. Aber ich weiß, dass es solche Typen gibt.
Haben Sie schon einmal daran gedacht, die Gewalt nicht immer explizit zu zeigen?
Ja, aber das würde meinem dokumentarischen Ansatz zuwiderlaufen. Seit jeher pflege ich einen offensiven Umgang mit Nacktheit und Gewalt auf der Leinwand, was mir immer wieder großen Ärger mit der Zensurbehörde beschert hat. Ich finde es einfach albern, nackte Haut hinter Laken oder fleischfarbenen Höschen zu verstecken. Und ich bin, geben wir es ruhig zu, kein so großer Künstler wie Fritz Lang: Der konnte Gewalt subtil inszenieren. Meine Hühnerbein-Szene hätte er vielleicht in ein Schattenspiel verwandelt. In Langs Meisterwerk „M“ sieht man beispielsweise nicht, wie der Mörder über ein Mädchen herfällt, sondern nur, wie der Luftballon des Kindes davonfliegt und sich in einem Strommast verfängt. Das ist die stärkste Darstellung von Gewalt, die ich je im Kino gesehen habe.
Dann nehmen Sie sich doch mal ein Beispiel! Sonst wird das nie was mit „Citizen Kane“.
Ich weiß. Aber da ist vermutlich nichts zu machen. „Killer Joe“, c’est moi!
Sie sagen, dass Sie keine Proben mögen. Wie arbeiten Sie dann mit ihren Akteuren?
Es gibt zwei verschiedene Schauspieler-Typen. Der eine - nennen wir ihn mal den Tommy-Lee-Jones-Typ - hat das Drehbuch gelesen und verstanden. Er muss nicht bemuttert werden, sondern braucht von mir nur noch technische Anweisungen. Ich sage also zu ihm: „Du kommst durch den Eingang, siehst dich um, gehst die Treppe hinauf, stehst vor der Tür, drückst die Klinke herunter, trittst ein und redest mit dem Kerl, der am Fenster sitzt.“ Tommy Lee entgegnet: „Okay, ich bin bereit.“ Er weiß instinktiv, wie er es machen muss, und beim ersten Versuch ist die Szene im Kasten.
Und der andere Typ?
Den nennen wir mal Benicio del Toro. Das ist der Typ, der über alles, was er tun soll, erst stundenlang grübeln muss. Ich sage zu ihm: „Du sitzt hier auf dem Stuhl, und wenn Tommy Lee zur Tür hereinkommt, starrst du aus dem Fenster und antwortest auf seine Fragen.“ Er erwidert: „Warum sitze ich hier? Was ist meine Motivation? Warum liege ich nicht auf dem Bett? Habe ich als Kind meinen Vater geliebt oder gehasst?“ Ich denke insgeheim: „Woher zum Teufel soll ich das wissen?“ Das sage ich aber nicht. Stattdessen erfinde ich irgendeinen Blödsinn über die Beziehung der Filmfigur zu ihrem Vater, und Benicio nickt: „Ah ja, ich verstehe!“ Die Steigerung von Benicio heißt übrigens Nick Nolte: Der schreibt jedes Mal vor Beginn der Dreharbeiten einen ganzen Roman über seine Rolle im Film. Zu „Blue Chips“ drückte er mir einen Dreihundert-Seiten-Erguss in die Hand und fragte mich nach meiner Meinung. Ich hielt es für einen Haufen Schrott, doch ich sagte zu ihm: „Großartig, Nick! Ja, so solltest du die Rolle anlegen!“
Wenn Sie wirklich spontane Reaktionen Ihrer Darsteller provozieren wollten, dürften Sie ihnen eigentlich gar kein Drehbuch zeigen.
Stimmt. Oft würde ich das auch am liebsten tun. Besonders schwierig wird es, wenn im Drehbuch zum Beispiel steht: „Das Telefon klingelt, XY zuckt vor Schreck zusammen.“ Der Schauspieler erschrickt natürlich nicht, weil er schon weiß, was passieren wird. In derartigen Fällen lasse ich mir manchmal, wenn ich etwa eine Schock-Reaktion in Großaufnahme einfangen will, heimlich eine Pistole reichen und feuere einen Schuss ab. Das funktioniert todsicher! Und die beste Regieanweisung aller Zeiten habe ich von Diaghilev geklaut, dem Gründer der „Ballets Russes“. Unmittelbar bevor sein Haupttänzer Nijinsky zum Solo auf die Bühne sollte, flüsterte er ihm ins Ohr: „Überraschen Sie mich!“ Diesen Trick benutze ich bisweilen auch bei meinen Akteuren.
Führt das wirklich zu verblüffenden Resultaten?
O ja. In „Der Exorzist“ gibt es eine wichtige Szene, in der die Ärzte der von Ellen Burstyn verkörperten Mutter erzählen, ihre Tochter leide an einem Hirndefekt. Die Mutter ahnt jedoch, dass ihre Tochter keinen Dachschaden hat, und verliert in diesem Moment das Vertrauen in die Medizin. Das Drehbuch sah allerdings keine verbale Reaktion der Mutter vor, und so begrub Ellen Burstyn nur bestürzt den Kopf in ihren Händen. Weil ich damit nicht zufrieden war, ließ ich die Szene wiederholen und wisperte Ellen ins Ohr: „Surprise me!“ Daraufhin überzog sie die Ärzte mit einer wütenden Schimpfkanonade - sie ist vor der Kamera buchstäblich explodiert.
Ihre Pressebetreuerin hat mir vorhin auch etwas zugeflüstert: „Der Kerl macht mich fertig!“ Die Dame ist selbst ein ausgewiesenes Energiebündel, doch sie meinte, sie habe noch nie jemanden erlebt, der so viel Elan und so selten Anzeichen von Müdigkeit erkennen lässt. Woher nehmen Sie Ihre Energie?
Ach, wissen Sie, ich hatte Krebs, ein Fibrom, eine schwere Rückenoperation und vier Bypässe, ich leide an Diabetes Typ 2, trage einen Herzschrittmacher und einen Defibrillator. Ich freue mich einfach wahnsinnig, dass ich noch am Leben bin!
William Friedkin wird am 29. August 1939 in Chicago geboren. -Er beginnt seine Karriere beim lokalen Fernsehsender WGNTV, wo er acht Jahre lang bei bis zu acht Live-Sendungen täglich Regie führt. Für seinen ersten Dokumentarfilm „The People vs. Paul Crump“ gewinnt er 1962 den Hauptpreis des San Francisco Film Festivals.
Sein fünfter Spielfilm, der Action-Thriller „French Connection - Brennpunkt Brooklyn“, wird 1972 mit fünf Oscars ausgezeichnet, unter anderem als bester Film und für die beste Regie. Friedkin ist der jüngste Regisseur, der je den Oscar gewann.
Ein Jahr später spielt sein mit dem Golden Globe prämierter Horror-Schocker „Der Exorzist“ als erster Film in der Kinogeschichte mehr als hundert Millionen US-Dollar ein. Für die schwarze Krimikomödie „Killer Joe“ erhält er 2011 seine erste Einladung zum Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig.
Doyle korrupt ?
Michael Knoechelmann (knoechelmann)
- 17.12.2012, 16:51 Uhr