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Regisseur Werner Schroeter Der letzte Manierist

02.09.2008 ·  An diesem Dienstag hat Werner Schroeters „Diese Nacht“ in Venedig Premiere. Mit Peter Kern, der als Schauspieler, Produzent und Freund das Schaffen Schroeters begleitet, spricht der Regisseur über Lebenssinn, Todesangst und seinen neuen Film.

Von Peter Kern
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An diesem Dienstag hat Werner Schroeters „Nuit de chien“ in Venedig Premiere. Mit Peter Kern, der als Schauspieler, Produzent und Freund das Schaffen Schroeters begleitet, spricht der Regisseur über Lebenssinn, Todesangst und seinen neuen Film.

Tokyo. Shinkansen, der schnellste Zug der Welt, bringt Werner Schroeter und mich von Tokyo nach Kyoto, wir lassen die Eigenheit und Schönheit Japans in Dokumentarfilmlänge vorbeiziehen. „Schau die schönen Tempel!“ Ich bringe meinen schläfrigen Kopf in die Waagerechte, die Schnelligkeit des Zuges, bis zu 350 Kilometer pro Stunde, ist wie ein Rausch. Draußen fliegt eine unbekannte Welt vorbei. Kein Tempel, keine Menschen, nur Industrie. Kurzer Halt in Kyoto, endlich Tempel, es gibt sie wirklich. Wir gehen die Stufen des berühmten Tempels Kiyomizu-dera hoch.

Werner geht aufrecht, ein Lächeln in den Augen, fast feierlich, hoch oben neben dem Tempel wartet das Glück. Ein kleines Stück Papier und ein Bleistift werden gereicht, für das Buch des Lebens. Tausende dieser gefalteten Papierchen hängen auf einem Wunschbaum. Ich versuche Werner über die Schulter zu schauen: Was er sich wohl wünscht? Schroeters Wunschzettel hängt schon längst an einem Zweig und schaukelt im Wind wie ein fröhlicher Gesang in der Abendsonne. Werner erzählt mir auf der Rückfahrt über seinen Film „De l'Argentine“ (“Zum Beispiel Argentinien“, 1986), über eine argentinische Tänzerin aus den dreißiger Jahren und den wunderbaren Kazuo Ohno, einen 80-jährigen japanischen Künstler, der sich vom Tanz der „Argentina“ so inspirieren ließ, dass er ihn für sich weiterentwickelte, ihm einen sehr persönlichen künstlerischen Ausdruck schenkte und damit die Welt der Theater eroberte.

Berlin. Zwanzig Jahre später, im August 2008, treffe ich Schroeter in Berlin unter dem Wasserturm im „Gagarin“-Restaurant. „Ist das Sashimi frisch?“ Er arbeitet jede Nacht mit seiner französischen Cutterin in Frieder Schlaichs Studio, in der Filmgalerie 451, am Schnitt seines neuen Filmes, „Diese Nacht“ („Nuit de chien“), nach dem Roman von Juan Carlos Onetti. Werner strahlt im violetten Licht, drei Ringe mit gelben, violetten und klaren Steinen zieren seine Hand, Geschenke, Erinnerungen an Leidenschaften strahlen in sein charmantes Gesicht. Der obligatorische Hut wehrt zu aufdringliche Schauspieler ab. Die Gesten weich und fließend, das Lachen müde, die Augen kreuzen Freude mit Neugierde und einer großen Lust, über seine Arbeit zu sprechen.

Ist der Tanz von Kazuo Ohno jetzt Manierismus? Das Wort manieriert ist doch negativ besetzt.

Manierismus ist eine Kunstform.

Eine, die du eingebracht hast in die Filmkunst.

Sicherlich am Anfang.

Alle anderen, die sich mit dem Manierismus beschäftigt haben, haben von dir abgeschaut.

Das kann man so sagen. Weil es einfach etwas Neues war. Formal auch neu. Dass man so frei mit Material umgeht und dadurch die merkwürdigsten, zum Teil auch exotischsten Kombinationen findet. Es ist eine Art Überhöhung in eine große Ästhetik. Hingegen wenn jemand dumm ist und wenn der nicht mal ein Spiegelei anbraten oder ein Gedicht schreiben kann und tut so, als wäre er Oscar Wilde, dann ist das manieriert. Eine Form, die angenommen wird, die aber gar nicht die eigene ist. Das ist ein Getue. Die Marlene-Dietrich-Filme sind richtige kinematographische manieristische Kunstform-Filme.

Es ist ja nicht nur Zufall, dass du für deinen ersten langen Film „Eika Katappa“ (1969) den Josef-von-Sternberg-Preis überreicht bekommen hast.

Der Weg, etwas weit zu treiben, bedeutet, etwas aus dem Rahmen zu reißen. Aber es hat auch die Freiheit des Ausdrucks in seiner Form. Im Grunde genommen ist auch der Humor eine tragische Form des Manierismus.

Portugal. Hier ist sie nun, die schroetersche Magie, die jeder Forderung nach Distanz und nach Kälte widerspricht. Ich sehe Teile einer Arbeitskopie von „Diese Nacht“. Schroeter geht in die Küche. Auf dem Bildschirm geht ein etwas dicklicher Mann pfeifend durch eine ausgestorbene Stadt irgendwo in Portugal. Er trägt Luftballons in seiner Hand. Weiße, rote und schwarze Luftballons. „Diese Nacht“ wurde in neun Wochen in Porto immer nur nachts gedreht. Die Novelle über die Heimkehr in eine entfremdende, entmenschlichte Welt spielt nur in einer einzigen Nacht. In einer belagerten Stadt versucht der Held einer gescheiterten Widerstandsbewegung, seine ehemaligen Verbündeten und seine Geliebte zu finden. Während eine hemmungslose Miliz die Stadt terrorisiert, versucht jeder nur noch, seine eigene Haut zu retten. In den Hauptrollen: Sami Frey, Nathalie Delon, Bulle Ogier und Pascal Gregory.

Die Bilder wirken wie ein Sog. Ein junger Soldat wird von einem Polizeikommandanten vorgeführt. In meinen Gedanken überblenden sich Filme wie „Neapolitanische Geschwister“ (1978) und „Palermo oder Wolfsburg“ (1980). Die Mächtigen spielen mit Menschen wie Marionetten, schaffen sich Freiräume für ihre Perversionen. Die Polizisten fordern den jungen Mann auf, die Hose runterzulassen und mit dem Penis hin und her zu schlagen. Die Polizisten haben Spaß an dieser Erniedrigung. Sie scherzen, dann wird der Junge mit fünf Schüssen brutal erschossen. Schnitt - ein Soldat sitzt vor einem Maschinengewehr, das wie ein Phallus in den Abendhimmel gerichtet ist. Schroeter unterlegt die Szene mit Franz Liszt, der leise durch die Armeeradios nach Reichsheimat klingt.

Die Franzosen sind die Hauptfinanziers deiner Filme. Hat das was mit der Kultur zu tun, dass die mehr Kunst zulassen als die Deutschen?

Die Schauspieler sind ja zum Normaltarif gar nicht zu haben. Sie erkannten aber die Notwendigkeit, dass dieser Film entsteht. Nathalie Delon hat schon 15 Jahre lang alle Angebote abgelehnt. In Frankreich haben sie nie versucht, meine Phantasie zu reduzieren oder kritisch zu zerlegen, als wäre sie der Widerspruch zum Intellekt. Es wurde bei mir als Gesamtheit genommen. Der Gedanke und das Gefühl. Bei „Diese Nacht“ gab es ein bisschen Geld aufgrund der Aktivität von Frieder Schlaich und weil Paulo Branco mir diesen Film angeboten hat. Der Rest der Deutschen dachte, dass ich eh Krebs habe und nicht mehr lange leben werde. Es ist klar, dass es immer als marginal gilt, meine Filme zu finanzieren, weil sie tatsächlich im Erscheinungsbild recht ungewöhnlich sind. Sie sind halt entfernt vom Alltäglichen. Sie sprechen eher von der Alltäglichkeit der Seele, und diese Alltäglichkeit ist die Wirklichkeit für mich und nicht die Alltäglichkeit der Bank und Steuerfahnder.

In „Neapolitanische Geschwister“ wird die südländische Vitalität durch eine Leichenkutsche immer wieder durchbrochen. Der Tod als Leitmotiv, er wird zum Bestandteil des Lebens und kein theatralischer Vorgang. Ich bin, weil ich sterbe. Ähnlich auch wie der Junge in „Palermo oder Wolfsburg“?

Der Junge aus Palermo war ein „Ingenuo“, ein erdverbundener Mensch. In Italien ist das nicht gleichzusetzen mit Dummheit, sondern eher mit „ursprünglich“, also so ein ursprünglicher Mensch aus einem sizilianischen Dorf. Und in einem absurden Prozess, den ich im Laufe des Films mit viel Humor und Satire steigere, wird er letztendlich vom Mord freigesprochen, und die Rechtsanwälte halten ihre Schlussrede - da ruft er in den Saal: „Ich habe sie getötet (die Verführer seiner Geliebten), und ich wollte sie töten!“, und er spricht sich damit selber vor einem höheren Gericht frei.

Die Kamera ist während des ganzen Prozesses konzentriert an dem Jungen dran, der nicht mehr zuhören kann, der die Welt nicht mehr versteht.

Eines Morgens, ich war kurz vor den Dreharbeiten, kam eine Frau an und hatte ihre Hand in der Tasche, totenbleich, und es stellte sich heraus, dass dieser Junge (dessen Geschichte ich in „Palermo oder Wolfsburg“ erzählte) tatsächlich aus diesem Dorf Palma kam. Es war der gleiche Junge wie in meinem Film. Sie hatte einen Revolver in der Tasche und wollte mich töten. Sie zitterte. Ich hab' stundenlang versucht ihr beizubringen, dass dieser Film eine Verteidigung ihres Sohnes ist. Und über die Unvereinbarkeit von Systemen und die für mich notwendige Parteinahme. Ich habe keine Angst vor dem Tod oder vor meinem Mörder.

Berlin. Hier sitzt sie, die Roter-Teppich-Gesellschaft des deutschen Films. „Paris Bar“. Und unter den vergilbten Bildern des Lokals fühlt man sich sogar als Filmkünstler.

Welcher deutsche Regisseur ist denn für dich überhaupt ernst zu nehmen?

Oje. Ich habe im letzten Jahr aufgrund meiner Krankheit nur ganz wenig gesehen. Was ich gesehen habe und was mir sehr gut gefallen hat, war „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Was mich am Kino wirklich interessieren würde, ist die Suche nach neuen Formen. Ästhetische Innovationen. Das müsste parallel gehen mit der Suche nach dem eigenen Leben.

Was ist denn die Gegenwart in deiner Kunst?

Hier und jetzt. Und nur im wirklichen Augenblick. Auf Lateinisch „hic et nunc“. Bei mir laufen verschiedene Ebenen im Kopf und im Herz parallel. Die Zukunft drängt sich zunehmend in meinen Kopf hinein. Leben und Kunst waren für mich immer identisch. Man sucht im Leben. Man sucht hier und jetzt.

Hier und jetzt. Und ein Film über das 16. Jahrhundert.

In „Diese Nacht“: Die Apokalypse, die dargestellt wird, ist ja eine Parabel, die überall gültig ist. Hier und jetzt und übermorgen leider Gottes. Zum Beispiel in der Computergeneration von heute. Da müssen die Menschen nicht mehr mitdenken. Das Ziel der Intellektuellen und intelligenteren Menschen war ja, sich eine Kunstform und einen Spielraum zu erarbeiten, aus dem man auch schöpfen kann.

Der Berliner Schnürlregen überrascht uns auf der Terrasse. Wir wechseln in die „Paris Bar“, auf kostbare Ledersessel, vor missverstandener Kunst an den Wänden. Jeder, der hier den Sinn des Lebens abgefragt hat, hatte dem Besitzer ein „Abfallprodukt seiner Liebe“ hinterlassen. Die malerischen Ergüsse an den Wänden sind Gesellschaftsbilder einer ausgetrockneten Stadt. Zeit, Werner nach seinem Wunschzettel in Kyoto zu fragen.

Worin siehst du den Sinn des Lebens?

Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.

Kann Angst sinnvoll sein?

Aus der Angst vor dem Tod sucht der Mensch ein Leben lang nach dem Sinn des Lebens. Nicht vor dem Tod, sondern vor der Zerstörung, die er verursacht, sollte der Mensch Angst haben.

Der Regisseur und Schauspieler Peter Kern, 59, ist seit langen Jahren mit Werner Schroeter, 63, befreundet, er hat dessen Film „Der lachende Stern“ (1981) produziert und in „Malina“ (1991) mitgespielt. Schroeters Film „Diese Nacht“ feiert an diesem Dienstag im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig seine Premiere.

Quelle: F.A.S.
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