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Regisseur Roger Corman wird 90 : Mister Monster überm Schlund des Bösen

In der schlechten Wirklichkeit wie im besten Horrorfilm, etwa Roger Cormns „The Intruder“ (1962), sind oft die verhüllten Schrecken die deutlichsten. Bild: Subkultur Entertainment

Meister der Vermählung von Krawall und Totenstille, Ungeheuer zwischen Quatsch und Kunst: dem Regisseur und gewaltigen Kinovulkan Roger Corman zum neunzigsten Geburtstag.

          Endgültig weltberühmt wurde Roger Corman nach Jahren wackerer Arbeit an unüberschaubar zahlreichen Horrorfilmen, Thrillern, Science-Fiction-Abstrusitäten und „Käseschlarz“ (Felix Reidenbach) in den frühen sechziger Jahren durch eine Reihe freihändiger Filmbearbeitungen der Werke Edgar Allan Poes.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese pechschwarzen Teufeleien rissen den Vorlagen so erbarmungslos überzählige haarige Plot-Beinchen aus und nähten ihnen dermaßen geschickt neue Fledermausflügel aus im Dunkeln leuchtendem Fleischplastik an, dass der auf diese Weise zugleich geehrte wie geschändete wahnsinnige Dichterkönig von Baltimore selbst, hätte man ihn zur Begutachtung gezwungen, wohl schreiend, kichernd und überglücklich aus dem Kino geflattert wäre.

          Monster aller Art hat Roger Corman danach und davor eigentlich immer vor sich her gejagt, und falls sich mal niemand gruseln wollte vor all den Bienenfrauen im Ganzkörperfusselpelz oder Schleichschatten aus dem Weltraum, dann war Mister Monster auch zufrieden, wenn die Leute im Kino stattdessen empört buhten oder verzückt johlten. Hauptsache, irgendein Effekt trat ein, erzwungen mit allen erreichbaren Mitteln, weshalb sich die Schockschleuder Corman auch stets nur die allerbeste Hilfe ins Spukhaus holte, von Jack Nicholson vor der Kamera bis zu Martin Scorsese, Francis Ford Coppola oder Jonathan Demme dahinter.

          Ein Meister ästhetischer Doppelstrategien

          Cormans bahnbrechende Arbeit mit American International Pictures, einem kulturindustriellen Firmenhybriden aus Mehrfachideenverwertungsbüro, Irrenanstalt und Fließband, lehrte ihn von Mitte der fünfziger Jahre an alles, was er wissen musste, um 1970 seinen eigenen Laden New World Pictures zusammenzufrankensteinisieren, wo er dann unter anderem eine zukunftweisende „Mashup“-Methode an ausländischen Produktionen entwickeln ließ, etwa solchen aus Japan: Man nehme Importgut, breche es auf, weide es aus, krempele es um und drehe mit amerikanischen Publikumslieblingen mehr oder weniger sinnvolle Scharnier- und Stopfsegmente, presto, fertig ist ... tja: weiß der Henker, was, das man im Dunkeln mit Popcorn bewerfen kann. Roger Corman, skrupelloser Bewegtbild-Dealer? Im Gegenteil: Ein Züchter neuer Sparten war er, ein Bereicherer und Innovator, der sich neben seinem eigenen, schon rein quantitativ unbegreiflichen Ausstoß auch noch als amerikanischer Vertriebs-Ansprechpartner für Bergman, Kurosawa, Truffaut und Fellini verdient gemacht hat.

          Roger Corman im Juni 2011 in München
          Roger Corman im Juni 2011 in München : Bild: dpa

          Gar nicht hoch genug schätzen kann man ihn aber vor allem als Meister ästhetischer Doppelstrategien, etwa der Vermählung von Krawall und Totenstille, oft in derselben Szene, oder der giftmischergenau abgemessenen Kombination von Kunstvalenzen, die zur Schockstarre führen, mit anderen, die in Raserei versetzen. Nie vergaß er an seiner Werk- und Schlachtbank die unbeantwortbare Herzfrage aller Spannungs- und Gruselästhetiken: Soll man, wenn man Schlimmes überzeugend erzählen will, das Ungeheuerliche eher frontal zeigen (wie George Romero) oder eher fies andeuten (wie Val Lewton)?

          Ein kleiner Klassiker des politischen Spannungskinos

          In einem seiner besten Filme demonstriert Corman, wie man zwischen beidem manövrieren kann: Je nach Absicht (mal schmerzhafte Aufklärung, dann wieder emotionale Geiselnahme) enthüllt und verbirgt er das Raubtier, von dem „The Intruder“ (1962, deutsch: „Weißer Terror“) handelt. Das Allererstaunlichste an diesem Film ist für Menschen, die Horrorfilme schätzen und diesen deshalb sehr bewundern, dass hier gar kein Horrorfilm vorliegt, sondern ein kleiner Klassiker des politischen Spannungskinos.

          William Shatner als Handlungsreisender in Sachen Rassismusbusiness kommt kurz nach Verabschiedung der von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung erkämpften Integrationsgesetze in eine kleine Südstaatenstadt, um dort einen Feldversuch in Sachen, wie er sagt, „social reform“ zu unternehmen.

          Kein Sicherheitsabstand zur Stimme des Hasses

          Der Mann ist leutselig, ein Idealist und lächelt wie die Nächstenliebe persönlich - um im nächsten Moment, unbeobachtet, auf seinem Hotelzimmer mit dem Revolver aus dem Fenster zu zielen und wie ein ungezogenes Kind Schießgeräusche von sich zu geben: ein Schwelbrandstifter, zugleich triebhaft und berechnend, wohl die komplizierteste Figur, die Shatner je spielen durfte. Er meistert sie, angeleitet von Corman, der ihn mal im seelenmassierenden Einzelgespräch, dann wieder als Volksredner gegen (sieh an, das gab’s dortmals auch) die Lügenpresse zeigt.

          In der grausigsten Sequenz des Films, die unscheinbar beginnt und dann zubeißt wie eine Kobra, fragt der Geheimagent der weißen Abstiegsangst einen potentiellen Sponsor erst, ob die Schwarzen wirklich mit den Weißen lernen, essen und schlafen sollen, und verliert dann die Kontrolle über seine Stimme, gepeinigt von der Vision einer Zukunft, in der „niggers“ erlaubt wird, „to take over the whole world!“. Hier keift sie, die „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus), als Angreifer, der sich in der Defensive wähnt und, während er noch jammert, bereits droht. Corman hält in „The Intruder“ keinen pädagogischen Sicherheitsabstand zur Stimme des Hasses, wendet sich von ihr weder ab, noch fällt er je in ihren bodenlosen Schlund, sondern behält durchweg eine Sorte Kontrolle, die man in ihrer übers Handwerkliche weit hinausreichenden Tiefe unterschätzt, wenn man sie „Regie“ nennt. An diesem Dienstag wird dieser unerschrockene Blick neunzig Jahre alt.

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