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Regisseur Ceylan im Gespräch Leichensuche mit Humor

 ·  Nuri Bilge Ceylan kennt ein Leben ohne Fernsehen, liebt die Kontrolle und die Natürlichkeit des künstlichen Tons. Nun startet sein neuer Film „Once Upon a Time in Anatolia“.

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Herr Ceylan, Ihr Film trägt das „Es war einmal...“ im Titel. Ist das eine verspielte Referenz auf den Italo-Western und Sergio Leone, oder sehen Sie Ihren Film als eine Art Märchen an?

Im Gegenteil: Ich wollte, dass alles in dem Film so realistisch wie möglich erzählt wird. Sergio Leone mag ich allerdings sehr gerne. Und auch wenn dieser Film mit seinen Filmen fast nichts zu tun hat, wollte ich ihm mit diesem Titel einen kleinen Gruß senden. Das mir persönlich wichtigste Wort im Titel ist „Anatolien“, wo der Film spielt.

Es gibt ja schon noch mehr als einen Bezug zu Sergio Leone: Sie erzählen von Männerwelten und Männergefühlen, von einem Mord, und alles spielt in einer kargen Berglandschaft, die einige Ähnlichkeiten zu Westernschauplätzen aufweist. Wie bei Leone darf man auch lachen. Der Film scheint viel humorvoller und auch wärmer zu sein als Ihre früheren Filme. Wollten Sie Ihren Stil verändern?

Nicht bewusst. Aber so ist das Leben. Manchmal wird es lustig, nur weil man realistisch sein will. Tatsächlich hat der Film viel mehr Dialoge als meine früheren Filme. Im Prinzip habe ich oft den Eindruck, dass die Menschen eine Menge Unsinn reden und besser den Mund halten würden. Wenn man seine Mitmenschen genau beobachtet, fallen an ihnen viele witzige Seiten auf. Manche sind unfreiwillig und eher grotesk, andere warmherzig und von freundlichem Humor bestimmt. Ich hatte nicht die Absicht, witziger zu sein als sonst. Aber wenn es im Ergebnis so wird, das Publikum es so empfindet, ist mir das recht. Nur sollte klar sein: Ich versuche beim Drehen nicht mit Publikumserwartungen zu kalkulieren. Oder zwischen Humoranteilen und ernsten Anteilen abzuwägen. Der Zufall spielt eine größere Rolle, als man glaubt.

Sind Sie, wenn Sie einen Film beendet haben, selbst über das Ergebnis überrascht?

Nicht wirklich überrascht, aber ich bin immer recht unsicher, was das Ergebnis angeht. Dieses Gefühl war in diesem Fall noch etwas stärker. Während der Dreharbeiten und dem Schnitt bin ich gewissermaßen blind für meine eigene Arbeit. Man behält seine Sinne und seine Intuition, aber man verliert ein wenig die Verbindung zur Außenwelt. Daher war mir wirklich nicht klar, was der Film bedeuten und aussagen würde, und schon gar nicht, ob er witzig ist.

Was steht dann am Anfang? Auch eine Unsicherheit, oder etwas Konkreteres: Ein Gefühl? Eine Idee? Ein Ort?

Am Anfang steht eine Atmosphäre. Wenn ich die Atmosphäre einer Szene spüre, wenn sie in mir zu wachsen beginnt, dann spüre ich das Verlangen, sie auch zu erzählen. In der Stadt haben wir viele Freunde und Bekannte. Wir treffen uns in Bars, bei Empfängen, vielleicht zum Essen. Aber erst, wenn wir zum Beispiel eine Reise machen, oder ein paar Tage am Stück mit einer Person verbringen, beginnen wir zu verstehen, wie sie „tickt“. So etwas wollte ich erzählen: Die Figuren des Films machen auf der Suche nach der Leiche eine Reise zusammen. Und dabei enthüllen sie die unterschiedlichsten Seiten der menschlichen Natur.

Formal gehören Sie - als Ihr eigener Drehbuchautor, zum Teil Produzent und Hauptdarsteller - in die Tradition des klassischen europäischen Autorenfilms. Sehen Sie sich selbst auch in dieser Tradition? Wie funktioniert dieser Ansatz für sie?

Das weiß ich auch nicht genau. Und offen gesagt mache ich mir darüber auch wenig Gedanken. Über die Außenwahrnehmung kann ich nichts sagen. Was ich dazu sagen kann: Ich bin vollkommen frei. Niemand kann mir Vorschriften machen. Meine Filme sind völlig meine eigenen. Nicht ein Wort an ihnen muss verändert werden, wenn ich es nicht will. Ich bin mir sicher, dass ich wahrhaft unabhängig bin. Und in diesem Sinn gehöre ich in die Tradition des Autorenkinos. Aber was genau macht einen Autorenfilmer aus? Kontrolle vielleicht.

Kontrolle ist Ihnen offenkundig sehr wichtig.

Ja natürlich. Zum Beispiel beim Ton des Films. In „Once upon. . .“ gibt es viele Naturgeräusche. Aber natürlich ist das alles im Tonstudio genau komponiert worden - sonst würde es nicht so schön und „natürlich“ klingen.

Vorhin sagten Sie noch, Zufall sei wichtig.

Ich bevorzuge, dass man nicht planen muss. Aber am Ende muss man an vielen Punkten eingreifen. Natürlich will ich Perfektion, auch wenn sie praktisch unmöglich ist. Der Ton beeinflusst stark, wie man die Bilder und die Länge der Einstellungen wahrnimmt.

Also geht es auch nicht um Wahrheit oder Reinheit?

Oh nein. Nicht im Ton. Manchmal nehme ich den Ton einer Einstellung und das Bild einer anderen. Der echte Ton klingt meistens fürchterlich. Wir blenden als Zuhörer vieles aus. Im Kino hört man dann alles.

Woher kommt es, dass gerade die zwischen 1959 und 1966 geborenen Filmemacher eine goldene Generation des türkischen Kinos bilden? Hat es etwas mit der türkischen Geschichte zu tun? Sie waren zwischen 15 und 22, also in charakterprägendem Alter, als der letzte Militärputsch stattfand, ein rechtsextremer Staatsstreich, der blutige Repressionen zur Folge hatte.

Der Putsch und seine Folgen sind ungemein wichtig, ohne Frage. Das waren schreckliche Zeiten. Es gibt aber noch Wichtigeres. Wir sind eine einzigartige Generation in unserem Land: Wir wuchsen in der Zeit auf, als es in der Türkei noch kein Fernsehen gab. Aber wir sind jung genug, um noch durch die Anfangsjahre des Fernsehens miterzogen worden zu sein. Das Kino war für uns viel wichtiger als für die Jüngeren. Ich erinnere mich noch an die Aura, die jeder Kinobesuch besaß. Jeder Film hat unser Leben verändert. Und da ich in einer kleinen Stadt, die von Dörfern umgeben war, aufwuchs, erinnere ich mich auch noch daran, dass es bei manchen meiner Verwandten keinen elektrischen Strom gab. Wir kannten die Dunkelheit! Sie war im Leben dieser Menschen sehr wichtig, weil sie die Vorstellungskraft anregt. Alle begegneten sich am gemeinsamen Feuerplatz; und das Feuer warf große aufregende Schatten. Es gab immer Legenden über Friedhöfe, und was dort angeblich herumspukte. Ich erinnere mich auch noch gut an Nachtwanderungen auf die Berge. Dann kam das Fernsehen, und später das Internet. Meine Generation kennt alle Phasen dieses rasanten Wandels. Das Leben war früher sehr romantisch. Wir kennen diese romantischen Zeiten. Die Filme dieses Zeitalters spiegeln dieses andere Weltempfinden. Ich vermisse diese Zeiten manchmal, auch wenn ich im Gegensatz zu meiner Gesellschaft eine realistische Person bin.

Die Fragen stellte Rüdiger Suchsland.

Quelle: F.A.Z.
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