Könnte dieses Interview genauso auch in Teheran stattfinden?
Im Großen und Ganzen schon. Nur werden die Interviews dort meist im Büro geführt, selten in Cafés.
Würden Sie dort auf Fragen anders antworten, vorsichtiger?
Nicht wirklich. Nur habe ich, wenn ich außerhalb Irans bin, mehr das Gefühl, für mein ganzes Land antworten zu müssen. Deshalb drücke ich manche Dinge vielleicht vorsichtiger aus. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die zu Hause still und schweigsam bleiben und dann anfangen zu schreien, sobald sie außer Landes sind. Wenn ich will, spreche ich meine Meinung auch laut aus. Ich finde es aber auch nicht richtig, ständig zu jammern und das Mitleid des Westens herauszufordern.
Ihre Filme handeln vor allem von der städtischen Mittelschicht in Iran. In „Elly“ zeigen Sie, wie diese Menschen zerrissen sind zwischen religiösen und moralischen Vorschriften und ihrem persönlichen Streben nach Glück. Wo steht das iranische Bürgertum heute?
Es stellt den höchsten Bevölkerungsanteil in Iran, auch ich gehöre dazu. Von dieser Schicht hängt die Zukunft unseres Landes ab. Ebendeshalb muss man sie auch sehr deutlich kritisieren. Ich kann die Lebenswirklichkeit dieser Leute natürlich besser zeigen, indem ich sie mit Angehörigen ärmerer Schichten konfrontiere. Die Rolle, die die Kultur in Iran in Zukunft spielen wird, hängt jedenfalls entscheidend von dieser Mittelklasse ab.
In „Nader und Simin“ wird ein Gerichtssaal zum Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Mittel- und Unterschicht. Ist das, was man bei Ihnen sieht, tatsächlich der juristische Alltag in Iran?
In unserer Gesellschaft gibt es einen Konflikt zwischen gestern und morgen. Es gibt die Leute, die sich an Traditionen klammern, und andere, die auf Modernisierung hoffen. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es viele versteckte Auseinandersetzungen, die die Gesellschaft insgesamt teuer zu stehen kommen - wie bei einem Kranken, dessen Krankheit nicht diagnostiziert wird und sich deshalb immer weiter ausbreiten kann. Die Lösung besteht nicht darin, dass eine der beiden Gruppen unterliegt, sondern beide müssen zu einem Dialog zusammenfinden.
Aber wie sollen sich religiöse Fundamentalismen und zivilrechtliche Maßstäbe miteinander aussöhnen?
Die Bilder, die sich diese beiden Lager voneinander machen, beruhen auf Täuschungen. Sobald sie bereit sind, die Ansprüche des jeweils anderen anzuerkennen, sobald die Traditionalisten ihr Bild von der modernen Welt als einem Hort des Bösen beiseitelegen und die Modernisten ihre Vorurteile gegen die traditionelle Religion überwinden, kann man zu einer Übereinkunft kommen.
„Nader und Simin“ zeigt viel Streit und Leid, aber der Film distanziert sich von keiner seiner Figuren. Wie haben Sie beim Drehen diese Balance hergestellt?
Diese Menschen wollen ja alle in Würde leben. Ihre Tragik liegt darin, dass sie unter dem Druck einer Lüge leben müssen. Beim Proben habe ich zu jedem meiner Schauspieler gesagt: Deine Figur hat recht. Für dich ist es richtig, so zu handeln, wie du handelst.
Im vergangenen Herbst wurden die Dreharbeiten zu „Nader und Simin“ unterbrochen, nachdem Sie sich beim Jahresempfang des iranischen Regisseursverbands öffentlich für die Aufhebung des Berufsverbots gegen ihren Kollegen Jafar Panahi eingesetzt haben. Später haben Sie sich für Ihre Bemerkung entschuldigt. Was ist da passiert?
Es gibt ein jährliches Fest der iranischen Filmakademie in Teheran. Dort habe ich für „Elly“ den Preis für den besten Film erhalten. In meiner Dankrede habe ich die Hoffnung geäußert, dass diejenigen Regisseure, die keine Erlaubnis zum Drehen haben oder außer Landes arbeiten, eines Tages wieder in Iran drehen können. Ich habe mir nichts Besonderes dabei gedacht, aber kurz darauf hieß es, wir müssten die Dreharbeiten zu „Nader und Simin“ stoppen. Ich habe das zuerst ignoriert, aber dann habe ich gemerkt, dass es denen tatsächlich ernst war. Wir haben die Arbeit für acht Tage unterbrochen. Erst als die Medien über den Fall berichteten, konnten wir weitermachen.
Wie darf man sich das Wirken der Zensur vorstellen? Kam Polizei auf den Set?
Nein, mein Regieassistent bekam einen Anruf, den er an mich weitergab. Man sagte mir, ich müsse mit dem Drehen aufhören, sonst bekäme mein Film keine Freigabe. Ich habe dann getan, was ich tun musste, um den Film zu retten.
Vor zehn Jahren waren Abbas Kiarostami und Mohsen Makhmalbaf die bekanntesten iranischen Regisseure, heute sind es Sie und Jafar Panahi. Wo sehen Sie sich selbst in dieser Entwicklung?
Ich sehe mich in der Tradition des poetischen Realismus, die mit Kiarostami begonnen hat. Das bedeutet nicht, dass ich dieselbe filmische Ausdrucksweise habe wie er. Aber uns allen ist gemeinsam, dass wir unser Publikum respektieren. Ich versuche, verschleierte Wahrheiten in eine realistische Erzählung einzubauen. Der Zuschauer muss diese Wahrheiten dann selbst entdecken.