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Raubkopierer Frankreich verhaftet den ersten Internet-Piraten

20.11.2003 ·  Frankreich macht Ernst mit dem Kampf gegen das Raubkopieren im Internet. Vor kurzem wurde der erste „Netz-Pirat“ verhaftet. Er hatte „Findet Nemo“ in eine Tauschbörse gegeben.

Von Jürg Altwegg
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Frankreich macht Ernst mit dem Kampf gegen das Raubkopieren im Internet. Vor kurzem wurde der erste "Netz-Pirat" verhaftet. Er hatte "Findet Nemo" in eine Tauschbörse gegeben - schon Ende August. Die Besucher der Pariser Premiere von "Matrix", die weltweit gleichzeitig stattfand, wurden durchsucht, als wären sie potentielle Terroristen. An vorderster Front gegen die Internet-Piraterie steht die Agentur Alpa - "Association de lutte contre le piratage audiovisuel".

"Die Vorführung steht unter hoher Bewachung", war auf den Einladungen zu lesen, "Aufnahmegeräte sind nicht zugelassen. Um die Kontrollen möglichst schnell abzuwickeln wird empfohlen, wenig persönliche Sachen mitzunehmen." Was immer die Veranstalter befürchtet haben mögen, die Umstände der "Matrix"-Pressepremiere zwei Tage vor dem offiziellen Filmstart zeugen von der Panik, in die Frankreichs Filmbranche geraten ist. In den Kinos gehen die Besucherzahlen dramatisch zurück. Als Ursache werden sowohl der Boom der DVDs, mit denen inzwischen mehr verdient wird als mit den Eintrittsgeldern, wie das systematische Raubkopieren genannt.

Schicke Vorpremieren

Dreißigtausend Filme werden monatlich in Frankreich im Internet heruntergeladen, Tendenz rapide steigend. 600.000 sollen es in den Vereinigten Staaten sein. Das illegale Kopieren von Musik, Videospielen und nun auch Filmen ist der eigentliche Motor der rasanten Internetverbreitung. Das Kopieren wird von den Highspeed-Anbietern in ihrer Werbung schamlos propagiert. 1,6 Millionen ADSL-Internet-Anschlüsse waren Ende 2002 in Betrieb. Inzwischen sind es doppelt so viele. Fünf Millionen sollen es 2004 sein. Aus dem Internet holt man sich den Kulturkonsum zum Nulltrarif und auch noch als schicke Vorpremiere.

Die Musikindustrie steckt in einer tiefen Krise. Den Kampf gegen die Netzpiraten hat sie vielleicht schon endgültig verloren. Die großen Labels hatten die Gefahr verkannt und hofften insgeheim, daß der Mißbrauch vor allem die Konkurrenten schwächen würde. Für die Filmbranche steht noch mehr auf dem Spiel: "Es gibt sehr viel weniger Filme als musikalische Kompositionen. Und jeder Film beruht auf gewaltigen finanziellen Investitionen", erklärt Nicolas Seydoux. Der Chef des Branchenriesen Gaumont, der Filme produziert und landesweit Hunderte von Sälen betreibt, hat sich höchstpersönlich für das Amt des Alpa-Präsidenten zur Verfügung gestellt: "Wir wollen verhindern, daß im Bereich des Films das gleiche geschieht wie in der Musik. Alle Beteiligten - Regisseure, Produzenten, Schauspieler, Verleiher, Kinobetreiber, auch die Fernsehverantwortlichen - sind der Überzeugung, daß das Raubkopieren ein Krebsgeschwür ist, das zum Tod des Films führend kannd." Frankreich sei das einzige Land in Europa, das noch über eine schlagkräftige Filmindustrie verfüge. Jugendliche, hat Seydoux beobachtet, unterhalten zum Film ein Verhältnis wie zur Musik: Sie sehen sich ein Werk nicht ein- oder zweimal, sondern immer wieder an.

Amateure und Profis

"Es gibt zwei Arten von Piraten", argumentiert Seydoux: "Amateure, die das Downloading eines Films für einen ganz normalen und keineswegs kriminellen Vorgang halten, und Profis, die Raubkopien im großen Stil herstellen und vertreiben." Gegen beide will die Branche vorgehen. Sie ist zum Kampf entschlossen, es geht um ihr Überleben. Gegen die zunehmend organisierte Fälschungsindustrie, deren Produkte bezüglich der Qualität von den legalen Datenträgern kaum zu unterscheiden sind, kann man juristisch vorgehen, auch wenn große Erfolge ausbleiben. Die Verluste gehen in die Millionen. Aber möglicherweise viel schlimmer ist das selbstverständliche Kopieren aus dem Internet zum Eigengebrauch und für die Freunde. Es findet in einer Grauzone des Urheberrechts statt. Seydoux schließt nicht aus, daß das Prinzip der erlaubten Kopie zu ausschließlich privaten Zwecken in Frage gestellt werden muß. Die Gesetze müßten den technischen Möglichkeiten angepaßt werden, fordert der Alpa-Präsident. Von einem "Internet-Groschen" ist nicht die Rede - es geht um Millionen. Möglichkeiten, wie das Bezahlen durchgesetzt werden könnte, werden indes ebenso erwogen wie neue Steuerabgaben. Der Datenschutz, kritisiert Seydoux, schütze nicht die Künstler und die Urheber, sondern die Parasiten und Hehler. Es sei nicht einmal erlaubt, Piraten, die Filme oder musikalische Stücke an Tauschbörsen vermitteln, in Karteien zu erfassen.

Die vor einem Jahr gegründete Agentur Alpa, die von der Branche finanziert wird, soll sehr schnell verstärkt und systematisch ausgebaut werden. Momentan beschäftigt sie acht festangestellte Mitarbeiter. Ein eigener Internet-Auftritt ist erst im Entstehen. Doch den Alpa-Fahndern ist soeben ein ziemlich großer Fisch ins Netz gegangen. Wochenlang sind sie seiner Spur gefolgt. Schließlich gelang es ihnen, einen Franzosen zu entdecken, der Ende August den Trickfilm "Findet Nemo" ins Internet gestellt hatte. Binnen zwei Monaten wurde das Werk über den tropischen Raubfisch, der durch den Abfluß eines Waschbeckens in die Freiheit des Meeres zurückfindet, zum meistkopierten Film in Frankreich. Das zumindest sagt der Alpa-Sprecher. Die Bilder hatte der französische Netzkriminelle von einer amerikanischen Internetseite heruntergeladen, den Ton konnte er in Kanada auftreiben. In seiner Wohnung in der Pariser Banlieue fand die von Alpa benachrichtigte Polizei auf der Festplatte seines Computers 700 Filme. Von noch mehr Werken besaß er eine Raubkopie auf CD. Beschlagnahmt wurde auch ein leistungsfähiges Presswerk.

Die Ermittlungen laufen noch. Man weiß nicht wirklich, ob aus dieser Werkstatt auch Raubkopien en masse auf den Schwarzmarkt kamen. Es könnte sich beim den Verhafteten auch um einen versierten Internetfreak handeln, der das "Tauschen" von Filmen, Musik und Spielen als subversive Leidenschaft betrieb. Die Alpa-Detektive jedenfalls, denen die Überführung gelang, feiern ihren ersten spektakulären Erfolg: Der erste Internet-Pirat in Frankreich sitzt im Gefängnis. Im Zuge der ausgedehnten Erkundungen wurden mehrere Internetseiten geschlossen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. November 2003
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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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