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Radio in Amerika Achtundsechzigmal F. . .

12.01.2006 ·  Howard Stern hat nichts als Sex im Kopf. Und redet über fast nichts anderes im Radio. Der Mann hat Kultstatus, ist ein Revolutionär und für seinen Sender Gold wert. Sein Wechsel zu „Sirius“ steht für eine neue Radio-Ära in Amerika.

Von Matthias Rüb, Washington
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Es wäre revolutionär, würde Howard Stern nicht alles, was er tut, als revolutionär preisen. Aber vielleicht hat er (auch) diesmal (wieder) recht. Am Montag um sechs Uhr früh ging die vierstündige Liveshow des bekanntesten Radiomoderators Amerikas auf dem Satellitensender „Sirius Radio“ auf Sendung - ergänzt durch das aufgezeichnete Nachrichtenprogramm „Howard 100 News“, das aus der Welt berichtet, wie Howard sie sieht.

Zwar ist das Studio in Manhattan, aus dem Howard Stern und sein Team fortan jeden Werktag fünf Stunden zu senden haben, noch nicht ganz fertig, und die ersten Sendungen waren von allerlei technischen Pannen begleitet. Aber daß mit der Radioshow des 51 Jahre alten Stern, der seit einem Vierteljahrhundert die Entwicklung des Radiogeschäfts in Amerika wesentlich mitgeprägt hat, eine neue Epoche begonnen hat, kann man schon jetzt sagen.

Grund zur Klage

Im Oktober 2004 ließ Stern wissen, er habe mit dem Satellitensender „Sirius“ einen Vertrag geschlossen, der ihn zunächst von Anfang 2006 an für fünf Jahre an das Unternehmen binden und einen finanziellen Umfang von bis zu 500 Millionen Dollar haben werde. Ein knappes halbes Jahr zuvor war Sterns Radioshow von seinem damaligen Arbeitgeber „Infinity Radio“, der heute „CBS Radio“ heißt, aus dem Programm von sechs lokalen Ultrakurzwellensendern genommen worden. Damit hatte CBS eine Maßregelung der Bundesaufsichtsbehörde über das Fernmeldewesen (Federal Communications Commission, FCC) an seinen Starmoderator weitergegeben, der wegen seiner berüchtigten Beiträge über alle erdenklichen sexuellen Praktiken seinem Sender wieder einmal eine saftige Geldstrafe eingehandelt hatte.

Anfang Februar 2004 war es in der Pausenshow des Football-Endspiels „Superbowl“ zu dem inzwischen historischen „Garderobenfehler“ von Janet Jackson gekommen, die als eine Art Schlußtusch ihres Gesangsduos mit Justin Timberlake für Sekunden ihre linke Brust entblößte - sichtbar für 89 Millionen Live-Zuschauer von CBS. Der Sender mußte für den indezenten Fehltritt 550.000 Dollar Strafe an die FCC zahlen - eine Rekordsumme in der Geschichte der FCC, die übrigens 2005 wieder wesentlich weniger Geldstrafen verhängte als in dem denkwürdigen „Strafenjahr“ 2004.

Werbekunden und Hörer ziehen das Internet vor

Jedenfalls nahm Stern die Streichung seiner Radioshow aus dem Programm von sechs lokalen CBS-Sendern zum Anlaß, seinem Arbeitgeber, dem er jährlich immerhin Werbeeinnahmen von etwa hundert Millionen Dollar beschert hatte, seinerseits zu kündigen. Denn Howard Stern war und ist Radiokult - mit zuletzt gut zwölf Millionen Zuhörern täglich. Manches spricht dafür, daß der Weggang Sterns von CBS im „Schwellenjahr“ 2004 und der Beginn seiner täglichen Liveshow bei „Sirius“ tatsächlich eine Wasserscheide in der Geschichte des amerikanischen Rundfunks markiert.

Die herkömmlichen kommerziellen Radiosender, die ihr auf Ultrakurzwelle ausgestrahltes Programm jahrzehntelang mit den aktuellen Rock- und Pop-Hits zu bestücken pflegen, sehen sich seit einigen Jahren einem doppelten Abfluß ausgesetzt: Immer mehr Werbung wandert ins Internet ab und immer mehr Musikkonsumenten laden sich ihre Lieblingsstücke ebenfalls übers Internet auf ihre iPods herunter und spielen sich ihre Hitparade selbst. In Washington wurde Anfang vergangenen Jahres der traditionsreiche Rocksender WHFS fast über Nacht in „El Zol 99.1“ umgewandelt - einen Sender für die wachsende Zahl der Latinos unter den Einwohnern im prosperierenden Einzugsbereich der Hauptstadt. Und dieser Tage wurde angekündigt, daß die Tageszeitung „Washington Post“ die Frequenzen des abrupt eingestellten Popsenders „Z-104“ zur Ausstrahlung eines Nachrichtenprogramms übernehmen wird.

„Nur Vorstellungskraft wird uns Grenzen setzen“

Und schließlich wächst den terrestrisch ausgestrahlten FM-Radiosendern mit den digitalen Satellitensendern eine zunehmend mächtige Konkurrenz heran - und wer anders als Howard Stern hätte diesen Trend besser erkennen und fördern können? Weil die FCC über das Programm der Satellitensender, die nur von Abonnenten zu empfangen sind, keine Aufsichtsbefugnis hat, kann Stern in seiner Show sagen und tun, was er will. „Nur unsere Vorstellungskraft wird uns künftig Grenzen setzen“, jubelte Stern am ersten Tag seiner Show.

Er nutzte seine neue Freiheit, um zum Beispiel achtundsechzigmal das verpönte F-Wort zu benutzen und auch sonst kernig zu fluchen; ein bißchen Telefonsex mit dem Playmate Heidi Cortez zu machen (oder zu simulieren); einen Stimmenimitator von David Letterman über dessen Analverkehr mit einer Pornodarstellerin berichten zu lassen; seinen Komoderator George Takei - bekannt als Sulu aus der Serie „Star Trek“ und soeben als Schwuler geoutet - über dessen sexuelle Vorlieben zu befragen; und schließlich wiederholt bei David Lee Roth, seinem Nachfolger auf dem angestammten Sendeplatz bei „CBS Radio“ anzurufen, obwohl dieser partout nicht mit Stern telefonieren wollte.

Zahl der Radio-Abonnenten verfünffacht

Ob Stern die von ihm selbst kunstvoll emporgeschraubten Erwartungen in der neuen Epoche des Rundfunks wird erfüllen können, kann er selbst nicht wissen. Jedenfalls hat der Handel mit diesen Erwartungen seinem Sender und ihm selbst schon vorab gute Geschäfte beschert. Die Zahl der Abonnenten von „Sirius“, die monatlich 12,95 Dollar für hundert digitale Radiosender - von werbefreien Kanälen für Musik aller Art über Nachrichten-, Wetter- und Wirtschaftssender bis zu Sportkanälen mit Live-Berichten aus den beliebtesten amerikanischen Profiligen - bezahlen, ist vom Zeitpunkt der Bekanntgabe der Verpflichtung Sterns von 600.000 auf jetzt 3,3 Millionen emporgeschnellt.

Stern und sein Manager erhielten zum Jahresanfang als Prämie für das Erreichen einer bei Vertragsschluß im Oktober 2004 vereinbarten bestimmten Zahl von Abonnenten 34 Millionen Aktien des Senders - mit einem Marktwert von derzeit 225 Millionen Dollar. Wie es heißt, will Stern sein Aktienpaket gleich verkaufen, um gleich zu Beginn seiner neuen Laufbahn groß Kasse zu machen.

Erfolgsfaktor Autoradio

Der zweite Anbieter von Satellitenrundfunk in den Vereinigten Staaten, „XM Radio“, liegt mit derzeit gut sechs Millionen zwar noch vor „Sirius“, wächst aber nicht so rasch wie der Konkurrent - und versucht mit der Verpflichtung von Stars wie Bob Dylan und dem Rapper Snoop Dog verlorenen Boden gutzumachen. „Sirius“ wiederum will unter anderem Bruce Springsteen und Martha Stewart, die gefallene und nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe wiedererstandene Einrichtungs- und Lebensstilkönigin Amerikas, verpflichten.

Für den Erfolg beider Unternehmen, die seit Jahren Verluste erwirtschaften und hohe Schuldenberge vor sich herschieben, ist die Verbreitung satellitenfähiger Autoradios entscheidend. Dabei setzt „XM“ auf seinen Vertrag mit GM, dem größten Automobilhersteller der Welt, während „Sirius“ unter anderem Verträge mit Ford und Daimler-Chrysler hat. Bisher werden die Satellitenradios nur in Luxusmodelle der Autohersteller eingebaut, doch wenn in absehbarer Zeit die Mehrheit der amerikanischen Autokäufer in ihren Neuwagen auch der Mittelklasse ein digitales Satellitenradio vorfinden, wird die Schwelle zur Verpflichtung auf ein Abonnement, das täglich weniger als einen halben Dollar kostet, deutlich niedriger. Möglicherweise wird man in ein paar Jahren sagen, daß im Jahr 2006 eine Revolution im amerikanischen Radiogeschäft begonnen hat. Howard Stern jedenfalls war von Anfang dabei.

Quelle: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 40
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