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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Projekt Mittelerde Heidi und der kleine Hobbit

 ·  Madoff und Mittelerde: Bernd Greisinger war einmal ein Börsenstar. Jetzt hat er eine neue Phantasie - ein unterirdisches Hobbit-Museum in der Schweiz.

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© Bernd Greisinger

In der Höhle des kleinen Hobbit werden Fans dereinst leibhaftig übernachten können. Sie wird im schweizerischen Graubünden unter der Erde nachgebaut. Ihr Modell ist der Film „Der Herr der Ringe“ gebaut. Wie authentisch ihre Ausstattung erfolgt, demonstriert der Hausherr der Höhle gleich mit einer kleinen Privatvorführung im Kino, das bereits funktioniert. Das Tor aus Eiche, jedes Eisen am richtigen Platz - echt wie in Peter Jacksons Verfilmung. Sie hat Bernd Greisinger auf den Weg gebracht. Die Fantasy-Szene kennt ihn als größten Sammler von „Mittelerde“, wie Tolkien sein literarisches Universum benannt hat. Dass er auch sonst schon Schlagzeilen gemacht hat, war uns beim etwas überstürzten Besuch in Jenins nicht bekannt. Es galt, dem Start des neuen Films „Der kleine Hobbit“ zuvor zu kommen.

Vom Bahnhof Landquart aus fährt das Postauto im Schneetreiben nach Jenins. Bei der Haltestelle „Sonne“ aussteigen, hat Greisinger am Telefon erklärt. Nur wenige Minuten dauert der Fußweg zu seinem Dreifamilienhaus, das sich der Vater zweier Kinder vor ein paar Jahren in der „Bündner Herrschaft“ auf einem Grundstück von dreieinhalbtausend Quadratmetern gebaut hat. Sie ist für ihre guten Weine bekannt. Frau Greisinger führt den Besucher an einer riesigen Garage vorbei in die unterirdischen Gefilde. Hier wird er von Bernd Greisinger, 48 Jahre alt, in Empfang genommen. Dessen Vater - und Vizepräsident - weicht keine Sekunde von der Seite des Sohnes.

„Mit Geld Geld verdienen“

Die Greisingers stammen aus Mainz. „Bei der Bundeswehr“, blickt der Museumsgründer zurück, „konnte ich schon als junger Mensch die Führung von Menschen lernen.“ Der Unteroffizier spielte mit dem Gedanken, Lehrer zu werden. Doch deren Einkommen entspricht nicht seinen Vorstellungen. Noch bei der Luftwaffe hatte er „festgestellt, dass mich Finanzen interessieren, dass man mit Geld Geld verdienen kann. Und dass es funktioniert.“ Er verkaufte Versicherungen und ging dann zur Mainzer Sparkasse. Sehr schnell habe man ihn in die Anlageberatung geholt, „wo die Leute erst nach zehn oder fünfzehn Jahren hinkommen. Nur, bei der Bank verdient man auch nicht viel, und ich wollte nicht ewig warten, um Bankdirektor zu werden.“ Er machte sich selbständig.

Zu Beginn des dritten Jahrtausends wurde aus Bernd Greisinger ein Börsenstar. Als nach dem Attentat auf das World Trade Center in New York die Kurse zusammenbrachen, legten seine Fonds jedes Jahr zu. Er wurde von Nachrichtensendern wie n-tv und N24 interviewt. Im Jahr 2003 kam „die Nominierung zum Fondsmanager des Jahres“ und er wurde, wie er erzählt, von einer Zeitschrift zur nächsten gereicht. Damals erschien auch im Finanzmarkt dieser Zeitung ein Porträt des „Außenseiters aus Mainz-Hechtheim“, der „die Dachfonds-Konkurrenz düpiert“ und dessen Büro „mehr an eine Wohnung erinnert“: Luftschlangen auf dem Tisch, Karnevalsorden an der Wand. „Das Zauberwort heißt Gewinnmitnahme“, wurde Greisinger zitiert.

Fantasy und Rollenspiele

Es sind die Jahre, in denen „Der Herr der Ringe“ in die Kinos kommt. Greisinger hatte den Roman nicht gelesen, der Film fasziniert den gefeierten Börsenstar und verändert sein Leben. Ein Spielertyp war das gefeierte Wunderkind der Finanzbranche schon immer, „Karten bis Schach“, Schwerpunkt Taktik und Strategie. In den neunziger Jahren begeisterte sich der Dreißigjährige für Fantasy-Rollenspiele. Nicht nur am Tisch. Auch draußen, in der freien Natur. Ganze Wochenenden lang. „Im Wald, auf der Burg, in Jugendherbergen. Da gibt es die Spielleitung, die den Rahmen absteckt. Und irgendwelche Feinde, die es zu bezwingen gilt. Magier, Elfen, Ritter, Krieger. Mit Speer und Schild und gespielten Verletzungen, die geheilt werden können oder auch nicht.“

Greisinger verdient viel Geld. Peter Jacksons Filme werden zu seiner Welt. Ihre Nachbildung in der Wirklichkeit beginnt mit dem Sammeln. Jeden Monat kauft er für dreißig oder fünfzig Tausend Euro irgendwelche Stücke. Bücher, Büsten, Bilder mit Bezug zu Tolkien und „Mittelerde“ - auch den ganzen Kitsch und Quatsch des unsäglichen Merchandisings, das den Kindern von J.R.R. Tolkien so unangenehmen ist und das sie nicht verhindern können. All das kommt ins Museum. Auf der am letzten Freitag aufgeschalteten Homepage gibt Greisinger das Gründungsdatum mit 2008 an.

Doch ganz so nahtlos, wie es Greisinger dem Journalisten erzählt, hat die Fantasy ihren Fan denn doch nicht der Welt der Finanzen zu entlocken vermocht. Seine Entzauberung als Geldgenie kommt in seiner Geschichte nicht vor. 2008 war auch das Jahr des Madoff-Skandals, von dessen Folgen in Deutschland Greisingers „BG-Fonds“ wie keine anderen betroffen sind: sie bestanden bis zu vierzig Prozent aus Madoffs kriminellem Schrott und wurden liquidiert. Greisinger nutzte das Verfahren als „Gelegenheit zum Ausstieg aus der Finanzbranche“, wie er in einer Email am Wochenende schreibt: „Ich habe Ihnen das nicht erzählt, weil Madoff mit mir nichts zu tun hatte. Ich bin ebenso ein Opfer wie viele Tausende anderer Menschen auch.“ Ihren Schaden beziffert er nicht, nur: „Ich habe keine Schuld an den Verlusten von Anlegern.“ Und später nochmals: „Ich bin ‚Opfer’ und kein ‚Täter’.“

Greisinger Mittelerde Collection

Zwei Millionen hat er schon in den Tiefbau investiert. „Jeder Raum vermittelt dem Besucher den Eindruck, in Mittelerde zu verweilen.“ Hier unten, unter dem gemütlichen Völklein der harmlosen Hobbits, bei Tolkiens „Halblingen“ ist es Greisinger sehr viel wohler als bei den Haien der Finanzwelt. Doch deren lange Schatten holen ihn derzeit noch immer auch im Reich der Fantasy ein: „Mir liegt ein Angebot vor, wieder als Fondsmanager zu arbeiten“. Aber Greisinger hat endgültig keine Lust mehr. Vermutlich gräbt er die Höhle der Hobbits nur für seinen eigenen Rückzug. Was er denn sonst noch lese neben Tolkien? „Eigentlich nichts“, er ist voll ausgelastet mit seiner Mission. Das Museum ist zu seinem Lebensinhalt geworden. Es vereinigt Kitsch und Kunst und Literatur, will als Archiv und Bibliothek auch einen akademischen Anspruch erfüllen und als Erlebnispark die Welt der Fantasy auf eine erfrischend naive Weise Wirklichkeit werden lassen.

Mit der Baubewilligung gab es keine Probleme, in der Schweiz hat man Verständnis für Sonderlinge und unterirdische Bunker. Was Jenins erwartet, hat im Dorf noch keiner realisiert. Die Frau, die dem Fremden an der Haltestelle Sonne den kurzen Weg beschreibt, hat noch nie von Greisinger und seinen Plänen gehört. Wie alles ablaufen soll, weiß er selbst noch nicht so genau. Ein „Museum für Fans“ werde es sein. Als gewandter Redner und leidenschaftlicher Spieler will sich Greisinger selbst in die Animation einbringen und seine neue Rolle als Herr und Wunderkind in der Fantasy spielen. Gratis wird der Eintritt nicht sein. Sogar für Busse wird es Parkplätze geben, mit Reiseveranstaltern will man zusammenarbeiten: bis nach „Heidiland“, dem benachbarten Freizeitpark, sind es keine zwei Kilometer Luftlinie. Im kommenden September wird das „Greisinger Museum“ eröffnet und der Menschheit die „Greisinger Mittelerde Collection“ zugänglich gemacht, „die weltweit größte und bedeutendste ihrer Art“.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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