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Programmpläne Was im Fernsehen auf uns zukommt

29.07.2004 ·  Eine „Wok-Drei-Bahnen-Tournee“ mit Stefan Raab, die Suche nach einem Traummann, der vielleicht schwul ist, und viele, viele „Events“: die Programmpläne der Fernsehsender für die neue Saison.

Von Stefan Niggemeier
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Und was läuft bald im Fernsehen? Fragen wir die Sender: Bei Sat.1 kommen "Formate mit Ereignischarakter", Pro Sieben verspricht monatliche "Prime-Time-Events", Kabel 1 will seine "erfolgreiche Event-Strategie" fortführen, und die Senderfamilie, in der die drei vereint sind, kündigt an, in allen Genres auf "Events" zu setzen.

Na bravo! Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieses "ersten Premierentages", auf dem Pro Sieben Sat.1 den Werbekunden und der Presse das Programm der kommenden Saison vorstellte: Die Magie, die das kleine Wort Event auf Fernseh- und Marketingleute ausübt, ist ungebrochen.

Das ist die Zukunft

Leider ist das, was sie damit meinen, nicht immer ein Ereignis, auf das sich der Zuschauer freuen kann. Guillaume de Posch, Vorstandsvorsitzender der Senderfamilie, nennt als Beispiel für gelungene Eventprogrammierung das, was Pro Sieben mit der letzten Staffel von "Sex and the City" gemacht hat: Der Sender zeigte im Frühjahr nur eine Hälfte der Folgen und strapazierte die Geduld der Fans außerdem dadurch weiter, daß er sie in Blöcken mit Wiederholungen verpackte. Jede der vier Frauen war also an einem Abend mit verschiedenen Freunden schon zusammen, nicht mehr zusammen, wieder zusammen, gerne auch in umgekehrter Reihenfolge. Endgültig zum Event wurde "Sex and the City" durch mehrere "Specials", in denen unausgelastete Prominente wie Roberto Blanco erzählten durften, wie sie über Sex reden. Davon also erwartet uns mehr. Das ist die Zukunft.

Zu den Pro-Sieben-Events in den nächsten Monaten gehört, daß Stefan Raab seine "Wok-WM" zu einer "Wok-Drei-Bahnen-Tournee" ausbaut und um ein Spring-Championat ergänzt. Die Bedeutung von Raab für Pro Sieben wird also noch steigen, was für den Sender problematisch werden könnte: Um weniger abhängig von den schwankenden Werbeeinnahmen zu sein, will der Sender den Anteil von Erlösquellen wie Merchandising oder Call-in-Einnahmen in den nächsten fünf Jahren von acht auf bis zu 20 Prozent steigern.

Dazu gehört, daß der Sender diese Vermarktungsrechte bei all seinen Programmen besitzen will. Das Geschäftsmodell von Raab und der Produktionsfirma Brainpool beruht aber genau darauf, daß er diese Rechte selbst besitzt. Verschärfend kommt hinzu, daß die Firma Brainpool, bei der auch Anke Engelke und Oliver Pocher unter Vertrag stehen, gerade von MTV gekauft wurde. Guillaume de Posch deutete an, daß man das Verhältnis zu dem Partner genau beobachten müsse, und hofft, daß aus einem Kunden kein Konkurrent werde.

Mehr Comedy, mehr Reality

Pro Sieben setzt außer auf Spielfilme wie "Spiderman" und "Men in Black 2" und amerikanischen Serien wie die Schönheitschirurgen-Hochglanzsoap "Nip/Tuck" auf mehr Comedy und mehr Reality in der Hauptsendezeit. Was insofern beunruhigend ist, da mit Comedy unter anderem die neue Podiumsshow "Freispruch" mit Ingolf Lück gemeint ist, die auf der nach unten offenen Grottigkeitsskala ungeahnte Tiefen erreicht hat. Es sind Witze, deren Ablesen selbst die Kalle Pohls dieser Welt verweigern würden.

Und ein Erfolgsbeispiel für Reality ist natürlich die Show "Die Alm", in der seit zweieinhalb Wochen täglich unbekannte Möchtegern-Prominente mit Exkrementen spielen: "Formate, die verdeutlichen, daß es um das wirkliche Leben geht, werden immer wichtiger", sagt de Posch in diesem Zusammenhang.

Sat.1 zeigt's allen

Schwestersender Sat.1 setzt auch in diesem Jahr wieder auf sein seit vielen Jahren bewährtes "Event", die Welt mit einem neuen Slogan zu überraschen, der jedesmal von Kreativen für viel Geld erfunden wird, das absolute Nonplusultra der Fernsehsenderslogans darstellt und nie länger als zweieinhalb Jahre hält. Der Sender, der uns unter anderem "Volle Stunde, volles Programm", "Ich drück's dich", "Ja!" und "Powered by emotion" brachte, wirbt ab September mit den Worten "Sat.1 zeigt's allen" für sich. Das ist zwar ein schlechtes Remake des Ende der neunziger Jahre von RTL verwandten Werbesatzes "Wir zeigen's Ihnen", aber so würde das Sat.1 natürlich nicht formulieren.

Sat.1 formuliert es so: ",Sat.1 zeigt's allen' steht für die immer stärker werdende Innovationskraft des Senders, für seinen Qualitätsanspruch, aber auch für die Kraft der Marke Sat.1, Fernsehen zum Erlebnis zu machen." Und "Erlebnis" ist doch irgendwie, genau, ein Synonym für "Event". Eine "Event-Show" wird ab Herbst eine Sendung mit Kai Pflaume mit dem Arbeitstitel "Sie sucht Traummann", wobei laut Ankündigung die Überraschung darin besteht, daß der Ausgewählte möglicherweise, ohne daß sie es weiß, schwul sein könnte. Ein "Event-Mehrteiler" ist die Sat.1-Verfilmung "einer der größten Liebesgeschichten aller Zeiten": "Die Nibelungen", inszeniert von Uli Edel mit Benno Fürmann, Kristanna Loken und Max von Sydow.

Außerdem im Programmangebot: "Kämpf um deine Frau", eine tägliche Vorabendsendung, in der Männer zehn Wochen lang zusammen mit verschiedenen Therapeuten, Coaches, Benimmtrainern und Kochlehrern eingesperrt werden, bis sie es verdient haben, von ihren enttäuschten Frauen wieder genommen zu werden. Dazu die Champions League ("Live-Events in der Königsklasse") und wieder einmal ein neuer Name, eine neue Dekoration, ein neues Konzept und ein neuer Moderator für die Sat.1-Nachrichten, die sich ungefähr im gleichen Rhythmus verändern wie die Sat.1-Slogans und ungefähr mit dem gleichen nachhaltigen Erfolg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2004, Nr. 175 / Seite 38
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