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Zum Tod von Andrzej Wajda : Chronist und Traumdeuter seines Landes

Mit ihm endet eine Epoche des europäischen und polnischen Films: Andzej Wajda Bild: Imago

Das Autobiographische und die Zeitgeschichte trafen bei ihm immer wieder zusammen, wenn auch mitunter zeitversetzt: Zum Tode des großen polnischen Filmregisseurs Andrzej Wajda.

          Eine Kapelle auf einem Hügel, mitten im polnischen Frühling: Zwei Männer warten auf einen Wagen, der die Landstraße hinaufkeucht. Als der Wagen auf die Kapelle zufährt, feuern sie mit Maschinenpistolen auf die beiden Insassen. Eines der Opfer flüchtet zur Kirchentür, wo ihn die Garben der Verfolger durchsieben. Sterbend fällt der Mann zu Füßen der Marienstatue nieder, während der Killer Maciek und sein Komplize Andrej, zwei ehemalige Kämpfer der polnischen Heimatarmee, das Weite suchen. Dann findet ein Bauer die Leichen. Es sind nicht die kommunistischen Funktionäre, die Maciek und Andrej töten sollten, sondern Arbeiter aus einem nahen Zementwerk. Die Mörder bekommen eine zweite Chance, doch von nun an sind sie vogelfrei. Es ist der 8. Mai 1945: Der Krieg ist vorbei, der Bürgerkrieg geht weiter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Geschichte des polnischen Kinos der Nachkriegszeit beginnt mit diesen Bildern, mit der Anfangsszene aus Andrzej Wajdas Film „Asche und Diamant“ von 1958. Natürlich hat es auch vorher schon bedeutende Filme gegeben, nicht zuletzt die beiden ersten Teile der Kriegstrilogie, die Wajda mit „Asche und Diamant“ abschloss, seine Examensarbeit „Eine Generation“ und den „Kanal“, Wajdas Elegie auf den gescheiterten Warschauer Aufstand.

          Wie James Dean das Inbild einer Generation

          Aber mit dem Auftritt von Maciek und Andrej bekommt Wajdas Kino eine neue Qualität, seine Helden werden zu Figuren eines nationalen Epos, an dem von nun an jeder seiner Filme weiterschreiben wird. Es ist die Geschichte einer verlorenen Generation und eines gespaltenen Landes, die hier erzählt wird, und die polnische Gesellschaft hat sich drei Jahrzehnte lang in dieser Geschichte wiedererkannt, bis das Ende des Kalten Krieges zwar nicht ihre innere Zerrissenheit, aber ihre äußere Zwangslage beendete.

          Im Jahr 1981 erhielt er die Goldene Palme von Cannes für „Iron Man“, und Sean Connery gratuliert.

          Maciek, den Mörder, spielte Zbigniew Cybulski, der mit dieser Rolle zum Inbild einer Generation wurde wie James Dean in Amerika. Nachdem er 1967 von einem Zug überrollt worden war, widmete ihm Wajda einen Film, der den Prager Frühling, die Studentenunruhen, den ganzen Aufbruch der sechziger Jahre souverän ignorierte. „Alles zu verkaufen“ handelt von einem Kinoteam, das seinen Hauptdarsteller bei einem Zugunfall verliert und daraufhin versucht, den Film ohne ihn weiterzudrehen. Es ist Wajdas „Achteinhalb“, aber mit einer Wendung ins Abgründige, die kein anderer Regisseur so ungeschützt inszeniert hätte. Am Ende wird der tote Star durch den Nachwuchsschauspieler Daniel ersetzt, dessen Darsteller Daniel Olbrychski von da an auch Cybulskis Rolle in Wajdas Filmen übernahm.

          Fassaden, so weiß wie nach dem Krieg

          Das Autobiographische und die Zeitgeschichte treffen in Wajdas Kino zusammen, als hätte er sich vorgenommen, Chronist und Traumdeuter seines Landes zugleich zu sein. Direkt nach „Asche und Diamant“ dreht er „Lotna“, die Geschichte eines Pferdes, das zum Symbol der polnischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg wird, ein Märchen in schwelgerischen Farben und delirierenden Bildern. Als die Regierung Gierek in den siebziger Jahren ihre Repressalien verschärft, antwortet er mit „Der Mann aus Marmor“, einem Film über die Suche nach der Wahrheit hinter den Heldenbildern des Sozialismus, für das er ganze Straßenzüge der Bergarbeiterstadt Nowa Huta abwaschen lässt, damit die geschwärzten Fassaden wieder so weiß leuchten wie kurz nach dem Krieg.

          Die Ehrung für das Lebenswerk folgte im Jahr 2000: Oscar und Küsse von Jane Fonda.

          Als in Danzig die Gewerkschaft Solidarność gegründet wird, folgt er dem Geschehen beinahe unmittelbar mit der Kamera, als aber neun Jahre später der Eiserne Vorhang fällt, erzählt er mit „Korczak“ die Geschichte des Arztes, der die Kinder des Warschauer Gettos nach Auschwitz begleitet hat. Er verfilmt Miskiewicz („Pan Tadeusz“) und Hochhuth („Eine Liebe in Deutschland“), er inszeniert die Französische Revolution („Danton“) und ein Liebesgetändel auf dem Lande („Die Mädchen von Wilko“). Und dann, mit achtzig Jahren, kehrt er zum Trauma seiner Kindheit zurück. Zu den polnischen Offizieren, die in „Das Massaker von Katyn“ zu Tausenden per Kopfschuss ermordet wurden, gehörte auch der Infanterieleutnant Jakub Wajda. Sein Sohn Andrzej hat fast ein ganzes Regisseursleben gebraucht, bevor er zu zeigen wagte, was damals geschah, aber dann geschah es mit derselben Klarheit und Konsequenz, die allen Filmen Wajdas eigen ist.

          Mit Andrzej Wajda, der am Sonntag im Alter von neunzig Jahren in Warschau gestorben ist, endet eine Epoche des polnischen und des europäischen Films. Sein Horizont reichte bis zu den Anfängen des Tonfilms und jenes Zeitalters der Ideologien zurück, dem wir entronnen sind, ohne es wirklich überwunden zu haben. So bleibt Wajdas Kino ein Erfahrungsschatz, der immer neu zu heben sein wird. Es erzählt eine Geschichte, die auch unsere Geschichte ist, weil wir Kinder und Enkel des Jahrhunderts sind, aus dem er kam.

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